Tübingen · Spendenaktion 2019

Notfallpsychologie an der Kinderklinik: Manchmal wird alles wieder gut

Ein Unfall. Eine schwere Krankheit. Manchmal der Tod. Auf der Intensivstation der Tübinger Kinderklinik kümmert sich eine Notfall-Psychologin um Eltern in Krisensituationen.

07.12.2019

Von Lisa Maria Sporrer

Fünf Operationen hat Lina (die hier nicht mehr auf der Intensivstation liegt) hinter sich, Nicht immer war klar, ob sie überlebt. Eine riesige Belastung für ihre Eltern Anja und Marco. In der Tübinger Kinderklinik hat Notfall-Psychologin Clivia Langer (rechts im Bild) den beiden Eltern geholfen, mit der Situation klarzukommen. Bild: Ulrich Metz

Da war es wieder dieses Gefühl von Hilflosigkeit. Eine Ohnmacht, als ob sich das ganze Leben auf einen Gedanken zusammenzieht: Hoffentlich wird alles wieder gut. „Die Angst, das eigene Kind zu verlieren, macht einen körperlich und seelisch fertig“, sagt Anja Lohmiller und greift nach der Hand ihrer Tochter. „Sie zur Operation abzuliefern, ist der Horror. Das Schlimmste ist aber die Wartezeit.“ Lina, 3 Jahre alt, hat die Operation überstanden. Es war ihre fünfte. Nicht immer war klar, dass sie überlebt. Lina leidet an der Ebstein-Anomalie, einer seltenen angeborenen Fehlbildung des Herzens, „einer Laune der Natur“, sagt ihr Vater Marco.

Wenn seine Frau im Elternhaus der Klinik ein bisschen Schlaf sucht, wacht er am Bett seiner Tochter, legt die kleine Hand in seine und erklärt der Dreijährigen, die mit einem Fiebertraum ängstlich aufgewacht ist, warum er sie nicht in den Arm nehmen kann. Der Schlauch in der Nase ist für den Sauerstoff. Die anderen Schläuche, die sich wie ein Netz über dem Kinderkörper ausbreiten, sind für die Medikamente. Damit sie bald wieder gesund ist. Schließlich schafft Marco es, sie mit ihrem Kuscheltierhasen zu beruhigen. „Es wird alles wieder gut“, flüstert er Lina zu. Und will das selber gerne glauben.

Manche Eltern werden in solchen Ausnahmesituationen panisch. Oder aggressiv. Andere unendlich traurig. Einige alles zusammen. Aber viel Zeit, mit den Eltern zu sprechen, sie zu beruhigen, zu trösten, haben weder die Ärzte, noch die Krankenschwestern. „Wir sind damit beschäftigt, die Kinder am Leben zu erhalten“, sagt Katrin Lehrl. Seit 19 Jahren arbeitet die Krankenschwester auf der Kinder-Intensivstation in der Tübinger Uniklinik.

Als Mutter von drei Kindern kennt sie beide Seiten, sie sagt: „Ich weiß, was Eltern in solchen Situationen für Filme schieben. Wenn da ein Arzt steht und in Fremdwörtern über das Leben des Kindes redet.“ Wenn Eltern bei Untersuchungen ins Elterneck geschickt werden, einer kleinen umgebauten Rumpelkammer, gerade mal groß genug für eine Garderobe, eine Sitzecke und ein Waschbecken. „Das ist schrecklich. Nicht zu wissen, was gerade mit dem eigenen Kind passiert. Manchmal erfahren sie es stundenlang nicht“, sagt Lehrl. „Krankenschwestern können Akutsituationen nicht auffangen. Und manchmal auch nur schwer aushalten.“

Dieses Aushalten erträglich zu machen – dafür ist seit einigen Jahren Clivia Langer zuständig. Sie ist Notfallpsychologin auf der Kinder-Intensivstation und sie hat vor allem eines: Zeit. Zum Trösten. Zum Beruhigen. Für Gespräche. Abseits der alltäglichen Betriebsamkeit ist sie so etwas wie ein Beobachtungsposten. Sie muss nicht, wie die Seelsorger im Haus, gerufen werden, wenn Eltern am Bett ihres Kindes verzweifeln. Sie ist da. Schaut in die Elternecke, an die Intensivbetten, nach den Schwestern. Und sie versteht als gelernte Kinderkrankenschwester, was die Ärzte den kleinen Menschen diagnostizieren.

