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Präsidentschaftswahl

Mexiko vor dem Umbruch

Mit Andres Manuel López Obrador kommt der erste Linke an die Macht. Der Ex-Bürgermeister von Mexiko-Stadt hat seine Bewegung ganz auf sich zugeschnitten.

03.07.2018

Von SANDRA WEISS

Der Linksnationalist Andres Manuel López Obrador bei einer Pressekonferenz in Mexiko-Stadt. Der neue Präsident ist umstritten, wird von seinen Anhängern aber wie ein Erlöser gefeiert. Foto: Ramon Espinosa/dpa

Puebla. Ihn umweht das Flair eines alternden Rockstars. Wenn Andres Manuel López Obrador, kurz Amlo, auftritt, werden ihm Kusshände zugeworfen und Handies für Selfies gezückt. Geschickt hat es der 64-jährige Politiker verstanden, in die Rolle eines Robin Hood zu schlüpfen. Als Rächer der Armen und Entrechteten präsentierte sich der Politikwissenschaftler im Wahlkampf. Und kam auch deshalb so gut an, weil er selbst aus einfachen Verhältnissen stammt und authentisch wirkt. „Mexiko ist ein reiches Land voller armer Menschen“, sagt er mit seiner schrillen Stimme. Für Liberale und Unternehmer ist das linker Populismus und Amlo ein rotes Tuch. Er werde Mexiko zu einem zweiten Venezuela machen, warnen sie in Anspielung auf den Niedergang des Erdöllandes unter dem Sozialismus. Sie fürchten Amlos Hang zum Autoritarismus ebenso wie sein Ideal vom starken Staat. Wenig Vertrauen weckt seine Wankelmütigkeit – etwa ob er den Bau des neuen Hauptstadtflughafens stoppt oder nicht.

Anders als der verstorbene venezolanische Expräsident Hugo Chávez ist Amlo jedoch kein Militär und kein politischer Newcomer. Seine politische Karriere begann er in der Jugendorganisation der damaligen Staatspartei der Institutionellen Revolution (PRI), 1988 schloss er sich den linken Rebellen in der Partei an, die die Partei der Demokratischen Revolution (PRD) gründeten. Für sie war er von 2000 bis 2005 Hauptstadtbürgermeister. In der Millionenstadt verschaffte er sich mit öffentlichen Bauten und einer Mindestrente für Senioren große Popularität. Seine Gegner versuchten damals, ihn auf dem Rechtsweg von der Präsidentschaftskandidatur abzuhalten. Wegen einer juristisch inkorrekten Enteignung eines Geländes für den Bau eines Krankenhauszubringers strengte das Parlament ein Amtsenthebungsverfahren an. Der Politprofi mobilisierte Hunderttausende für Unterstützungsdemos und präsentierte sich als Opfer. Schließlich wurde er doch zugelassen – und unterlag 2006 knapp dem konservativen Felipe Calderón, den er als „illegitimen Usurpator“ brandmarkte. Einsprüche gegen den vermeintlichen Wahlbetrug scheiterten jedoch.

Mit seinem Starrsinn eckt er an

Fortan bereiste Amlo das Land – er brüstet sich, schon in jedem Bezirk gewesen zu sein – und bereitete sich auf die neuerliche Präsidentschaftskandidatur vor. Doch auch 2012 unterlag er, diesmal dem smarten Jungpolitiker Enrique Peña Nieto, der die PRI nach zwölf Jahren wieder in den Präsidentenpalast katapultierte. Kurz darauf brach Amlo mit der PRD, weil diese mit Peña die Abschaffung des Erdöl-Staatsmonopols paktierte. Parteifreunde warfen ihm Starrsinn vor, hielten seine Entscheidung, 2014 eine eigene, ganz auf seine Person zugeschnittene Bewegung zur Nationalen Erneuerung (Morena) zu gründen, für riskant. Heute profitiert Morena vom allgemeinen Parteienüberdruss.

Mit Sprüchen wie „ich bin ein Christ; auch Jesus wurde von den Mächtigen verfolgt und gekreuzigt“ polarisiert der rüstige Senior mit dem weißen Haar. „Amlo ist ein Egozentriker“, sagt sein ehemaliger PRD-Parteigenosse Jesús Ortega. „Er ist ein Einzelgänger, er hat keine politischen Mentoren und nur wenige Freunde“, sagt der Politologe Jesus Silva-Herzog.

Als manicheistischen Messias bezeichnet ihn der konservative Historiker Enrique Krauze. Der linke Anthropologe Roger Bartra hält Amlo für einen Nostalgiker, der an die Zeiten des autoritären, korporativen Staatskapitalismus anknüpft. Ehemalige Parteigenossen sehen in ihm einen Verräter, der reihenweise korrupte Altpolitiker, fundamentalistische Evangelikale und opportunistische Gewerkschafter um sich geschart habe. Viele junge Leute fragen sich, wie ein Mann, der nicht reist und das als „Patriotismus“ präsentiert, die Geschicke eines mit der Weltwirtschaft hochgradig vernetzten Landes führen will.

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Erstellt:
3. Juli 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Juli 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Juli 2018, 06:00 Uhr

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