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Comics · Barbara Yelin

„Meine große Leidenschaft“

Barbara Yelin ist eine der erfolgreichsten Zeichnerinnen Deutschlands, weltweit gefeiert für ihre Graphic Novels und beliebt als Szene-Netzwerkerin.

21.06.2019

Von Claudia Reicherter

Barbara Yelin signiert eines ihrer Bücher auf der Atelier-Terrasse in Giesing. Foto: Claudia Reicherter

Vögel zwitschern, eine Turmuhr schlägt, der Mühlbach rauscht unter der Terrasse am Gemeinschaftsatelier hervor und für ein paar Meter an der freien Luft an kleinen Häusern der Giesinger Nachbarschaft vorbei, bevor er in Richtung Kolumbusplatz wieder unter einem Betondeckel verschwindet. Barbara Yelin vespert am Gartentisch ein Feta-Brot und telefoniert mit ihrer verbundenen rechten Hand am Handy. Hoffentlich nichts Schlimmes? Sie winkt ab: eher Präventivmaßnahme.

Wie die gebürtige Münchnerin an diesem Sommertag so dasitzt, würde man nicht denken, dass sie ein internationaler Star ist: weites sommerliches Baumwollkleid, ungeschminkt, die Haare locker hochgesteckt. Sie spricht leise und überlegt, erinnert dabei an Autorinnen und Intellektuelle des vergangenen Jahrhunderts. Überhaupt wirkt die Mutter eines Zweijährigen, so nah am Zentrum der schicken, hektischen bayerischen Landeshauptstadt, angenehm aus der Zeit gefallen.

Holt sie zum Signieren eines Buchs drei Gläser mit farbiger Zeichentusche und ein paar weiche Buntstifte vom Arbeitstisch im ehemaligen Ladenlokal Ecke Voß- und Mondstraße, entsteht in wenigen Strichen eine reizende Figur in Blau-Grün-Grau. Da löst sich die Frage, weshalb Barbara Yelin zu den bekanntesten Vertreterinnen ihres Fachs in Deutschland und weit darüber hinaus gehört, in staunendes Wohlgefallen auf. Comic-Künstler müssen keine Hochglanzwesen sein. „Aber die meisten sind sehr nette Menschen“, sagt Barbara Yelin. Dasselbe sagen ihre Kollegen über sie: Weil sie eine eifrige, begeisterte Netzwerkerin ist, die andere unterstützt.

Barbara Yelin. Foto: Martin Friedrich

Geboren wurde sie 1977, ausgebildet an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg unter anderem bei Anke Feuchtenberger. Mit bislang sieben Buchpublikationen – die ersten beiden in Frankreich von der Öffentlichkeit nahezu unbeachtet – hat sie seit 2004 im deutschsprachigen Raum so ziemlich alles an Preisen, Auszeichnungen und Stipendien abgeräumt, was es gibt.

Und auch weltweit mit dem französischen Prix Artemisia und dem Cheminots sowie Nominierungen für den US-amerikanischen Ignatz und den Eisner Award für Aufsehen gesorgt. Mit „Irmina“. Das Buch vereinte 2014 schon alles, was ihre Arbeit bis heute auszeichnet: die Blau- und Grautöne, die aquarellierende Technik, der malerische, poetische Stil – und die keineswegs einfache Thematik, die sie bewusst kontrovers mit Leben füllt.

Fiel es schwer, in „Irmina“ die Geschichte einer engen Verwandten zu erzählen, ohne sie zu idealisieren?

Barbara Yelin: Das war mein bisher umfangreichstes Projekt, und dabei habe ich letztlich am meisten gelernt. Dem Buch liegt die Geschichte meiner Großmutter zugrunde. Ich wusste irgendwann, ich will das erzählen und es wird schwierig. Denn ich konnte nur Teile ihrer widersprüchlichen Biografie recherchieren. Deshalb spannte ich den Roman darüber. Ich habe Fragen gehabt, die ich mit der Geschichte bearbeitet habe. Das finde ich eigentlich den besseren Ausgangspunkt für eine Geschichte: Fragen zu stellen und ihnen nachzugehen, statt zu sagen, ich weiß was. Das war drei Jahre Arbeit. Eine Herausforderung, die aber auch Spaß machte.

Sehen Sie sich als Graphic Novelistin mehr als Künstlerin oder als Literatin?

