Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Das Recht, nicht zu kochen

Meaza Ashenafi aus Äthiopien ist das Vorbild für den Film "Das Mädchen Hirut"

„Du bist nicht Oprah Winfrey“, sagte ihre jüngere Tochter vor einigen Jahren wütend zu ihr. Sie war es leid, dass Meaza Ashenafi überall, wo sie auftauchte, mit Komplimenten und Dank überhäuft wurde. Außerhalb Äthiopiens kenne sie niemand, sagte das Mädchen trotzig zu seiner Mutter und hatte Unrecht.

23.11.2014
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Mittlerweile geht die Prominenz von Meaza Ashenafi weit über Äthiopien hinaus. Ashenafi wurde mit einer Art afrikanischem Nobelpreis geehrt, dem „Hunger Projekt Award“. Sie ist Gründerin der Ethiopian Woman Lawyers Association, die mittellosen Frauen und Mädchen zu ihrem Recht verhilft. Sie ist Beraterin der Vereinten Nationen in Frauenrechtsfragen, und sie gehört zu den Gründerinnen der Enat-Bank. Diese Bank gibt es seit 2013. „Wir arbeiten kommerziell“, sagt Meaza Ashenafi. Auch die Grameen Bank in Bangladesh habe nicht von Anfang an Kleinkredite auszahlen können. Ein Teil des Gewinns von Enat soll aber speziell in Kredite für Frauen fließen, die keine Sicherheiten vorlegen können.

Doch dieses Projekt liefert nicht den Grund dafür, dass Meaza Ashenafi am sonnigen Sonntagmittag in der Tübinger Gaststätte „Forelle“ vor einem übergroßen Teller mit gebackenem Fisch und Petersilienkartoffeln sitzt. Der Film „Difret“ (deutscher Kinostart am 12. März unter dem Titel "Das Mädchen Hirut") brachte die Anwältin schon zur Berlinale und demnächst vielleicht nach Hollywood, denn der von Angelina Jolie koproduzierte Film ist in der Kategorie „ausländischer Film“ für den Oscar nominiert. „Difret“ ist auch ein Stück eigener Geschichte Ashenafis. Was ist eigentlich mit dem Titelwort gemeint? Es habe zwei Bedeutungen, so erklärt Ashenafi. Zum einem bedeute es „Mut“, zum anderen „Vergewaltigung“. Das Wort scheint wie für diesen Film erfunden. Die Wirklichkeit tut und tat sich jedoch schwer mit dem Doppelsinn. Denn Mut war nicht gerade das, was ein Vergewaltigungsopfer haben sollte.

Ashenafis Engagement lieferte die Vorlage für die Anwältin im Film von Zeresenay Berhane Mehari. Sie setzt sich hier für die 14-jährige Hirud ein. Diese wird von einer Gruppe von Männern entführt, einer vergewaltigt sie. Es ist eine sehr archaische Szene, wenn die Männer mit ihren Pferden das Mädchen umzingeln, es mitnehmen und in eine armselige Hütte sperren. Hirud will fliehen, wird entdeckt und erschießt ihren Vergewaltiger. Eine eindeutige Notwehrsituation, die allerdings in der äthiopischen Stammesgesellschaft nicht als solche anerkannt wird. Das Opfer wird zur Täterin gemacht. Das Mädchen soll sterben wie ihr Vergewaltiger, der sich mit der Gewalttat das Eherecht hatte erobern wollen, ein in Äthiopien immer noch nicht ausgestorbener Brauch.

Zu der Zeit, in der der Film spielt, den Jahren 1998/99, waren es, so schätzt Ashenafi, 60 Prozent der Ehen, die auf diese Weise zustande kamen. Schon 13-Jährige werden so verheiratet. Mittlerweile ist die Zahl solcher Raubehen auf 30 Prozent gesunken. In der Gegend, in der Hirud lebte, sei seit zehn Jahren kein Mädchen mehr entführt worden, berichtet die Anwältin.