„Wir sind damit beschäftigt, die Kinder am Leben zu erhalten.“ Katrin Lehrl, Krankenschwester. Bild: Kinderklinik

Langer war auch bei Anja und Marco Lohmiller, als diese in der Kinderklinik zum ersten Mal um das Leben ihrer Tochter bangten. Vor drei Jahren. Direkt nach der Geburt. In der 21. Schwangerschaftswoche stellte der Frauenarzt von Anja Lohmiller den Herzfehler fest. Was die Ebstein-Anomalie für das damals Ungeborene bedeutet, konnte er nicht sagen. „Wir wussten nicht, ob sie in meinem Bauch, ob sie die Geburt überlebt. Ob das Herz schlägt. Ob sie atmen kann.“ Sie atmete. In einem verkabelten Glaskasten, das Gesicht versteckt unter einer Sauerstoffmaske. Ein Pfarrer kam für die Nottaufe.

„Mein Kind war ein kleines Würmchen, ganz verkabelt. Ich wusste nicht, wo ich sie anfassen darf, wir durften sie nicht halten. Das war schrecklich“, sagt die heute Dreißigjährige. Fünf Wochen nach der Geburt wurde Lina das erste Mal operiert. Dabei blieb ihr kleines Herz stehen. Auch bei der zweiten Operation war nicht klar, ob sie es überhaupt schafft. Fünf Monate blieb die junge Famile in der Tübinger Klinik. Dann durften sie Lina nach Hause mitnehmen, mit einer Magensonde und einem Monitor, der ihren Sauerstoffgehalt überwacht.

„Wir waren über jede Hilfe froh“, sagt Marco und schaut dankbar zu Clivia Langer. Sie sitzt am Bettende von Lina, wieder, hält Blickkontakt mit der kleinen Patientin, spricht gelegentlich ein paar aufmunternde Worte zu ihr. „Zu Kindern lieb sein kann jeder“, sagt sie dann. Aber Eltern Abstand zu geben, um Kraft zu schöpfen, sie in Krisen auch sozialrechtlich zu beraten, nach ihren Bedürfnissen zu schauen, das werde bisher noch viel zu selten getan. Nur eine Handvoll Kliniken in Deutschland haben einen Psychologen auf der Kinder-Intensivstation.

Der Hocker, auf dem Langer sitzt, ist niedriger als die Stühle der Eltern. Mit Absicht. Was auf Unbeteiligte wie Taschenpsychologie wirkt, ist wichtig für Menschen, die sich hilflos fühlen, alleine, deren Selbstwert von der Verlustangst absorbiert wird. „Es tut so gut, wenn jemand da ist, dem man erzählen kann. Der einfach nur zuhört“, sagt Anja. „Es ist wichtig, die Selbstwirkung der Eltern zu stärken. Die Perspektive zu wechseln. Eltern zu zeigen, wie stark sie sind, was sie alles schon geschafft haben“, sagt Langer. „Eine Psychologin hat einfach nochmal einen anderen Blick“, sagt Matthias Kumpf.

„Wir sind für das Medizinische da. Frau Langer für alles andere.“ Matthias Kumpf, Oberarzt. Bild: Kinderklinik

Auch für den leitenden Oberarzt der Kinder-Intensivstation in Tübingen ist Langer unverzichtbar. Manchmal, sagt er, schiebe er Angehörigengespräche, solange, bis die Notfall-Psychologin wieder im Haus ist. „Wir sind für das Medizinische da. Frau Langer für alles andere“, sagt Krumpf. Auch dafür, dem medizinischen Personal bei den Fallbesprechungen zu erklären, in welchen Phasen sich die Eltern befinden. Warum sie manchmal alles medizinisch Mögliche verlangen, obwohl klar ist, dass das Kind sterben wird. Wenn der Sterbeprozess sehr lange geht. Die Schwestern an den Rand ihrer Kräfte kommen. Auch dann ist Langer da. Für die Eltern und für das Personal.

