Von Lummerland in die Welt

Michael Endes Kinderbuch "Jim Knopf" wird 50

Vor 50 Jahren kletterte auf Lummerland ein Junge aus einem Postpaket: Jim Knopf. Weltweit werden seither die Abenteuer von Jim und Lukas dem Lokomotivführer gelesen. Es war Michael Endes erster Bucherfolg.

07.08.2010

Von ELKE VOGEL, DPA

Stuttgart/Augsburg Keiner wollte Michael Ende diese Geschichte abkaufen. Ein Dutzend Verlage schickten ihm das 500-seitige Manuskript von "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" mit dem Vermerk "abgelehnt" zurück. Lotte Weitbrecht vom Stuttgarter Thienemann Verlag erkannte das Potenzial des Werks. Vor 50 Jahren, am 9. August 1960, erschien der erste "Jim Knopf"-Band.

Michael Ende (1929-1995) gelang damit lange vor "Momo" und "Die unendliche Geschichte" der Durchbruch als Schriftsteller. Jim Knopfs Abenteuer sind heute in 33 Sprachen übersetzt und auch auf thailändisch, hebräisch, paschtunisch, estnisch, albanisch und arabisch zu lesen. Vier Millionen Bücher wurden weltweit verkauft. Die "Augsburger Puppenkiste" machte Jim und Lukas zu "Stars an Fäden" für das Fernsehen.

Per Postpaket landet der schwarze Waisenjunge Jim eines Tages auf der kleinen Insel Lummerland. Die Bewohner Frau Waas, Lukas der Lokomotivführer, Herr Ärmel und König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte nehmen das Kind liebevoll auf. Als Jim größer wird, ist aber schnell klar: Die Insel ist zu klein für alle. Der König entscheidet: Lukas Lokomotive Emma muss weg. Eines Nachts verlassen Jim, Lukas und Emma deshalb die Insel, um eine neue Heimat zu suchen. Sie kommen in ein fernes asiatisches Land, wo helle Aufregung herrscht: Prinzessin Li Si wurde in die Drachenstadt Kummerland entführt. Natürlich helfen die beiden Freunde bei ihrer Befreiung.

Ende führt seine Helden durch fantastische Landschaften. Sie begegnen dem sagenhaften Scheinriesen Tur Tur, dem frustrierten Halbdrachen Nepomuk, dem winzigkleinen Ping Pong, dem fürchterlich scheußlichen Drachen Frau Mahlzahn und der Piratenbande Wilde 13. "Diese etwas skrupellose Mischung aus Märchen, Abenteuergeschichte und Science-Fiction-Elementen, die das Ganze hatte, die aber natürlich dem Spielbedürfnis vieler Kinder sehr entspricht, war damals etwas Neues", erklärte Michael Ende die Wirkung seiner Geschichte, die nebenbei auch von der Suche Jims nach seiner Herkunft handelt.

Zeichner F. J. Tripp gab den Figuren ihr typisches, freches Aussehen: Jim mit rotem Rolli, kurzer Hose und der Eisenbahnermütze auf dem Kopf. Sein Freund Lukas in blauer Arbeitskluft und Pfeife im Mundwinkel. Und beide mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Die Originalzeichnungen von Tripp sind in den heute verkauften Bänden "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" (1960) und "Jim Knopf und die Wilde 13" (1962) immer noch zu sehen. Er illustrierte auch Boy Lornsens "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" und Otfried Preußlers "Räuber Hotzenplotz".

Nach Motiven von Ende gibt es inzwischen einige Bände mit Nach- und Weitererzählungen, die seit 2005 der Zeichner Mathias Weber illustriert. Zum Geburtstag erscheint der Sachgeschichten-Band "Jim Knopf findet"s raus!", in dem der junge Held alles rund um Vulkane, Lokomotiven, Wüsten und das Verliebtsein erfährt.

Die Vermarktung von Jim Knopf geschieht bis heute behutsam, so dass die Figuren in den Köpfen der Leser weiterleben können. Das Marionettentheater "Augsburger Puppenkiste" brachte Jim und Lukas in den 60er und 70er Jahren ins Fernsehen. Das Lummerland-Lied "Eine Insel mit zwei Bergen" wurde in den 90er Jahren in einer Techno- Dance-Version zum Disco-Hit. Es gibt kongeniale Hörspiele und ein Kindermusical mit Musik von Liedermacher Konstantin Wecker. In der ARD laufen regelmäßig Wiederholungen einer 52-teiligen deutsch- französischen Zeichentrickserie.

"Ich habe die Geschichte damals mit einer großen Unschuld geschrieben. Ich hatte mir überhaupt nichts davon versprochen, hatte das Buch einfach nur mir selbst erzählt", sagte Ende einmal. Dass er so gar nichts bezwecken wollte, nehmen Leute wie Julia Voss dem Schriftsteller nicht ab. Fast 50 Jahre nach dem Erscheinen von "Jim Knopf" überraschte Voss im vergangenen Jahr mit ihrem Buch "Darwins Jim Knopf". Sie erzählt, dass es auf Charles Darwins Expeditionsschiff "Beagle" einen kleinen geraubten Jungen namens "Jimmy Button" gab und zieht Parallelen zwischen Lummerland und England.

Jim Knopf auf Lokomotive Emma und Lukas der Lokomotivführer sind in der Dauerausstellung des Museums der Augsburger Puppenkiste anzutreffen. Foto: epd

Der Autor Michael Ende wurde durch poetische Kinderbücher berühmt und beliebt.

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Erstellt:
7. August 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. August 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. August 2010, 12:00 Uhr

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