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Ganz Jenin saß vor dem Fernseher

Marcus Vetters Film hat den Deutschen Filmpreis gewonnen

Die Spannung war groß am Freitagabend im Berliner Friedrichstadtpalast. Dann erhielt „Das Herz von Jenin“ des Tübinger Filmregisseurs Marcus Vetter, 43, den Deutschen Filmpreis („Lola“) in der Kategorie „Programmfüllende Dokumentarfilme“.

25.04.2010

Von Ulrike Pfeil

Der Film, der längere Zeit auch in Tübinger Kinos lief, handelt von einer besonders anrührenden menschlichen Friedensgeste im Nahostkonflikt. Der Palästinenser Ismail Khatib aus Jenin im Westjordanland, dessen zwölfjähriger Sohn gerade von israelischen Soldaten erschossen wurde, gibt schweren Herzens seine Zustimmung zur Organtransplantation an israelische Kinder. Später besucht Khatib in Israel die Familien der drei Kinder, die mit Organen seines Sohnes gerettet wurden.

„Das Herz von Jenin“, der vom Tübinger Arsenal-Verleih vertrieben wird, erntete bereits große Anerkennung auf Festivals, unter anderem bei der Cinema-for-Peace-Gala zur Berlinale 2010. Regisseur Vetter engagiert sich zugleich konkret in Jenin: Er verfolgt das Projekt, ein zerstörtes Kino wieder aufzubauen.

SCHWÄBISCHES TAGBLATT: Herzlichen Glückwunsch, Herr Vetter! Wann haben Sie geahnt, dass es auf Ihren Film hinausläuft?

Man wusste vor der Preisverleihung gar nichts. Alle halten komplett dicht.

Wer waren ihre Konkurrenten?

In unserer Sparte waren zwölf Filme gemeldet. Nominiert werden am Ende nur zwei; der andere war „Die Frau mit den fünf Elefanten“, über die Dostojewskij-Übersetzerin Swetlana Geier.

Waren Sie sehr nervös?

Normalerweise gehe ich in so eine Preisverleihung nicht mit dem Gefühl, dass ich gewinne, dann ist man zu sehr enttäuscht. Aber diesmal haben wir sehr gehofft, wegen des Kinoprojekts in Jenin. Am 5. August eröffnen wird dort das Kino, aber wir brauchen zum Endspurt dringend noch 50 000 Euro.

Gibt es denn Geld für den Preis?

Ja, 200 000 Euro. Die gehen aber an die Produktionsgesellschaft Eikon in Berlin und sind projektgebunden für einen neuen Film.

Sie haben als Filmemacher schon mehrere Preise gewonnen. Was bedeutet Ihnen dieser?

Es ist nun mal der renommierteste und der höchste Filmpreis in Deutschland. Und ein Kino-Preis, das ist nochmal was anderes als die Fernsehpreise wie der Grimme-Preis. Außerdem: Grimme-Preise gibt es immer mehrere in einer Kategorie, den Filmpreis nur einmal. Für mich ist der Preis jetzt aber vor allem wichtig wegen des Kinoprojekts in Jenin.

Sie meinen, dass er dafür nochmal Aufmerksamkeit schafft?

Ja, wir sind gerade knapp bei Kasse. Das Kino haben wir finanziert, wir haben dafür mit allem Drum und Dran fast 800 000 Euro gesammelt. Aber wir brauchen noch Geld für einen Open-Air-Bereich mit Cafeteria, einen Ort für Begegnungen. Vor dem heißen Sommer bleibt uns nur noch ein Monat, um Bäume zu pflanzen. Eine zweite Runde für den Film in den Kinos wäre deswegen toll.

Weiß Ismail Khatib schon über den Preis Bescheid?

Ganz Jenin weiß Bescheid! Die saßen dort alle vor dem Fernseher und haben die Preisverleihung verfolgt. Ich kam ja direkt aus Jenin nach Berlin.

Ihr nächstes Filmprojekt?

Ich mache jetzt einen Dokumentarfilm über das Kinoprojekt in Jenin, „Cinema Jenin“.

Wird man nach so einem Preis auch von anderen Produzenten angesprochen?

Bestimmt macht einen das noch begehrter. Im Moment hilft mir das aber nicht, weil der „Cinema Jenin“-Film bestimmt noch ein Jahr dauert. Auf lange Frist hilft es immer – vielleicht, ein ungewöhnlicheres Thema anzupacken.

Sie hatten mal an einen Film über den früheren Tübinger Studentenführer Ali Schmeißner gedacht. . .

Ja, das würde ich nach wie vor gerne machen. Die Idee ist noch nicht gestorben.

Die Fragen stellte Ulrike Pfeil

Will die ganze Aufmerksamkeit für sein Kino-Projekt in Jenin im Westjordanland nutzen, das im August eröffnet werden soll: Marcus Vetter. Archivbild: Metz

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Erstellt:
25. April 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
25. April 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. April 2010, 12:00 Uhr

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