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Spektakulärer Fund

Mauer beim römischen Gutshof in Hechingen-Stein entdeckt

Die in voller Höhe und Länge umgekippte Mauer, die im Freilichtmuseum Hechingen-Stein entdeckt wurde, ist für die Archäologen vom Landesdenkmalamt eine Sensation.

18.08.2011

Hechingen. Zum ersten Mal kann man nachweisen, wie ein antikes Gebäude wirklich aussah. Irgendwann in der Vergangenheit ist die komplette Südfront des stattlichen Steingebäudes wie bei einem Kartenhaus umgefallen. Die gekippte Mauer liegt etwa 40 Meter außerhalb der Umfassungsmauer des römischen Gutshofes „Villa Rustica?. Das Freilichtmuseum zieht jährlich viele Tausende von Besuchern an.

Der Zusammenbruch muss so jäh gewesen sein, dass jeder Stein auch in waagrechter Lage seinen Platz behielt. Die sechs in Rundbögen liegenden Steinreihen sind deutlich als Fensterfassungen oder Zierbögen zu erkennen. „Hochgeklappt? hatte die Vorderseite des Hauses einmal eine Höhe von mindestens 15 Metern oder drei Stockwerken.

Seit Juni wird im

Wald gegraben

Seit Anfang Juni graben bis zu acht archäologische Profis aus Stuttgart hinter der Villa Rustica den Wald um. Die Reste der Grundmauern, auf denen die gestürzte Mauer einmal aufsaß, sind 1,60 Meter dick und werden von Sandsteinquadern gestützt. Neben dem etwa 36 Quadratmeter großen Ausschnitt der zu Boden gegangenen Fassade (unser Bild) wurden bei den Sondierungsgrabungen auch die beiden östlichen Hausecken und ein Eingang in der 20 Meter langen, seitlichen Verbindungsmauer freigelegt. Zwischen den Steinen ist dort ? zum Entzücken der Forscher ? an einer kleinen Stelle sogar noch ein Restchen der rot-weißen Fugenbemalung übrig geblieben.

Der Projektleiter Klaus Kortüm schätzt die Länge der Gebäudefront auf 40 Meter. Ein so großes Haus außerhalb der Mauern sei ein Indiz dafür, dass die Umgebung rund um die Villa noch längst nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben habe.

„Der ganze Wald ist voll?, so sieht es Gerd Schollian, ehemals Bürgermeister von Stein und heute Leiter des Freilichtmuseums. Wieder einmal war er es gewesen, der seinen Spaten an der richtigen Stelle angesetzt hatte ? gerade noch rechtzeitig, bevor die großen Holzerntemaschinen im Winter begannen, den Waldboden aufzuwühlen. Mit seinem geübten Blick für grabungsträchtige Erdhügel war er bereits in zehn Zentimetern Tiefe auf Mauerreste gestoßen. „Kleine Löcher mit großem Ergebnis?, nennt der Museumsleiter seine Methode. Es sei inzwischen das 17. Gebäude, das er im Ensemble der Villa Rustica entdeckte.

Warum der Untergrund so instabil wurde, dass ganze Mauern am Stück umfallen konnten, ist nicht mehr zu klären. Mögliche Gründe könnten die Bodenverwerfungen im Knollenmergel, Erosionen durch den starken Holzverbrauch der Römer oder auch ein Erdbeben im Hohenzollerngraben gewesen sein, mutmaßt Kortüm.

Erstmals Rückschlüsse auf Architektur

Für die Forscher ist der Mauerfall von Stein ein Glücksfall. Unter dem Waldboden waren die Steine vor einer Zweitverwendung durch mittelalterliche Bauherren geschützt. Ihre „Erhaltung sei spektakulär?, formuliert Kortüm, und lasse erstmals gesicherte Rückschlüsse auf die römische Architektur zu. Bisher sei man in der Forschung immer „geschwommen?, wenn es darum ging, aus den Grundmauern dreidimensionale Gebäude zu rekonstruieren. In Stein müsse man nur auf den Boden gucken, um zu wissen, wie das Gebäude aufgebaut ausgesehen habe. „Aus dem Hechinger Fund ergeben sich wichtige Erkenntnisse für die zukünftige römische Forschung?, so Kortüm. Stefan Schmidt-Lawrenz vom Hohenzollerischen Landesmuseum spricht von einer „unglaublichen Wissenserweiterung?.

Mit einem terrestrischen Laserscanner dokumentiert Markus Steffen vom Grabungsteam die Befunde detailgetreu in einer dreidimensionalen Computeranimation. Wenn es nach den Stuttgarter Archäologen geht, sollen die Mauern, von Folien geschützt, so lange unter einer Erdschicht konserviert werden, bis ein neuer wissenschaftlicher Anlauf auch neue finanzielle Mittel mitbringen wird.

Gerd Schollian dagegen würde den neuen Fund viel lieber überdachen und seinem Museumspublikum präsentieren. „Man sollte wenigstens so lange graben, bis man weiß, was es war?, findet er.

Falls das Gebäude ein landwirtschaftlicher Speicher war, wie Kortüm vermutet, wirft sein enormes Volumen ein neues Licht auf die Interpretation der Gesamtanlage des römischen Gutshofes. Möglicherweise habe man beim Wiederaufbau des Villen-Haupthauses nicht großzügig und repräsentativ genug gedacht, erwägt der Projektleiter aus dem Regierungspräsidium. Vielleicht seien die Stockwerke auch hier wesentlich höher gewesen. Fest steht nach dem jüngsten Mauerfund nur, dass der zeitgenössische Baustil nach Bogenfenstern verlangt hätte.sum

Im Wald beim römischen Gutshof wurde diese umgefallene Mauer eines großen Gebäudes – vermutlich eines Speichers – ausgegraben. Bild: Franke

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Erstellt:
18. August 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. August 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. August 2011, 12:00 Uhr

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