Von der Verrohung des Bürgertums

Menschenfeindliche Einstellungen nehmen vor allem unter Besserverdienenden zu

Seit 2002 erfassen Forscher jährlich, welche Vorurteile gegen Minderheiten in Deutschland existieren. Die Krise hat viele menschenfeindliche Einstellungen gefördert - vor allem in der Oberschicht.

04.12.2010

Von TANJA WOLTER

Die Wirtschaftskrise mag vorbei sein, doch der Finanzmarkt steht auf wackeligen Beinen, für einen Fortbestand des Wachstums gibt es keine Garantien und nicht nur die Kommunen, sondern ganze Staaten kämpfen gegen den Kassennotstand. Und unter dem Eindruck der Krise hat sich offenbar feindseliges und aggressives Denken gegenüber einzelnen Gruppen in Deutschland verstärkt. Das zeigt zumindest eine Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld, die gestern in Berlin vorgestellt wurde. Vor allem bei den Besserverdienenden ab einem Nettoeinkommen von 2500 Euro haben die Wissenschaftler von 2009 auf 2010 einen "deutlichen Anstieg" menschenfeindlicher Einstellungen beobachtet. "Die oberen Schichten holen auf", konstatiert Projektleiterin Beate Küpper - im negativen Sinne.

Zum neunten Mal hat die vom Soziologen Wilhelm Heitmeyer geleitete Forschungseinrichtung im Rahmen ihrer Langzeitstudie "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" untersucht, welche Vorurteile in den Köpfen der Menschen in Deutschland stecken. Wie die gesellschaftliche Mehrheit mit Gruppen umgeht, die ihren Platz nicht in der Mitte haben, mit Menschen anderer Herkunft, mit Mitbürgern auf einer anderen sozialen Stufe, mit Behinderten, Obdachlosen, Arbeitslosen und Homosexuellen.

2000 Bürger wurden diesmal telefonisch von Mai bis Juni befragt, also noch vor der Diskussion, die Thilo Sarrazin im Sommer mit seinen umstrittenen Thesen zu einem "sich abschaffenden Deutschland" lostreten sollte. Die Interviews ergaben, dass insbesondere Menschen mit höheren Einkommen den schwachen Gruppen ihre Unterstützung verweigern. Sie reklamieren verstärkt "Etabliertenvorrechte", wollen ihre Privilegien sichern und werten Schwächere ab. Ein solches Besitzstandsdenken wird in der Aussage "Wer irgendwie neu ist, sollte sich erst mal mit weniger zufrieden geben" deutlich. 64,7 Prozent der Befragten stimmten dem zu. 2009 waren es 53,7 Prozent.

Das Fazit des IKG: "Wer sich von der Krise bedroht fühlt, neigt insgesamt eher zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit." So hat in den oberen Einkommensgruppen die Islamfeindlichkeit besonders stark zugenommen. Auch Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und die Abwertung von Langzeitarbeitslosen, ja generell rechtspopulistische Einstellungen, erfahren an der Spitze der Gesellschaft eine Zunahme. Die Forscher interpretieren diese Entwicklung als eine "deutliche Vereisung des sozialen Klimas". Und sie sprechen von einer zunehmend "rohen Bürgerlichkeit". Diese Rohheit zeige sich unter anderem in Forderungen nach dem Abbau von sozialstaatlichen Anrechten. Die Formel laute: "Gnade durch Wohlhabende und Selbstverantwortung der sozial Schwachen."

Die Islamfeindlichkeit schwillt in Deutschland aber generell an, auch in den anderen Bevölkerungsschichten. 26,1 Prozent der Befragten gaben an, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. Im Vorjahr waren es 21,4 Prozent. 38,9 Prozent erklärten, sich "durch die vielen Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land" zu fühlen - nach 32,2 Prozent im Vorjahr. "Da lädt sich etwas auf", stellt die Sozialpsychologin Küpper fest. Es habe den Anschein, als seien Muslime als Feindbild "freigegeben". Dabei sei die Islamphobie dort am höchsten, wo die wenigsten Muslime leben - im Osten.

Ein weiteres Ergebnis: Die Demokratieverdrossenheit steigt, und damit auch der Anteil jener, die es für sinnlos halten, sich politisch zu engagieren. Er liegt bei 44 Prozent.

Zumindest in Teilbereichen kann das Institut aber eine kontinuierliche Abnahme abwertender Einstellungen beobachten. So reduziert sich die Zustimmung zu sexistischen Aussagen wie "Frauen sollen sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen". 80 Prozent verneinen dies inzwischen. Auch ist die Akzeptanz von Homosexuellen insgesamt gestiegen, wobei immer noch ein Viertel der Befragten der Meinung ist, dass Ehen zwischen zwei Frauen oder zwei Männern verboten sein sollten.

Wer nicht zur gesellschaftlichen Mitte gehört, wie dieser Obdachlose, wird oft angefeindet. Die Krise hat manche Vorurteile noch verschärft. Foto: dapd

Zum Artikel

Erstellt:
4. Dezember 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Dezember 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Dezember 2010, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App