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02.07.2012

Von Ulla Steuernagel

Sie halten sich im Nahost-Konflikt politisch zurück – aus taktischen Erwägungen oder aus Überzeugung?

Als Filmemacher ist es meine Grundüberzeugung, dass man das erzählen sollte, was passiert und nicht das, was man denkt, erzählen zu wollen. Vorgefertigte Ideologien halte ich für gefährlich und deshalb möchte ich mich politisch nicht gerne festlegen lassen.

Nur so war es wohl möglich, dass Ihre Filme sowohl in Dubai, als auch in Israel gefeiert wurden. Auf welches Publikum sind Sie da gestoßen?

In beiden Ländern waren die Zuschauer den Filmen gegenüber sehr aufgeschlossen. Das „Herz von Jenin“ hat in Dubai sogar den Publikumspreis gewonnen, obwohl der Co-Regisseur Lior Geller Israeli ist. Auf dem Internationalen Filmfestival in Jerusalem wurde der Vater des getöteten Jungen, Ismael Khatib, mit 10-minütigem Standing Ovation gefeiert. Im Publikum waren fast nur israelische Juden. Ähnlich war bei „Cinema Jenin“ auf dem Filmfestival in Tel Aviv. Weil der Film sich eher mit innerpalästinensischen Problemen beschäftigt und dort unterschiedlichste Menschen zu Wort kommen, schaffte er es, viele Vorurteile zu relativieren. Diese Zuschauer werden Palästina vielleicht nach dem Film mit anderen Augen sehen und Verständnis zeigen.

Ihnen ist es sehr wichtig, dass Israelis auch das Kino in Jenin besuchen können. Bedeutet diese Offenheit nicht eine Gefahr für das ganze Projekt? Fürchten Sie keine Anschläge?

Die Idee des Kinos wurde geboren, weil Ismael Khatib mit seiner Entscheidung Israelis die Hand gereicht hat. Ich habe bei den Dreharbeiten für den Film gespürt, dass mehr Palästinenser zu so einem Schritt bereit sein könnten, als man denkt. Dennoch musste ich mit der Zeit erkennen, dass für andere wiederum die erlebten Verletzungen so groß waren, dass sie nicht oder noch nicht bereit waren, Israelis im Kino zu empfangen. Diese Gefühle mussten wir unbedingt respektieren. Wenn man sich jedoch vorstellt, dass sechzig Israelis zur Eröffnung des Kinos nach Jenin kommen wollten und gewissermaßen ihr Leben als Pfand dafür gegeben hätten, war das eine unglaubliche Geste. Sie alle hätten nämlich ein Papier unterschreiben müssen, in dem sie zustimmen, möglicherweise eines grausamen Todes zu sterben, ohne dass die israelische Armee eingreifen würde.

Welche Filme werden im Cinema Jenin gezeigt? Wer bestimmt die Auswahl, und was will das palästinensische Publikum überhaupt sehen?

Wir wollen im Kino eine breite Palette an Filmen zeigen. Ägyptische Komödien, die das Publikum in Jenin liebt. Kinderfilme. Dokumentarfilme. Aber eben auch Mainstream- Kino. Denn Cinema Jenin sollte nicht eine Cinemathek sein, sondern ein Kino für alle. Außerdem gibt es eine Bühne für Konzerte, Kindertheater und andere Events. Wichtig für uns war, dass wir über moderne Bild- und Soundtechnik ein Kino- Feeling erzeugen, so dass die Menschen die Filme mit all ihren Sinnen erleben können. Die Auswahl soll in Zukunft das palästinensische Team bestimmen. Wenn es unsicher ist, ob man einen Kuss zeigen soll, kann man den Mufti zu Rate ziehen – nicht zur Zensur, sondern um die nötige Rückendeckung in der Bevölkerung zu bekommen. Doch die Programmierung der richtigen Filme braucht Zeit, Geduld und vor allem Liebe zum Kino. Ohne internationale Hilfe wäre das Kino nie fertig geworden.

Aber jetzt müsste es doch heißen, Mission erfüllt, das Kino kann nun auf eigenen Füßen stehen. Oder ab wann, glauben Sie, ist es so weit?

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Dr. Lamei, der Projektleiter und sein Team brauchen jedoch noch ein moderates Startkapital, um das Kino zu betreiben. In ein bis zwei Jahren glauben wir, dass das Kino autark sein könnte. Denn es wird mit Solarstrom betrieben und speist schon ins öffentliche Netz ein. Eine unterirdische Zisterne, der einzige LED-Screen in Palästina, eine Cafeteria und ein eigenes Gästehaus mit 40 Betten sind zusätzliche Möglichkeiten, Einnahmen fürs Kino zu generieren. Für 2013 und 2014 werden wir allerdings etwa 50 000 Euro Startkapital benötigen, um unsere Ziele zu erreichen. Wir bieten Stuhlpatenschaften für noch etwa 140 Kinostühle. Wenn wir für jeden dieser Stühle 1000 Euro als symbolisches Patengeld erhalten würden, wäre die finanzielle Zukunft gesichert.

In den vergangenen Jahren waren Sie wohl mehr in Jenin als in Deutschland. Fühlen Sie sich nach Vollendung der Trilogie nicht etwas heimatlos?

Ich brauche dringend Ruhe und Zeit für meine Familie, die in den letzten Jahren zu kurz gekommen ist. Das Wichtige ist jedoch, dass ich mich nach der Trilogie im Nahen Osten auch wieder mit anderen filmischen Themen beschäftige. Im Moment drehen wir zwei Filme über den Internationalen Gerichtshof in Den Haag und über die globale Finanzkrise.

Sie sind vom Filmemacher zum „social entrepreneur“, zum sozialen Unternehmer, geworden. Soll das in Zukunft so bleiben, haben sie schon weitere Projekte geplant?

Ja. Ich glaube, dass Filme alleine nicht ausreichen, um den Problemen, die auf uns zukommen, entgegenzutreten. Mein Tübinger Freund Jörg Fingas engagiert sich momentan für Reisbauern im Senegal. Sein Lösungsansatz ist genial. Ich möchte ihn dabei gerne unterstützen.

Marcus Vetter (links) mit Ismael Khatib und Bianca Jagger bei der Eröffnung des Cinema Jenin.

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Erstellt:
2. Juli 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Juli 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Juli 2012, 12:00 Uhr

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