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Dauerfeuer auf Behördenfeier

Massaker in San Bernardino facht Debatte um US-Waffengesetze an - Motive bisher unklar

Ein Ehepaar stürmt im US-Staat Kalifornien eine Feier und erschießt 14 Menschen. Beide Täter werden auf der Flucht von Polizisten erschossen. Die Motive sind unklar, die Debatte um Waffengesetze geht weiter.

04.12.2015
  • PETER DE THIER (MIT AGENTUREN)

Reglos liegt der tote Körper in einer Blutlache auf dem Asphalt. Mitten in einer Wohnsiedlung im kalifornischen San Bernardino. Daneben: ein Sturmgewehr. Auf der anderen Straßenseite haben gepanzerte Mannschaftswagen ein von Kugeln durchsiebtes, schwarzes Geländefahrzeug eingeklemmt. Hubschrauber kreisen, die Blaulichter Dutzender Polizeiwagen blitzen.

Die aus dem Helikopter gefilmten Aufnahmen der TV-Sender gleichen einem Actionfilm. Doch das Geschehen ist Realität, die erschreckende Szene das letzte Kapitel einer stundenlangen Tragödie in der Stadt mit 215 000 Einwohnern. Kurz zuvor hatte laut Polizeiangaben ein Ehepaar in einer Behinderteneinrichtung das Feuer eröffnet. Die Bilanz am Ende: 16 Tote, darunter beide Täter, und 21 teilweise Schwerverletzte.

Es ist der schlimmste Massenmord, den die USA seit dem Massaker an der Sandy-Hook-Schule in Newton (Connecticut) 2012 erlebt haben. Über die Motive der Täter, ein junges Ehepaar aus einem Vorort von San Bernardino, herrschte bis gestern Abend Unklarheit. Hatte der 28-jährige Syed Rizwan Farook Streit mit Arbeitskollegen, die in dem Zentrum für Behinderte gerade ihre Weihnachtsparty feierten? Gibt es einen terroristischen Hintergrund? Sicher ist bisher nur der grobe Ablauf des Massakers:

Mittwochvormittag im "Inland Regional Center". In dem weitläufigen Gebäudekomplex werden Sozialdienste für Behinderte angeboten. An diesem Vormittag aber hat die örtliche Gesundheitsbehörde den Konferenzraum für ein Mitarbeiterfest gemietet. Augenzeugen berichten, bei der Party sei es zu einem Streit zwischen Farook, der bei der Gesundheitsbehörde als Inspektor für Lebensmittelkontrollen arbeitete, und mindestens einem Mitarbeiter gekommen. Zornig soll Farook aus dem Saal gestürmt sein.

Bald danach kehrt er mit seiner 27-jährigen Frau Tashfeen Malik zurück. Beide tragen laut Augenzeugen dunkle Militärkleidung und Skimasken. Sie sind schwer bewaffnet, mit einem Sturmgewehr und offenbar mehreren Handfeuerwaffen. Kurz nach elf Uhr vormittags eröffnen sie das Feuer. Es herrscht Chaos, Partygäste versuchen, zu flüchten, andere verstecken sich unter Tischen. Terry Petit, eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamts, schickt ihrem Vater eine SMS: "Schießerei, bete für uns, habe mich in ein Büro eingesperrt."

Nach wenigen Minuten flieht das Paar und springt in den schwarzen Geländewagen, Malik fährt. Die beiden fahren zu einer Wohnung in Redlands, einem Vorort von San Bernardino. Doch die Polizei ist dem Paar auf den Fersen. Die Behörden haben einen geheimen Tipp bekommen und warten schon vor dem Appartmentkomplex.

Als Farook und Malik die Polizisten bemerken, beschleunigt das Fluchtauto. Die Verfolgungsjagd führt zurück nach San Bernardino, in eine dicht besiedelte Wohngegend, knapp drei Kilometer vom ursprünglichen Tatort entfernt. Bei der Jagd schießen die Verfolgten laut Polizei durch die Heckscheibe, rund 20 Polizisten sind direkt beteiligt, zwei Beamte werden verletzt. Farook wirft Gegenstände aus dem Fenster, die wie Rohrbomben aussehen, sich aber als Attrappen herausstellen. Schließlich kommt es zu einem Schusswechsel mit den Polizisten, am Ende sind Syed Rizwan Farook und Tashfeen Malik tot.

