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Meister der Verwandlung

Maskenbildner brauchen Kreativität und Flexibilität

Seine Kunst bewundern bei Aufführungen hunderte Menschen. Dennoch findet sie im Verborgenen statt: Benjamin Reule ist Maskenbildner.

25.08.2016
  • KRSTINA BETZ

Stuttgart. Auf dem Tisch in der Mitte des kleinen Raumes liegen Nasen. Krumm wie Haken ragen sie fleischfarben nach oben. Benjamin Reule nimmt eine davon und bepudert sie beiläufig mit einer Quaste. „Acht Nasen müssen bis Freitag fertig sein. Heute habe ich vier gemacht“, sagt er und nimmt einen blauen Fön zur Hand. Unter lautem Getöse trocknet der Auszubildende zum Maskenbildner die Nase, die nur bei genauer Betrachtung als Gipsmodell auszumachen ist.

Es steht die erste „Ama“ für das neue Stück an. Die Abkürzung für „Alles mit allem“ sitzt dem Team der Maske während der gesamten Vorbereitung für ein neues Stück im Nacken. Bei der „Ama“-Probe, bei der alle Bereiche von Schauspiel, Maske, Requisite, Kostüm und der Technik zusammenkommen, sehen die Maskenbildner das Stück zum ersten Mal. „Erst bei der Ama erfahren wir, ob das Stück lustig oder dramatisch wird und wer überhaupt auftritt“, erzählt Hanna Maile, die seit vier Jahren im Staatstheater schminkt, frisiert und modelliert. „Meistens läuft die Ama nicht durch, weil nicht alles fertig ist und es ist ziemlich chaotisch“, sagt sie und lacht mit ihren Kolleginnen, die alle eifrig an Perücken für eine Premiere arbeiten.

Die Atmosphäre ist ausgelassen, der Raum gleicht einem Kuriositätenkabinett, in dem Zombiemasken mit fauligen Backen neben prunkvollen Frisuren hängen.

Noch viel wichtiger für die Maskenbildner: Erst bei der „Ama“ erfahren sie, welche der mühsam angefertigten Masken für das Stück verwendet werden und welche die Kostümbildner doch nicht mehr brauchen. Nach vielen Stunden, die die Künstler investiert haben, bedeutet das oft eine Enttäuschung. Benjamin Reule, Auszubildender im zweiten Lehrjahr, kann sich gut an seine erste aufwändig gestaltete Maske erinnern: „Da lag ein Klotz brauner Ton vor mir und eine Figurine, also eine Zeichnung eines Eselschädels. Mir wurde gesagt: ´Da, mach mal´“. Durch Formen, Kneten und Modellieren habe er den rohen Klotz in einen detaillierten Eselschädel verwandelt. Als die Maske nach der ersten Probe aus dem Stück gestrichen wurde, sei das ein herber Schlag gewesen: „Das ist echt enttäuschend, aber daran muss man sich gewöhnen“, sagt er mit Blick auf den Eselschädel. Flexibilität muss man als Maskenbildner schon mitbringen.

Hanna Maile entfernt währenddessen die Lockenwickler von einer kastanienbraunen Perücke. Als sie die Wickler abnimmt, wird daraus langsam eine kunstvolle Frisur mit glattem Scheitel und gelockten Längen. Die 30-Jährige ist genau wie ihr sechs Jahre jüngerer Kollege Benjamin Reule gelernte Friseurin. „Ich war gern Friseur, konnte mich in dem Beruf aber nie so richtig ausleben“, sagt Benjamin Reule, der sich selbst als „ein bisschen verrückter Freigeist“ bezeichnet. „Da war manchmal wochenlang Heidi Klum in Mode. Dann kamen alle und wollten die gleiche Frisur“, sagt er schmunzelnd. „Das Monotone mochte ich nie, hier ist es vielseitiger und abwechslungsreicher.“

Wie aufs Stichwort schnappt sich Reule einen silbernen Koffer, legt Haarspray, Schaumfestiger und Haarklammern hinein. Sein Arbeitstag ist wie so oft zweigeteilt: Die ersten Stunden leistet er die Vorarbeit für ein neues Stück, später wird er hinter der Bühne aktiv und verwandelt Darsteller in ihre Rollen.

Heute arbeitet Reule in der Oper. Dort wird am Abend zum ersten Mal das Stück „Alice“ aufgeführt. 19 Kinder und junge Erwachsene des Kinderorchesters muss Reule mit zwei Kollegen für das Stück fertig machen. Dieses Mal geht es nur um den Feinschliff an den Kostümen und einfache Frisuren. Auf einem Zettel steht, was geplant ist: etwa „zerzaust“, „Mittelscheitel-Zopf“ oder „Haare aus dem Gesicht“.

Ob es ein Stück gibt, bei dem Reule so richtig gern mitgewirkt hätte? „Salome“, sagt er wie aus der Pistole geschossen, während er durch die verwinkelten Gänge des Staatstheaters zur Oper eilt. „Das war etwas blutrünstig, mit abgehackten Köpfen. Da konnte man viel machen.“ Er mache sich eben gerne die Hände schmutzig, sagt der junge Mann mit den tätowierten Armen. Aber auch das Kontrastprogramm, „Fairy Queen“, hätte ihn gereizt. „Bei ´Pünktchen und Anton´ durfte ich kürzlich die Maske für alle drei Hauptdarsteller machen“, erzählt er von einem Highlight der jüngsten Zeit. „Ich bin mehr so der Praktische, bin froh, wenn ich hinter den Kulissen arbeiten kann und nicht nur rumsitze.“

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Theaters liegt die Oper: In einem hohen geräumigen Raum neben der Bühne stellt Reule seinen silbernen Koffer auf einem Holztisch mit Spiegeln ab. Sein Arbeitsplatz für die nächsten Stunden. Das Stück erfordert nur eine einfache Maske, Ruhe hat er dennoch kaum. Auch wenn die Sitzreihen vor der Bühne noch leer sind, herrscht bereits wuseliges Treiben. Abläufe werden durchgesprochen, Anweisungen erteilt, der Chor stellt sich im Kreis auf und macht Aufwärmübungen. Vom Aufwand, der hinter der Bühne betrieben wird, bekommen die Gäste, die einige Stunden später eintrudeln, nichts mit. „Hinter den Kulissen arbeiten, wo Normalsterbliche gar nicht hinkommen, das ist schon toll“, sagt Reule.

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25.08.2016, 06:00 Uhr
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