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Daimler

Massenrückruf droht

Mehr als 600 000 Autos der C- und G-Klasse könnten eine Schummeleinrichtung unter der Motorhaube haben. Der Ton wird rauer.

26.05.2018

Von THOMAS VEITINGER UND DOROTHEE TOREBKO

Ein Mitarbeiter bringt im Werk in Bremen den Stern an ein C-Klasse Modell an.

Ulm. Der Diesel-Skandal erreicht Daimler mit voller Wucht. Am Freitag berichtete der „Spiegel“ in einer Vorabmeldung, dass dem Hersteller der Rückruf hunderttausender Autos droht. Es gehe um mehr als 600 000 Fahrzeuge unter anderem der Baureihen C und G. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) verfolge einen konkreten Verdacht, dass bei diesen Fahrzeugen unzulässige Abschalteinrichtungen die Wirkung des Abgassystems manipulierten, heißt es. Aktuell gebe es bereits Prüfungen an den betreffenden Autos. Die Modelle haben dem Bericht zufolge einen vergleichbaren Motor wie die 4900 Mercedes-Vans Vito mit 1.6-Liter-Motor und Schadstoffklasse Euro 6, für den das KBA am Donnerstag einen Rückruf angeordnet hat.

Daimler will sich zu dem Spiegel-Bericht nicht äußern. „Uns liegt keine amtliche Anhörung zu den genannten Fahrzeugen vor. Diese müsste einem amtlichen Bescheid für einen Rückruf vorweg gehen“, heißt es auf Anfrage. Man werde gegen einen Bescheid Widerspruch einlegen und falls erforderlich die strittige Rechtsauslegung auch vor Gericht klären lassen – genauso wie beim Vito-Modell.

Der Ton zwischen Politik und Autoindustrie wird rauer, sagte Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management der FH Bergisch-Gladbach der SÜDWEST PRESSE. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) beordert Daimler-Chef Dieter Zetsche wegen des Vito-Rückrufs für kommenden Montag nach Berlin. Zudem habe er „das Kraftfahrt-Bundesamt angewiesen, weiteren Verdachtsfällen bei Mercedes unverzüglich nachzugehen“, betonte Scheuer. Bratzel erkennt in den Reaktionen eine „gewisse Verärgerung“ der Politik. „Vor eineinhalb Jahren einigte man sich auf freiwillige Rückrufe. Passiert ist nichts.“ Scheuer erhöhe nun den Druck. Die Einberufung Zetsches sei kein freundlicher Akt. Die Feststellung illegaler Abschalteinrichtungen könnte zu einem Betrugsvorwurf führen, den Auto-Hersteller auf jeden Fall vermeiden möchten.

Autospezialist Ferdinand Dudenhöffer sieht in der Einladung Zetsches einen „öffentlichkeitswirksamen Vorgang“. Politiker hätten bislang wenig zur Aufklärung der Diesel-Affäre beigetragen und „eiern seit Jahren herum, ohne eine große Diesel-Aufräumaktion“ zu starten. „Statt grundsätzlicher Überlegungen zu Diesel-Subventionen, Hardware-Nachrüstung und überhöhten Emissionen appellieren Politiker nur an die Autoindustrie“, sagte Dudenhöffer.

Grüne und FDP reagierten angesichts der KBA-Vorwürfe und der Rückrufaktion schockiert. „Wir dürfen die Autoindustrie jetzt nicht mehr schonen und erwarten eine umfangreiche Aufklärung. Die Manager müssen jetzt die rechtlichen Konsequenzen spüren“, sagte FDP-Verkehrsausschussmitglied im Bundestag Christian Jung dieser Zeitung. „Der Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg ist in Gefahr und damit das Leben von Hunderttausenden Familien.“ Verständnislos zeigte sich der Politiker angesichts der Einberufung von Zetsche ins Verkehrsministerium. „Wenn die Vorwürfe so schwerwiegend sind wie bekannt geworden, dann sollte die Staatsanwaltschaft ermitteln, nicht aber der Bundesverkehrsminister Gespräche führen“, meinte Jung.

Ähnlich sieht das Matthias Gastel von den Grünen. „Der Bundesverkehrsminister muss endlich dafür sorgen, dass Klartext gesprochen und konsequent gehandelt wird“, sagt der Bundestagsabgeordnete. Zetsche hätte mehrmals betont, dass bei Mercedes nicht geschummelt werde. Passiert sei jedoch nichts. „Die Glaubwürdigkeit bröckelt immer mehr. Verkehrsminister Scheuer muss die Hardware-Nachrüstung auf Kosten der Betrüger durchsetzen“, fordert Gastel.

Der Verkehrsexperte des BUND, Jens Hilgenberg, erklärte, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verkehrsminister Scheuer müssten aufhören, sich weiter von der Autoindustrie am Nasenring durch die Manege führen zu lassen. Wenn die Bundesregierung Umwelt- und Gesundheitsschutz ernst nehme, müsse sie glaubhafter agieren.

Greenpeace-Verkehrsexperte Niklas Schinerl sagte: „Auch drei Jahre nach dem Auffliegen des Dieselbetrugs manipulieren Hersteller unbeeindruckt weiter, führen ihre Kunden hinters Licht und vergiften die Luft in den Städten.“

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Erstellt:
26. Mai 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Mai 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Mai 2018, 06:00 Uhr

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