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Heute Urteil zu blutigem Streit nach rassistischen Pöbeleien

Messerstiche auf der Wiesn

Ex-Nationalspieler, Millionärsverlobte, rassistischer Pöbler, Klappmesser, gekaufter Zeuge: Heute endet in München ein spektakulärer Prozess.

10.08.2016
  • PATRICK GUYTON

München. Vor seinem Plädoyer hält Gerhard Strate eine Gardinenpredigt. An Tisch Nummer 178 im Käfer-Zelt auf dem Oktoberfest saßen „Industriefürsten und Wirtschaftskapitäne“, sagt der Hamburger Strafverteidiger. Und poltert: „Alle sind stiften gegangen wie die Hasenfüße.“

Einzig die 34-jährige Melanie M. habe sich eingemischt, als beim Rausgehen vor dem Nobel-Festzelt ein Schwarzer rassistisch beschimpft wurde, sagt Strate. Einzig Melanie M. habe „geradlinigen Charakter gezeigt“. Auch ihr Lebensgefährte Detlef F., so zürnt er, sei in der Nacht vom 19. auf den 20. September 2015 ein „Totalausfall“ gewesen. Der Hamburger Millionär ging „und ließ die Mutter seiner Kinder allein zurück“.

Strate überzieht denjenigen mit Kritik, der ihn als Anwalt bezahlt: Detlef F. Das macht er wohl kalkuliert. Strate verteidigt einzig die Verlobte Melanie M, lautet seine Botschaft. Und nicht den Millionär.

Vor dem Käfer-Zelt ist damals gegen ein Uhr nachts der schwerste gewalttätige Zwischenfall der Wiesn im Jahr 2015 passiert. Melanie M. rammte dem 33 Jahre alten Lkw-Fahrer Markus S. ein Messer in den Leib. „Mit Wucht zwischen den achten und neunten Rippenbogen“, beschreibt die Staatsanwältin Melanie Lichte. Es kam zu einem „Durchstich der Milz“ und einem Blutverlust von zwei Litern.

In einer Notoperation wurden S. das Leben gerettet und die Milz entfernt. Melanie M. ging nach dem Stich weiter feiern, die illustre Gruppe um ihren Verlobten Detlef F. zog in den Edel-Club P1.

Vor dem Landgericht München war die Frau des versuchten Mordes angeklagt. Nach der Beweisaufnahme stufte die Staatsanwaltschaft die Tat in ihrem Plädoyer in der vergangenen Woche als versuchten Totschlag herab und verlangt fünf Jahre Gefängnis. Die Verteidigung sieht Notwehr und fordert Freispruch.

Das Geschehen: Im Zelt des Feinkosthändlers und Festwirts Michael Käfer provozieren Markus S. und ein Freund von ihm. Sie sind nahe der Gruppe von Detlef F., zu der der farbige ehemalige Fußballnationalspieler Patrick Owomoyela gehört. „Jetzt sind schon die Flüchtlinge auf der Wiesn“, giften sie ihn an. Als „Neger“ und „Bimbo“ wird er beschimpft. Draußen vor dem Zelt kommt es erneut zu Anfeindungen. Melanie M. tituliert die beiden Freunde als „primitiv“, als „Rassisten“. S. soll geantwortet haben: „Schleich Dich, Du lässt Dich doch von dem Bimbo vögeln.“

Dann gehen die Darstellungen auseinander. Die Frau sagt, der Lkw-Fahrer habe sie „attackiert, beleidigt und gepackt“. S. habe „irre“ gewirkt, meint ihre Verteidigerin Annette Voges, sei „durchgehend im Aggressionsmodus“ gewesen. Melanie M. holte ein acht Zentimeter langes Kappmesser aus der Handtasche und stach zu. Sie habe nicht einmal gemerkt, ob sie getroffen hatte. Dann ging sie weiter zu den anderen. Das Messer hatte sie, so ihre Aussage, vor eineinhalb Jahren in London gekauft. Nach dem Stich warf sie es weg, es wurde nie gefunden.

Laut Markus S. war der Streit schon vorüber, als Melanie M. zustach. Mit „Schleich Dich“ habe er das Geschehen beendet, sei weitergegangen. Melanie M. soll dann, so Staatsanwältin Lichte, erneut zu S. gegangen sein und ihm das Messer in den Körper gerammt haben. Das Motiv der Tat: „Wut und Zorn über die Beleidigungen.“

Detlef F., 62 Jahre alt, kommt aus Hamburg und ist dort ein bekannter Millionär, Immobilien-Unternehmer und Angehöriger der Schickeria. Mit Melanie M. an seiner Seite zeigte er sich überall. Der Frau wiederum ist es fast nur um das Wohl ihrer drei Kinder gegangen – zwei besuchen die Schule, eins ist noch im Kindergarten. Seit zehn Monaten sitzt sie in München-Stadelheim in Untersuchungshaft. Von der Boulevardpresse wird sie als „Wiesn-Messerstecherin“ bezeichnet und immer als „Millionärs-Freundin“.

Alle waren völlig betrunken in dieser Nacht, S. stand zudem unter Drogen. Er und sein Freund hatten einen Blutalkoholwert von 2,2 Promille. Melanie M. gab an, mehrere Maß Bier, Sekt und Schnaps getrunken zu haben. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass sie vom P1 in die Mietwohnung gefahren wurde und sich dort übergeben musste.

Detlef M. zahlt viel, um seine Verlobte zu entlasten. Er hat drei der bekanntesten Strafverteidiger der Republik engagiert. Gerhard Strate etwa war der Verteidiger des langjährigen Psychiatrie-Insassen Gustl Mollath. Und er hat einen falschen Zeugen gekauft. Ein Schweizer gab vor Gericht an, das Geschehen beobachtet zu haben, er äußerte sich entlastend für Melanie M. Er wurde verhaftet und packte aus: F. hatte ihm 100 000 Euro für die Aussage geboten und weitere 100 000, wenn die Verlobte freigesprochen wird. Von dem Treiben ihres Partners will Melanie M. nichts gewusst haben, ebenso wenig die Verteidigerriege. Die Anwältin Voges gesteht ein, dadurch einen „schweren Stand“ zu haben.

Melanie M. sitzt auf ihrem Stuhl im Gerichtssaal, sie trägt einen schwarzen Blazer, ein hell-türkises Halstuch, ihre einst blondierten Haare sind nachgedunkelt. Sie weint immer wieder, schluchzt, schnieft in ihr Taschentuch. Die Staatsanwältin resümiert das Verfahren: „Wir haben gesehen, was passiert, wenn Geld keine Rolle spielt.“ Die Verteidigerin appelliert: „Lassen Sie diese Mutter endlich wieder zu ihren drei kleinen Kindern.“ Heute wird das Urteil gesprochen.

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10.08.2016, 06:00 Uhr
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