Literatur

Marcel Reich-Ranicki: Er segnete und verdammte

Der vor 100 Jahren geborene Marcel Reich-Ranicki war ein Kritiker, dessen Schicksal die Menschen berührte.

02.06.2020

Von jük

Vor 100 Jahren geboren: Marcel Reich-Ranicki. Foto: Oliver Berg

Frankfurt/Main. Die Rezension eines Buches auf der Titelseite von Europas größtem Nachrichtenmagazin? Heute unvorstellbar, aber der „Spiegel“ machte im August 1995 mit der Anrede „Mein lieber Günter Grass“ auf. Marcel Reich-Ranicki zerriss – auch im Bild – den Roman „Ein weites Feld“ und rechnete mit dem Autor ab, der die DDR „eine kommode Diktatur“ genannt hatte.

Reich-Ranicki auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er war seit 1988 als Gastgeber des „Literarischen Quartetts“ berühmt – und avancierte zum Entertainer, zum Popstar, der selbst auf Thomas Gottschalks „Wetten, dass?“-Sofa brillierte. Sein gefräßiger Sprechstil gehörte zum Repertoire der Kabarettisten. Er amtierte als „Literaturpapst“ (seltsamer Titel für einen Juden), und tat das, was Päpste so machen: segnen, heiligsprechen, verdammen.

Anfänglich hatte die Branche die TV-Sendung verachtet, dann bettelte sie um Gehör. Das „Literarische Quartett“ sorgte für Auflage. „Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritiker“, lautete Reich-Ranicks Leitsatz. So gesehen war er ein überaus höflicher Mensch und sagte über diesen Grass-Roman: „Ich kann etwas, was tot ist, nicht leben lassen.“

Aber 1999 lernte man einen ganz anderen Reich-Ranicki kennen, als er seine Autobiografie „Mein Leben“ veröffentlichte. Seine schicksalhafte Vergangenheit erschütterte die Menschen. Geboren wurde dieser Intellektuelle vor 100 Jahren, am 2. Juni 1920, in Wloclawek als Marceli Reich, als Sohn deutsch-polnischer Juden (und er starb 2013 in seiner Wahlheimat Frankfurt). Er sog bei der Verwandtschaft die deutsche Kultur in sich auf; aber nach dem Abitur durfte er in Berlin nicht studieren, 1938 wurde er nach Polen ausgewiesen. Als die Nazis dort zur „Endlösung“ schritten, entkam er mit seiner Frau Teofila nur knapp dem Tod.

Reich-Ranicki vergötterte die deutsche Literatur, aber er hatte am eigenen Leib spüren müssen, zu welchen Verbrechen ausgerechnet dieses deutsche Kulturvolk fähig war. Die Musik etwa, die beim „Literarischen Quartett“ stets ertönte, das Allegro molto aus Beethovens Streichquartett opus 59, Nr. 3: Diese Melodie spielte ein später in Treblinka ermordeter Geiger, als er dem jungen Marcel und Teofila die Adresse einer polnischen Familie empfahl, die bereit war, die aus dem Warschauer Ghetto fliehenden Juden zu verstecken.

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Erstellt:
2. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Juni 2020, 06:00 Uhr

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