Die Verteidigerin des älteren Bruders

Sie hatte lange nichts mehr von Hirud gehört, die nur im Film so heißt. Erst vor kurzem erfuhr sie, dass Hirud unter anderem Namen die Schule beendet hatte, heiratete, ein Kind bekam, sich vom Mann trennte und nach Dubai ging, wo sie als Hausmädchen arbeitete. Die Gegend, in der ihre Eltern leben und in der sie aufgewachsen war, durfte sie nie mehr betreten. Dass das oberste Gericht sie von der Schuld freigesprochen hatte, zählte in der auf Blutrache sinnenden Stammesgemeinschaft nicht.

Ashenafi, die an der äthiopischen Verfassung mitgearbeitet hat, die das Land 1995 nach Jahren der Monarchie und des anschließenden Bürgerkriegs bekam, ist stolz, dass Frauen heute gesetzlich gleichgestellt sind. Doch es wird noch lange dauern, bis die Gleichberechtigung in alle Winkel des demokratisch regierten Landes eingedrungen ist.

Ashenafi selbst wuchs 800 Kilometer von Addis Abeba entfernt in einer entlegenen Gegend auf. Mit acht Geschwistern, vier Brüder und vier Schwestern. Ihre Mutter sei eine „durchsetzungsstarke und selbstbewusste Frau“ und so kam es, dass auch die Mädchen die Schule besuchen durften. Meaza scheint ihrer Mutter zu gleichen, sie ließ sich schon als Kind nicht einschüchtern. Sie erzählt, dass sie als Vierjährige losgeschickt wurde, ihren fünfjährigen Bruder zu verteidigen.

Dass sie einmal Frauenrechtlerin werden sollte, war ihr zu Beginn ihres Jurastudiums noch nicht klar. Sie war zwar die einzige Frau in ihrem Semester (heute sind immerhin zwanzig Prozent weiblich), aber „schwierig war es für mich nicht“, sagt sie. Man kann sich vorstellen, dass sie mit Charme und Diplomatie manchen Gegner bezwang.

Wenn anderen Unrecht geschieht, das hat sie schon immer bewegt. Aber nun moniert sie lachend: „Der Film war nicht fair zu mir.“ In einem Punkt jedenfalls. Ihre Kochkunst werde mies gemacht. Eine lange Einstellung nach einem Essen zeigt die kaum angerührten Teller. Doch dahinter steckt ein politisches Statement. Denn früher konnte schon die Weigerung zu kochen eine Frau ins Gefängnis bringen. So erging es auch der 15-jährigen Meaza, weil sie alles, aber eben das nicht lernen wollte.

Meaza Ashenafi aus Äthiopien ist das Vorbild für den Film "Das Mädchen Hirut"
Meaza Ashenafi, die äthiopische Frauenrechtlerin, begleitet den Film „Difret“ zum Frauenfilmfestival nach Tübingen. Bild: Faden

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

23.11.2014, 12:00 Uhr
Die Kommentarfunktionalität wurde für diesen Artikel deaktiviert.
 
Aus der Filmregion
Neueste Artikel
Zuschauer-Stimmen
Ein herausragender Film, zu Recht wird er als ein "deutscher Kaurismäki" bezeichnet. Als "Liebesfilm" würde ich ihn allerdings in keinster Weise bezeichnen, diese Szenen sind nur ein kleiner Teil. In erster Linie wird ohne viele Worte die aussichtslose Lage der prekär beschäftigen Menschen gezeigt, die beispielsweise trotz Verbots weggeworfene Lebensmittel direkt am Container im wahresten Sinne des Wortes "verschlingen". Sie versuchen, sich ihre Würde und auch ihren Humor zu bewahren. Interessant ist es, die Kurzgeschichte von Clemens Meyer zu lesen, sie umfasst nur 25 Seiten. Die Umsetzung im Film ist hervorragend gelungen, einige wenige Szenen wurden verändert bzw. hinzugefügt.
Elli Emann über In den Gängen
Aus der Filmwelt
Neueste Artikel
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Neue Trailer
Neueste
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram

Kino Suche im Bereich
nach Begriff

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular