Im Poker verloren und „Scherben“-Gitarrist geworden

Marius del Mestre über seine Zeit mit Rio Reiser

Am Freitag spielten „Scherbe kontra Bass“ im Zimmertheater. Sänger und Gitarrist Marius del Mestre (Ex-„Ton, Steine, Scherben“), der zusammen mit dem Kontrabassisten Akki Schulz alte Lieder der „Scherben“ spielte, erzählte vor dem Auftritt von seiner Zeit mit Rio Reiser auf dem mittlerweile verkauften Bauernhof in Fresenhagen (Nordfriesland), wo die Band seit 1975 als Kommune lebte.

23.05.2011

Herr del Mestre, Sie stießen 1981, mit gerade 19 Jahre, zu „Ton, Steine, Scherben“, um auf der Tour Gitarre zu spielen. Wie kam es dazu?

Das kam ziemlich überraschend. Ein Bekannter von mir aus Berlin war der Manager der „Scherben“, Elser Maxwell. Meine Band „Tempo“ hatte sich gerade aufgelöst und Maxwell und ich spielten Poker. Er sagte: „Wenn du das nächste Spiel verlierst, musst du bei Ton, Steine, Scherben Gitarrist werden.“ Ich habe verloren und zehn Tage später kam ein Anruf: „Komm mal nach Niebüll zum Vorspielen“. Dann habe ich da vorgespielt und wurde tatsächlich genommen. Das war toll, ich kriegte ein Gehalt, konnte frei wohnen und essen. Und ich bin da eingezogen, in die Kommune und habe die Tour gespielt.

Das ging aber nicht lange gut.

Ja, 1983 bin ich rausgeflogen. Wir saßen gerade an den Aufnahmen für die nächste Platte „Scherben“, Rio hatte ein Stück fürs Klavier geschrieben und das aufzunehmen dauerte ewig. Meine damalige Freundin war in der Disco und ich dachte, die macht da mit einem anderen rum, deswegen wollte ich da hin. Ich wusste, meine Gitarre aufzunehmen, wäre schnell gegangen. Zwei Takes und ich hätte gehen können. Ich habe dann nicht abgewartet, bin in die Disco gegangen und in dieser Nacht auch nicht wieder zurück gekommen. Dann gab es ein Plenum. Rio hatte bestimmt schon eine Flasche Wein drin und sagte: „Entweder, du steigst aus, oder ich.“ Da hab ich mich natürlich nicht getraut, was zu sagen.

Wie ging es für Sie dann weiter?

Ich war eine Weile in Afrika, in Sansibar, und ab 1986 habe ich mit einem Freund zusammen Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben, so Vorabendserien. Wir dachten, was die können, können wir auch, und dann haben die das tatsächlich gekauft. Das war sehr gut bezahlt, wir hatten auf einmal richtig gutes Geld. Das und ein paar andere Sachen habe ich dann erst mal zehn Jahre lang gemacht.

Wie kamen Sie wieder zurück nach Fresenhagen?

Schon während der Drehbuchzeit bin ich wieder nach Nordfriesland gezogen. Meine damalige Freundin hatte Pferde, unter anderem deshalb wollten wir aufs Land ziehen und ich kannte dort noch viele Leute. Auch mit den „Scherben“ war ich noch in Kontakt. Ich war zwar rausgeflogen, aber wir waren zum Beispiel auch noch zusammen im Urlaub in Italien. Ich konnte damals nach all den Drehbüchern keine Redakteure mehr sehen. Danach habe ich noch einen Kinofilm gemacht, „Sumo Bruno“, und einen Roman geschrieben. Inzwischen war Rio gestorben und es gab kein Testament, deshalb haben die Brüder geerbt und Lanrue (Ralph Peter Steitz, genannt R. P. S. Lanrue, „Ton, Steine, Scherben“-Gitarrist und Gründungsmitglied) rausgeekelt.

Sie wurden dann ja sogar noch Verwalter von Fresenhagen?

Rios Brüder wollten auf dem Hof ein Café machen und ein Festival, aber nichts davon hat geklappt. Ich habe da ein bisschen geholfen und, dann haben die mich gefragt, ob ich nicht Verwalter sein wolle. So wurde ich Geschäftsführer und Leiter des Hauses mit Schankbetrieb, Biergarten und allem. Dabei gab es nicht mal eine Konzession für den Getränkeausschank. Eine Woche später kam der Brief vom Ordnungsamt. Von da an haben die mit Argusaugen auf uns geschaut. Wir haben das Open-Air-Festival zur THW-Flüchtlingslager-Übung erklärt und es deshalb machen können. Ich hatte einen Freund, der war beim THW und die haben mitgeholfen. Seitdem bin ich ein riesen Fan des THW.

Und dann fand die „Scherben-Familiy“ wieder zusammen?

Mitten in der Planungsphase für das Festival, vier oder fünf Wochen davor, brannten in Portugal die Berge und Lanrue, der inzwischen da lebte, brannte ab, beziehungsweise sein Haus mit all seinen Sachen. Nur eine Gitarre konnte er retten. Es gab dann wieder Gespräche mit Elser Maxwell und trotz einiger Ressentiments innerhalb der „Scherben-Family“ hat jeder gesagt, okay, das machen wir. Wir haben dann in der Scheune geprobt und auf dem Festival fünf Stücke gespielt. Danach haben wir gesammelt – es war ja ein Umsonst-Festival – und das Geld Lanrues Tochter nach Portugal mitgegeben. Kai Sichtermann („Ton, Steine, Scherben“-Bassist und Gründungsmitglied) sagte danach zu mir: Darauf müssen wir jetzt aber nicht wieder zehn Jahre warten, oder? Seitdem touren wir sporadisch und haben immer in Fresenhagen geprobt. Ich war ja damals noch der Chef da.

Wie kam es zum Bruch und ihrem Auszug vom Hof?

Gerd Möbius, Rios Bruder, wollte unbedingt die „Scherben-Family“ managen, aber wir wussten, dass er ein Verrückter ist und wollten das nicht. Dann bin ich 2007 gekündigt worden. Auf den Hof kam kurzzeitig ein Ponyhof und wir von der „Family“ wollten ihn pachten, aber Gerd wollte das nicht, weil er uns hasst. Seitdem war ich nicht mehr in Fresenhagen, das tut mir zu sehr weh. Das Grab ist ja jetzt weg, sie haben Rio ausgebuddelt, aber trotzdem kommen immer noch Fans. Der Ort ist jetzt erst mal verloren, wir können nur abwarten und gucken, wenn er mal wieder zum Verkauf steht.

Später, bei dem Konzert, bei dem del Mestre zusammen mit dem Kontrabassisten Akki Schulz als „Scherbe kontra Bass“ ganz wundervoll alte Rio-Reiser-Lieder spielt, widmet er dem Hof das Lied „Zauberland“ und ruft ins Publikum: „Es ist traurig, jetzt ist es vorbei, aber irgendwann holen wir ihn uns wieder. Ich war ja eh dafür, ihn zu besetzen, aber die ganzen anderen alten Säcke wollten nicht.“

Interview: Axel Habermehl

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Erstellt:
23. Mai 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Mai 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2011, 12:00 Uhr

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