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Arzt, Helfer und Flüchtling

Mediziner, der aus Syrien floh, behandelt nun selbst Asylsuchende

Viele Mediziner versorgen die große Zahl an Asylsuchenden im Land, doch die Verständigung ist schwierig. Arabisch oder Persisch können wenige - darunter ein Arzt, der selbst als Flüchtling kam.

26.10.2015
  • KIM A. ZICKENHEINER, DPA

Leinfelden-Echterdingen Scheu schaut der kleine kranke Junge aus den Armen seines Vaters hervor. In der Nacht und am Morgen sei seine Stirn heiß gewesen, berichtet der Syrer. Der Arzt hört mit ernster Miene zu und nickt. Sie stehen in einem hohen, weißen Zelt. Plastikplanen hängen von der Decke und trennen drei Behandlungsliegen voneinander ab. Die Männer unterhalten sich auf Arabisch. Doch das Zelt steht in Deutschland - in der Halle 9 der Stuttgarter Messe, einer Notunterkunft für rund 1000 Flüchtlinge.

Khaled Shamsi ist Arzt, der selbst vor der Gewalt nach Deutschland geflohen war. Vor zwei Jahren kam der syrische Kurde. Jetzt behandelt er ehrenamtlich andere Flüchtlinge. Der Verdacht auf einen Infekt bei dem Einjährigen erhärtet sich nicht. Shamsi rät dem Vater, wachsam zu bleiben und notfalls zurückzukommen. Dann kommt der nächste Patient. Nachmittags startet die Sprechstunde im Zelt, sie dauert manchmal bis in die Nacht.

Jugendliche Flüchtlinge wuseln herum. Ihre orangen Westen weisen sie als Dolmetscher aus, ihre Namen und Sprachen haben sie mit Filzmarker auf den Stoff geschrieben. Anders als seine Kollegen braucht Shamsi sie nicht - er spricht neben Deutsch und Kurdisch auch Arabisch und kann sich zudem auf Persisch, Türkisch und Englisch verständigen. So entfallen Missverständnisse - und die Behandlung läuft schneller. "Es geht nicht darum, Flüchtlingen zu helfen, sondern Menschen zu helfen", betont der 33-jährige Chirurg.

Auch in seiner Heimat Syrien sei das sein Antrieb gewesen. "In meiner Stadt kennt mich jeder", sagt er. Shamsis Verwandte harren noch immer in Kamischli im Norden von Syrien aus. Sie wollen weg, aber nur gemeinsam - und die weite Reise ist gefährlich und teuer.

Seit kurzem ist Shamsi in Deutschland als Arzt zugelassen. So kann er den Maltesern eigenständig helfen. Sie sind zuständig für die medizinische Betreuung der Flüchtlinge in der Messe Stuttgart in Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen). Fälle wie Shamsi seien selten, sagt Oliver Erens von der Landesärztekammer. Für die Approbation brauche es vollständige Unterlagen, die nur wenige hätten, dazu ordentliches Deutsch.

Unter den Ärzten in Baden-Württemberg gebe es eine große Bereitschaft zu helfen, sagt Erens. Die Verständigung funktioniere meistens auch halbwegs - mit Englisch, Französisch oder schlichtem Gestikulieren. Bei schwierigen Fällen sei aber ein Übersetzer unerlässlich.

Oder ein sprachbegabter Arzt. Nächste Patientin ist eine 38-jährige Afghanin. Sie setzt sich auf einen Stuhl, hustet und berichtet Shamsi von ihrem Leiden. Der Arzt misst ihre Temperatur am Ohr und gibt ihr Medikamente aus einer der großen Stahlkisten mit. Häufig fragen ihn die Flüchtlinge, wie es mit ihnen weitergeht. Dass sie sich verstehen, schafft Vertrauen. Antworten kann Shamsi nicht geben.

Die Strapazen der Flucht machten die Menschen anfälliger für Infektionen, schreibt das Robert Koch-Institut. "Die meisten kommen mit den typischen Herbst-Krankheiten", berichtet Jochen Herkommer, ebenfalls ehrenamtlich als Arzt für die Malteser im Einsatz. Täglich warten 60 bis 80 Patienten auf Klappstühlen vor dem Versorgungszelt - deutlich weniger als zum Start der Notunterkunft, als dort statt 1000 noch 2500 Flüchtlinge lebten.

Zumeist sind es Familien und alleinreisende Frauen. Den regulären Betrieb stören sie nicht, heißt es von der Messe. Doch Mitte November müssen alle raus, dann zieht wieder eine Ausstellung ein. Bis dahin ist Shamsi fast täglich vor Ort. "Ab und zu hat er mal einen Tag frei", sagt Herkommer. Dass der syrische Kollege so viele verschiedene Sprachen spricht, sei wichtig. Noch viel wichtiger sei aber, dass sich überhaupt Ärzte um die Menschen kümmerten. Mit der erfolgreichen Approbation sucht Shamsi nun eine Stelle als plastischer Chirurg.

Unbedingt will er im Südwesten bleiben, wie er sagt. "Hier gefällt es mir am besten."

Mediziner, der aus Syrien floh, behandelt nun selbst Asylsuchende
Der Chirurg und Flüchtling Khaled Shamsi untersucht im Sanitätszelt der Unterkunft in einer Stuttgarter Messehalle mit dem Fieberthermometer ein aus Syrien geflohenes Kind, das von seinem Vater im Arm gehalten wird. Foto: dpa

  • Ankunft Flüchtlinge haben grundsätzlich ein Recht auf eine medizinische Basisversorgung. Bei der Registrierung nach der Ankunft werden sie zunächst durchgecheckt und geröntgt, um Krankheiten wie Tuberkulose auszuschließen. Die Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes bieten zudem ärztliche Sprechstunden an. In ernsten Fällen müssen die Menschen zum Facharzt oder ins Krankenhaus.
  • >Gesundheitskarte Flüchtlinge, die bereits in Stadt- und Landkreisen untergebracht sind, müssen für eine Behandlung beim Arzt derzeit noch bei den zuständigen Behörden vorsprechen – eine aufwändige und zeitraubende Prozedur. Das soll sich im Südwesten bald ändern: Die Landesregierung plant das Einführen einer elektronischen Gesundheitskarte, die diesen Umweg ersparen soll.
  • >Leistung Der Umfang der medizinischen Leistungen ist zunächst eingeschränkt. In den ersten 15 Monaten in Deutschland bekommen Flüchtlinge bei Schmerzen und Krankheit, Schwangerschaft und Geburt Behandlung und Medikamente. Erst nach dieser Zeit stehen ihnen die gleichen Leistungen wie einem gesetzlich Versicherten zu, unabhängig von ihrem rechtlichen Status. dpa

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26.10.2015, 12:00 Uhr
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