Lange bleibt unklar, ob es einen dritten Täter gibt, der zu Fuß fliehen konnte. Polizeichef Jarrod Burguan sagt, eine dritte Person sei festgenommen worden, deren Rolle aber unklar sei. Es sei davon auszugehen, dass nur das Paar geschossen habe. Bürgermeister Carey Davis verhängt eine Ausgangssperre, die Polizei geht von Tür zu Tür und durchsucht Privathäuser.

Stundenlang spekulierten Polizisten, Geheimdienstexperten und Medien über das Motiv. Steckte die Terrormiliz "Islamischer Staat" dahinter? Die Tatsache, dass Anschlag und Flucht geplant wirken und die Täter laut Polizeichef Burguan "in taktischer Ausrüstung" gekleidet waren, scheint auf Terror zu deuten. Mit Tausenden Schuss Munition, einem Dutzend Rohrbomben und Werkzeug für weitere Sprengsätze hätten sich die Täter möglicherweise für weitere Attacken gerüstet. Insgesamt stellten die Ermittler mehr als 7000 Schuss Munition für Sturmgewehre, Pistolen und langläufige Waffen in der Wohnung, im gemieteten Fluchtauto und an den Körpern sicher, so Burguan. Die beiden seien "eindeutig" zu weiteren Angriffen ausgerüstet gewesen.

Zudem gab es ein massives Aufgebot an FBI-Agenten, die in diesem Umfang nur aktiv werden, wenn der Verdacht eines Terroranschlags besteht. Farook wurde als US-Bürger mit muslimischem Hintergrund beschrieben, meldet CNN unter Berufung auf Polizeiangaben. Laut "Los Angeles Times" kehrte er von einer Reise nach Saudi-Arabien mit seiner Frau zurück.

Das Motiv ist noch unklar. Farook und Malik waren verheiratet und hatten ein sechs Monate altes Kind. Farhan Khan, Maliks Bruder, ist ratlos: "Ich habe keine Ahnung, es weiß wohl niemand, warum er so etwas Schlimmes anrichten konnte."

Sicher ist, dass das Massaker die Debatte um die US-Waffengesetze anfacht. Als Präsident Barack Obama von der Tat erfährt, unterbricht er ein Fernsehinterview und zieht gegen die Waffenlobby zu Felde, der es immer wieder gelingt, schärfere Gesetze und striktere Kontrollen zu blockieren. Er verurteilt die Tatsache, "dass wir nach wie vor Gesetze haben, die es Menschen, die auf der Flugverbotsliste der Antiterror-Behörden stehen, erlauben, in ein Geschäft zu gehen und völlig legal tödliche Waffen zu kaufen." Er fordert Demokraten und Republikaner auf, noch vor den Wahlen einen überparteilichen Ansatz zu finden und die Gesetze zu reformieren.

In der islamischen Gemeinde geht die Angst vor Vergeltungsakten um. "Wir sind erschüttert und sprechen den Opfern sowie deren Familien unser Beileid aus", sagte Hussam Ayloush, Vorsitzender des Rats amerikanischer Muslime, "völlig unschuldige Dritte sollten deswegen keine Konsequenzen zu tragen haben."

Fast eine Massenschießerei pro Tag

Massaker Die Zahl der Massenschießereien in den USA ist weiter gestiegen. Laut der Website Mass Shooting Tracker kam es 2015 bereits zu 355 solcher Schießereien - ein deutlicher Anstieg gegenüber 2013 und 2014. Erstmals sind die Massaker damit auf Kurs, einen Durchschnittswert von einem pro Tag zu übersteigen. Die Statistik berücksichtigt Vorfälle, bei denen mindestens vier Personen verletzt oder getötet wurden. Das FBI dagegen betrachtet nur solche Gewaltverbrechen als Massenschießerei, bei denen mindestens vier Menschen ums Leben kommen.

Waffen Als Gründe nennen Experten die im internationalen Vergleich relativ porösen Waffengesetze. In den USA besitzen Privatbürger 270 Millionen Schusswaffen. Auf 100 Menschen entfallen im Schnitt 89 Waffen - die mit Abstand höchste Quote weltweit. Die Besitzer seien überwiegend weiße, verheiratete Männer über 55 Jahren, wie eine im Fachjournal "Injury Prevention" im Juni vorgestellte Studie ergab.Das US-Waffenrecht ist von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden, es gibt tausende nationale, bundesstaatliche und kommunale Vorschriften. det/dpa

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04.12.2015, 08:30 Uhr
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