Für Lina war es die letzte Operation, sagt ihr Vater. Die Ärzte haben es geschafft, durch eine Venen-Verlegung ihre rechte Herzseite zu umgehen. Bald muss sie nicht mehr auf der Intensivstation ruhig im Bett liegen, sondern kann wieder herumtoben. Sie ist ein aufgewecktes Kind. Lebendig. Wie Dreijährige eben sind. Irgendwann werden ihre Eltern die piepsenden Monitore vergessen haben. Die Ungewissheit, ob das eigene Kind den Tag überlebt. Das schlechte Gewissen, das Krankenbett zu verlassen, um einen Kaffee trinken oder eine Pizza essen zu gehen. Irgendwann wird auch Lina ihre Angst vor den blauen Krankenhaushandschuhen vergessen haben. Und vor den Klinik-Clowns, die nicht in ihr Bild von Fröhlichkeit passten. Bald wird die kleine Familie ein fast normales Leben führen können. Dann wird endlich alles gut.

Von 50 auf 100 Prozent: Der Bedarf ist riesig

Die Kinder-Intensivstation der Tübinger Uni-Klinik ist die Station mit den meisten Zugängen. Über 1000 Kinder werden dort jedes Jahr behandelt. Die Patienten reisen von weit her an, aus anderen Städten, anderen Ländern. Patienten, die in anderen Kliniken als hoffnungslose Fälle gelten. Einige Kinder verlassen die Station nicht mehr lebend. Erst neulich, erzählt Clivia Langer, sei sie in Friedrichshafen gewesen. Von dort wurde ein Säugling nach Tübingen überwiesen, bei dem die Ärzte nicht feststellen konnten, was ihm fehlt. Auch in der Tübinger Uni-Klinik wurde alles versucht, das neue Leben zu retten. Das Kind wurde schließlich in Friedrichshafen begraben. Langer hat noch immer Kontakt mit der traumatisierten Mutter. Allerdings arbeitet die Psychologin auf der Kinder-Intensivstation nur zu 50 Prozent, weil sie noch andere Arbeitsbereiche habe. Stephanie Rich, Geschäftsführerin der Kinderklinik erkannte vor einigen Jahren den Bedarf für eine solche Stelle. Sie hat es nun geschafft, weitere 30 Prozent über Klinikgelder zu finanzieren. Aber auch das decke noch nicht den Bedarf, sagt Thomas Hassel, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Hilfe für kranke Kinder“. Die fehlenden 20 Prozent müssen über Spenden finanziert werden. Dafür werden über einen Zeitraum von zunächst fünf Jahren rund 100 000 Euro an Spendenmitteln benötigt.

So können Sie spenden

Spenden können Sie in diesem Jahr auf das Konto der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 1711 11). Bitte vermerken Sie wenn Sie eine Spendenquittung benötigen und fügen in diesem Fall Ihre vollständige Adresse hinzu. Bei Beträgen bis 200 Euro akzeptiert das Finanzamt einen Kontoauszug. Wollen Sie ein bestimmtes Projekt unterstützen (Projekt 1 „Notfallpsychologe“ oder Projekt 2 „Rollstühle“), bitten wir ebenfalls um einen entsprechenden Vermerk. Wegen der neuen Datenschutzgrundverordnung werden die Namen der Spender/innen in der Zeitung nicht mehr veröffentlicht. Wir speichern Ihre personenbezogenen Daten (Vorname, Nachname, Adresse, Kontodaten, Spendenbetrag) ausschließlich zum Zwecke der Durchführung des Spendenaufrufes und wegen möglicher Nachfragen zu Spendenquittungen (Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO) für maximal sechs Monate. Außerdem weisen wir darauf hin, dass wir im Falle einer gewünschten Spendenquittung die hierfür erforderlichen Daten an die Träger der Projekte übermitteln.

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Erstellt:
7. Dezember 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Dezember 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Dezember 2019, 01:00 Uhr

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