Schauspiel Stuttgart

Menschen und andere Katastrophen

Andres Veiels „Ökozid“ und Roland Schimmelpfennigs „An und Aus“: Zwei Stücke zur Klimakrise eröffnen die Spielzeit.

27.09.2021

Von JANA ZAHNER UND OTTO PAUL BURKHARDT

Angela Merkel (Nicole Heesters, links) muss ihre Klimapolitik vor Richterin Hannah Klein (Anke Schubert) rechtfertigen. Foto: Julian Baumann/Schauspiel Stuttgart

Stuttgart. Nach tagelangen Regenfällen in Sierra Leones Hauptstadt Freetown riss 2017 ein Erdrutsch mehr als tausend Menschen in den Tod. „Diese Katastrophen finden immer häufiger statt“, beobachtet Yvonne Aki-Sawyerr seit Jahren. Die Bürgermeisterin der westafrikanischen Millionenstadt berichtete am Freitag auf der Bühne des Schauspielhauses Stuttgart, wie massiv ihr Heimatland schon jetzt unter der Klimakatastrophe leidet – obwohl es im weltweiten Vergleich wenig CO2-Emissionen ausstößt. Aki-Sawyerrs bewegende Rede eröffnete die erste Premiere der neuen Spielzeit: „Ökozid“.

Was wäre, wenn die Länder des globalen Südens die Industrienationen für ihre Umweltverschmutzung zur Rechenschaft zögen? Das Stück des in Stuttgart geborenen Regisseurs Andres Veiel und der Filmemacherin Jutta Doberstein ist ein Modellversuch: Eine Koalition aus 31 Staaten verklagt im Jahr 2034 vor dem Internationalen Gerichtshof die Bundesrepublik Deutschland und fordert Schadenersatz. Als Zeugin vorgeladen: Die einstige „Klima-Kanzlerin“ Angela Merkel (Nicole Heesters). Die junge Anwältin Larissa Meybach (Josephine Köhler) will beweisen: Unter Merkels Regierung wurden Klimaschutzmaßnahmen ausgebremst, um die deutsche Autoindustrie zu beschützen.

Richterin Hannah Klein (Anke Schubert) muss eine Entscheidung treffen: Gibt sie der Klage statt, schafft sie den Präzedenzfall, macht den Weg frei für ähnliche Prozesse. Lehnt sie die Klage ab, lässt sie die notleidenden Staaten im Stich.

„Ökozid“ ist mehr Traktat als Theater. Schon als Veiel das Ergebnis seiner jahrelangen Recherchen 2020 als Spielfilm im ARD-Fernsehen zeigte, kam die Frage auf, ob eine Klima-Dokumentation nicht angemessener wäre. Veiels Werk zeigte: Auch Fiktion kann dem komplexen Thema gerecht werden. Dass „Ökozid“ auch auf der Bühne funktioniert, ist der wirkungsvollen Inszenierung von Schauspielchef Burkhard C. Kosminski und den Darstellern zu verdanken. Sie verhindern, dass das Stück unter der Last der Fakten zusammenbricht. Josephine Köhler etwa rattert einen komplexen Exkurs über Emissionshandel so mühelos herunter, als würde sie das Vaterunser aufsagen.

Ebenfalls herausragend: Nicole Heesters verkörpert die greise Ex-Bundeskanzlerin als beherrschte, würdevolle Machtpolitikerin, die zum Schluss menschliche Größe beweist. Wenn Heesters übergroß auf einer Leinwand zu sehen ist, dann genügen ihr wenige Gesichtsmuskeln, um von der inneren Zerrissenheit der Kanzlerin zu erzählen.

In „Ökozid“ geht es nicht darum, einen Sündenbock für die jahrzehntelangen Versäumnisse in der Klimapolitik zu finden. Was das Stück auf die Bühne bringt, ist die Geschichte einer kollektiven Verdrängung. Warum sollte ein Politiker unbequeme Entscheidungen zugunsten des Klimaschutzes treffen, wenn die Mehrheit der Bürger das offenbar überhaupt nicht will, sondern lieber im „Stadtpanzer“ die Kinder zur Schule bringt?

Das Bühnenbild: Zuerst ein schlichter Verhandlungssaal, später prasseln Unmengen Plastikflaschen von der Decke. Sie erinnern an einen Scherbenhaufen. Zum Schluss werden die Flaschen zur Flut, die sich unerbittlich auf das Publikum zuschiebt. Das letzte Wort hat die Natur.

Schwarzer Schnee rieselt

Die Premiere von „An und Aus“ von Roland Schimmelpfennig beginnt am Samstag mit einer kurzen Irritation. In einem kleinen japanischen Hafenhotel, in dem sich drei Paare untereinander betrügen, flackert das Licht, geht an und aus. Realität und Wahrnehmung geraten außer Kontrolle. Eine Frau sieht sich plötzlich als Wesen mit zwei Köpfen, einem Mann kommt es so vor, als fehle ihm der Mund, einem dritten brennt das Herz.

Dass das flackernde Licht mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima zu tun hat, wird nie explizit erwähnt. Doch das Datum des Bebens – 11. März 2011 – wird zu Beginn wie ein Menetekel auf eine riesige weiße Papierwand geschrieben.

Nein, das Politische, Direkte und Spektakuläre liegt Schimmelpfennig nicht. Der Dramatiker mag es lieber leise, poetisch und gerne skurril. So gesehen, bildet „An und aus“ im Klimawochenende am Schauspielhaus eine Art Gegenstück zu „Ökozid“. Regie führt auch hier Kosminski, der seine Mannheimer Inszenierung von 2016 nun für Stuttgart eingerichtet hat.

Schimmelpfennig jongliert mit Kontrasten, verbindet schwere Themen mit schwebeleichter Sprache, balanciert zwischen Düsternis und Slapstick, switcht vom Realen ins Surreale. Zugegeben, manches schrammt am Edelkitsch vorbei, auch bei den Motiven – erst im Juli war Schimmelpfennings „Reigen“-Variante in Stuttgart zu sehen – scheint sich der Autor öfter zu wiederholen. Dennoch, „An und aus“ kommt ohne pompösen Weltermahnungs-Gestus aus, verwebt stattdessen private Ödnis und große apokalyptische Ereignisse ineinander. Die Figuren nehmen in Alpträumen die Folgen der Katastrophe vorweg.

Kosminskis behutsame, ideenreiche Regie schafft eine bizarre Atmosphäre. Papierbahnen rauschen wie das Meer, zur Lovestory zwischen Biene und Wal erklingen Debussy-Arabesken. So, dass die reale Bedrohung fast allzu poetisch schöngeredet wird. Zum Ausgleich lässt die Regie schwarzen Fallout-Schnee vom Himmel rieseln und schließt mit endzeitlichem Donner. Anhaltender Beifall für zwei starke Premieren.

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Erstellt:
27. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. September 2021, 06:00 Uhr

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