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Deutsche Sprache, schwere Sprache

Meist motiviert, oft traumatisiert: Wie Flüchtlingskinder und Jugendliche an Schulen lernen

Junge Flüchtlinge werden nach ihrer Ankunft in Deutschland ein Jahr lang in speziellen Klassen unterrichtet. Eine Herausforderung für Schüler und Lehrer - nicht nur aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse.

14.12.2015
  • CHRISTINA BAUMGARTNER

Stuttgart. Es sind die ganz alltäglichen Situationen, die für die jungen Flüchtlinge zunächst eine Schwierigkeit darstellen: Einkaufen, U-Bahnfahren oder der Gang zur Behörde. "Wir geben Hilfestellung, damit sich die Jugendlichen im Alltag zurechtfinden können", weiß Lia Ieva, die an der Stuttgarter Steinbeisschule, einer beruflichen Schule, eine sogenannte VABO-Klasse (Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf für Schüler und Schülerinnen ohne Deutschkenntnisse) unterrichtet. In ihrer Klasse arbeitet sie mit 18 jungen Flüchtlingen.

Diese Zahl entspricht gleichzeitig auch der Obergrenze an Schülern in einer VABO-Klasse. Denn die Herausforderung für die Lehrer liegt nicht nur in den kulturellen Unterschieden und sprachlichen Barrieren sondern auch in den völlig ungleichen individuellen Begabungen und Voraussetzungen, mit denen die Flüchtlinge in die Klasse kommen. "Es gibt Schüler, die ein Jahr an der Schule sind und dann schon sehr gute Deutschkenntnisse haben und andere, die deutlich länger brauchen", sagt die junge Lehrerin. Das kann auch Schulleiter Herbert Bläsi bestätigen: So könnten in manchen Fällen durchaus vier bis sechs Jahre ins Land ziehen, bis ein Flüchtling den Ausbildungsabschluss erwerben könne.

Spätestens sechs Monate nach ihrer Ankunft in Deutschland werden die jungen Flüchtlinge schulpflichtig. Und die Klasse, die Ieva an der Steinbeisschule unterrichtet, ist nur eine von insgesamt 121 VABO-Klassen an Beruflichen Schulen im Regierungsbezirk Stuttgart, die aktuell 1953 Schüler besuchen.

Auch an der Stuttgarter Rosensteinschule, einer Grund- und Werkrealschule, werden Flüchtlingskinder im schulpflichtigen Alter in Deutsch unterrichtet - in sogenannten Vorbereitungsklassen (VKL), von denen es derzeit an allgemeinbildenden Schulen im Regierungsbezirk Stuttgart 684 mit 9312 Schülern gibt. Laut Ingrid Macher, Schulleiterin der Rosensteinschule, wird nun im Januar die sechste VKL-Klasse an der Schule eingerichtet werden.

Sie hat die Erfahrung gemacht, dass die Flüchtlingskinder gut in die Gemeinschaft integriert werden, auch auf dem Schulhof nicht separiert seien. Ohnehin hätten 90 Prozent der Schüler an der Schule im multikulturell geprägten Stuttgarter Nordbahnhofviertel einen Migrationshintergrund. "Auf strahlende Augen von Kindern, die einfach nur froh sind, in Sicherheit zu sein", traf Regierungspräsident Johannes Schmalzl vergangene Woche bei seinem Besuch beider Schulen. Er hob die Bedeutung des gegliederten Schulsystems in Baden-Württemberg mit seiner hohen Durchlässigkeit als "Segen" hervor, betonte aber auch, dass die Situation eine Herausforderung sei.

"Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg", so Schmalzl, allerdings müsse auch klar sein, dass die deutsche Sprache eben nicht gerade die "leichteste der Welt" sei. Seit dem vergangenen Jahr ermögliche das Land nun auch sogenannten "Nichterfüllern" ohne zweites Staatsexamen in diesen Klassen zu unterrichten. 600 zusätzliche neue Lehrerstellen könnten mit dem nächsten Nachtragshaushalt zur Beschulung von jugendlichen Asylbewerbern und Flüchtlingskindern geschaffen werden, betonte Schmalzl. Ein wichtiger Schritt, denn den Lehrern dürfe nicht Unzumutbares abverlangt werden.

Auch gebe es spezielle Angebote, um die Lehrer psychologisch bei ihrer Arbeit mit traumatisierten jungen Flüchtlingen zu unterstützen, sagt Matthias Kaiser, Stellvertretender Amtsleiter am Staatlichen Schulamt Stuttgart. "Auch die Lehrer müssen lernen, dass sie keine Therapeuten sind und sich selbst schützen", erklärt Kaiser.

An der Steinbeisschule zumindest wird der Unterricht regelmäßig von Schulsozialarbeitern begleitet: "Diese fungieren nicht nur als Ansprechpartner für die Schüler, sondern auch für die Lehrer", sagt Lia Ieva. Die Motivation unter den Schülern in den VKL- und VABO-Klassen sei meist gegeben, darin waren sich Lehrer der Steinbeis- und der Rosensteinschule beim Besuch des Regierungspräsidenten einig.

Können die Kinder Deutsch, tragen sie in den Familien eine große Verantwortung und fungieren beispielsweise als Übersetzer bei Arztbesuchen, wusste Mirna Kurevija, Lehrerin an der Rosensteinschule, zu berichten. Trotz aller Verpflichtungen kämen die meisten regelmäßig in den Unterricht - auch wenn die Voraussetzungen für einen unbeschwerten Schulbesuch wegen Traumata und beengter Wohnsituation bei vielen erschwert sind.

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14.12.2015, 08:30 Uhr
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