Da habe ich gearbeitet, wie ein Romanautor sicher auch arbeitet. Aber beim Comic muss man sehr wirtschaftlich erzählen. Jede Szene ist total wichtig, denn 300 Seiten zu zeichnen, ist schon viel. Jedes Wort, jedes Bild wird dreifach überprüft auf seine Bedeutung. Trotzdem will ich es so erzählen, dass es locker bleibt . . . In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten hat mich immer mehr die Narration interessiert. Anfangs war mir das Experimentelle wichtiger. Später wollte ich dann wirklich erzählen lernen, mit offenen Zeichnungen, damit es nicht so eng wird, dem Leser Raum lässt.

Kommt daher auch Ihr manchmal fahriger, suchender Strich?

Die Entscheidung für einen Stil hat natürlich immer damit zu tun, was man kann und was nicht. Ich bin ungeduldig. Ich überlege nicht und mache dann einen Strich, sondern ich überlege beim Zeichnen. Dieses Skribbeln zeigt mir erst meine Ideen. Ich bin keine Konzepterin, sondern eine große Verfechterin von Zeichnen als Prozess, etwas zu erforschen. Das ist ein Zustand, der mich sehr beglückt: dass Zeichnen erkenntnisfördernd ist.

Wie kam es, dass Sie das Plakat für das Münchner Comicfestival gestalteten?

Der Veranstalter Heiner Lünstedt hat mich gefragt. Die Wahl lag nahe, ich lebe in München, bin eine erfahrene Zeichnerin und ich habe große Leidenschaft für Comics, aber nicht für alle. Deswegen habe ich mir da viel Mühe gegeben, der Vielfalt gerecht zu werden und zugleich das Fantasievolle hervorzuheben. Um auch Leserinnen anzusprechen, denn mir sind Frauen im Comic ein Anliegen, und auch das Bunte in das doch immer wieder recht brave München zu bringen.

Tipps zum Besuch des Comicfestivals München

Plakat zum Comicfestival 2019, gestaltet von Barbara Yelin. Foto: Comicfestival München

Stargäste Zum Comicfestival sind am Wochenende viele internationale, nationale und regionale Größen in der Alten Kongresshalle in München zu Gast. Barbara Yelin empfiehlt die Künstlergespräche zwischen Sean Chuang aus dem Gastland Taiwan und Comic-Spezialist Paul Gravett (Fr 10/14 Uhr), für Kinder die Petzi-Zeichenkurse mit Thierry Capezzone (Fr 11/Sa 14/So 15 Uhr), US-Underground-Star Denis Kitchen (Fr 13 Uhr), den Franzosen Lewis Trondheim (Fr 14 Uhr, Institut Français; Fr 18 Uhr, Saal 2), den argentinischen „Batman“-Zeichner Eduardo Risso (Sa 16 Uhr) sowie Gespräche zu Sexismus im Comic (Sa 15 Uhr) und die ArtZi-Workshops.

Barbara Yelin live Sie selbst moderiert das Künstlergespräch „Grenzüberschreiterinnen“ mit Olivia Vieweg, Katja Klengel und Lisa Frühbeis (Sa 17.30 Uhr) und stellt die Frage „Wie spreche ich mit Verlagen?“ (So 14.30 Uhr).

Auszeichnungen Der Icom Independent Comic Preis (Fr 19 Uhr) und der 8. Peng!-Preis, für den unter anderem Barbara Yelins „Das Wassergespenst von Harrowby Hall“ nominiert ist, werden beim Festival verliehen (Sa 21 Uhr).

Ausstellungen Institut Français: „Lucky Luke sattelt um“ von Mawil (Finissage So 17.30 Uhr); Amerika- Haus: „80 Jahre Batman“ (bis 30. September); Instituto Cervantes: Eduardo Risso (bis 27. Juni); Valentin-Musäum: Zeichnungen aus „Titanic“ (bis 9. Juli); Jüdisches Museum: Barbara Yelins und David Polonskys Originalseiten aus „Channa Maron“; Kösk: Originale und Skizzenbücher von Frank Schmolkes „Nachts im Paradies“: Alte Kongresshalle: unter anderem Comics aus Taiwan; Olivia Vieweg und Austrian Superheroes.⇥cli

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Erstellt:
21. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Juni 2019, 06:00 Uhr

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