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Paare auf vermintem Gelände

Medienstudenten drehten einen Film über multiethnische Paare im ehemaligen Jugoslawien

13 Prozent multiethnische Hochzeiten gab es vor dem Krieg, heute sind es noch noch 4 Prozent: Der Dokumentarfilm „Gemeinsam sind wir stärker“ zeigt den problematischen Alltag solcher Paare im gespaltenen Bosnien und Herzegowina. Zwei Studierende der Medienwissenschaften haben ihn als Masterarbeit gedreht, am Sonntag um 14.30 Uhr wird er im Kino Arsenal gezeigt.

01.10.2015
  • Peter Ertle

Tübingen. Persönlichen Bezug hatten die beiden Filmemacherinnen Birthe Neumann und Siri Gögelmann vorher keinen – außer ein paar Freunde aus Bosnien und Serbien. Birthe Neumann stieß irgendwann auf einen Artikel über multiethnische Paare in der ehemaligen Kriegsregion. Da merkten sie, dass sie kaum etwas über das Thema wussten. Als der Krieg im ehemaligen Jugoslawien tobte, waren sie noch Kinder.

Ihr erstes Paar fanden sie lustigerweise über die Couchserving-Plattform. Von da an ergab der eine Kontakt den anderen. Sie hatten ihre Anlaufstellen und konnten los. Drei Monate im Sommer 2014, mit dem Bus hin, kein Filmtross, nur die beiden Frauen, schwer bepackt, Reiserucksack, Kamerakoffer, zwei Stative, Mikrofonangel.

Ein bisschen Bedenken hatten sie vorher, die Menschen dort könnten sagen, oh je, schon wieder Westeuropäer, die was über den Krieg wissen wollen. Aber das war gar nicht so. Über den Krieg wollten zwar viele tatsächlich nicht reden, aber über das, was die beiden Filmemacherinnen interessierte, über die Situation heute – um so mehr.

Wenn es so etwas wie eine Quintessenz ihrer Gespräche gibt, dann dass es keine Quintessenz gibt, sprich: Die Menschen und ihre Haltungen sind unterschiedlich. Die einen begreifen die ethnischen und religiösen Zuschreibungen als von außen aufgepfropft, für die anderen sind es identitätsstiftende Wurzeln. Das Thema ihre Films brachte es allerdings mit sich, dass die beiden Filmemacherinnen eher Kontakt zu liberaleren Menschen fanden.

Interviews mit drei Paaren stehen nun im Mittelpunkt: Mit den Hochzeitsvorbereitungen des kroatisch-bosnischen Paars Maja und Haris beginnt der Film. Haris’ Großvater war gegen die Verbindung. Der Enkel handle gegen seine Religion, wenn er eine Nicht-Muslimin heirate. Dessen bosnische Verlobte sieht sich vor allem als Individuum. Für Haris wiederum, Mitglied einer nationalistischen Gruppierung, gibt es in Bosnien und Herzegowina „nur Bosnier“, den Begriff multiethnisch lehnt er ab. Das zweite Paar, Sandra und Dejan, waren das erste multiethnische Paar, das nach dem Krieg in Tuzla heiratete. Dejan ist Sohn einer Bosniakin und eines bosnischen Kroaten, Sandra ist bosnische Serbin. Gemeinsam mit ihrer 14-jährigen Tochter Elena fühlen sie sich mehr dem ehemaligen Jugoslawien zugehörig und wollen weg aus dem Land, in dem viele der Ansicht sind, Kinder sollten nicht in einer multiethnischen Familie aufwachsen.

12 Stunden Hochzeit, 48 Minuten Film

Und dann ist da noch Amela, Bosniakin und alleinerziehende Mutter. Obwohl sie ihre Kindheit im Krieg verbrachte und sehr wohl wusste, wer die Feinde waren, heiratete sie einen bosnischen Serben. Doch als Muslimin und Teil einer „mixed mariage“ konnte weder sie noch ihr Mann Arbeit finden. Mit ein Grund, warum die Ehe nach sechs Jahren zerbrach. Heute arbeitet Amela in Travnik für eine NGO, die sich für ein vorurteilsfreies Zusammenleben engagiert.

Um nochmal den Hintergrund der Situation präsent zu halten, werden die Interviews durch privates, lizenzfreies Filmmaterial aus dem Krieg und ein paar Kommentare ergänzt – die Kommentare so spärlich wie nötig, „wir wollten vor allem die Bilder und Menschen sprechen lassen“, sagt Siri Gögelmann.

Nach einem Jahr mit vorbereitendem Sprachkurs konnten die Filmemacherinnen sich im Land halbwegs serbokroatisch verständigen, trotzdem warben sie in Bosnien studentische Dolmetscher wie die Germanistik-Studentin Suzana an. Die nicht nur mit sprachlichen Begebenheiten vertraut machte, sondern ihre Kolleginnen auch mal ermahnte, hier lieber auf dem Weg zu bleiben – da lägen vielleicht noch Minen. „Plötzlich war der Krieg wieder präsent.“

Mit dem Hochzeitspaar wiederum waren sie in einem Möbelhaus, wo die Einrichtung ihres neuen gemeinsamen Haushalts gekauft wurde. Und dann verlängerten die Filmemacherinnen ihren geplanten Aufenthalt, um auch noch die bosnische Hochzeit filmen zu können – 12 Stunden Hochzeitsfilmmaterial. Der ganze Film dauert jetzt 48 Minuten. Ein Jahr waren sie im Schneideraum. Einige der Sätze ihrer Interviewpartner haben sie so beschäftigt, dass Siri Gögelmann sie schon träumte – auf Serbokroatisch!

Haben sie den Kriegskonflikt jetzt besser verstanden? „Nein“, sagt Gögelmann, aber auch vielen Menschen in Bosnien und Herzegowina gehe es nicht anders. Wenn sie etwas gelernt hätten, dann, dass vereinfachende Analysen fehlschlügen. Aber das sei ja auch schon eine Erkenntnis. Vor allem gibt es viele unterschiedliche Interpretationen, je nach politischer Couleur. Für die einen sind die 13 Prozent multiethnischer Ehen, die es früher gab, ein Beleg dafür, dass das Land erst später mit Nationalismus infiziert wurde, die anderen sagen: Es waren auch früher nur 13 Prozent, gemischte Ehen sind eben nicht normal.

Info Sonntag, 14.30 Uhr, Arsenal. Im Anschluss ist noch Zeit für Fragen und Diskussionen.

Medienstudenten drehten einen Film über multiethnische Paare im ehemaligen Jugoslawien
Maja und Haris fühlen sich mehr im ehemaligen Jugoslawien zuhause.

Medienstudenten drehten einen Film über multiethnische Paare im ehemaligen Jugoslawien
Von links: Siri Gögelmann, Dolmetscherin Suzana, Birthe Neumann.

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01.10.2015, 12:00 Uhr
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