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Bricht demnächst im Kino Arsenal wieder in die „Zone“ auf: Andrej Tarkowskijs dystopischer „Stalker“. Bild: Trigon




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05.04.2018

Von Dorothee Hermann

Ein Sommer-Sonntagabend in Tübingen, ideales Biergartenwetter, aber die Zuschauer rennen dem Kino Arsenal die Bude ein. Sie wollen sich lieber in den düster verregneten Szenerien von „Blade Runner“ (Final Cut) verlieren, als das laue Wetter auszukosten, und es sind so viele, dass die Sitzreihen mit Klappstühlen aufgestockt werden müssen. Auch die Zusammensetzung des Publikums verblüfft: älter, mittelalt, jung, allein, mit Freunden oder als Paar, und sogar Opa mit Enkel – eine solche Vielfalt findet man außerhalb von Festival-Zeiten in Tübingen selten. Sie alle wollten unbedingt Harrison Ford als Replikanten-Jäger durch die verschatteten Häuserschluchten von L.A. jagen sehen (Replikanten sind außer Kontrolle geratene künstliche Menschen, die echte Menschen töten).

Dieter Betz und Heiko Heil vom Kino Arsenal haben sich die Reihe „Retro-Cinema“ ausgedacht. Bei der Programmauswahl ist das Publikum stets mit an Bord: „Jeden Monat stellen wir euch drei Klassiker der Filmgeschichte zur Wahl“, heißt es auf Facebook oder einfach analog an der Kinokasse. „Wir wollen niemanden ausschließen“, sagt Heil. Was sich der 35-Jährige am meisten von der Retro-Reihe erhofft: „Zusammen ins Kino gehen, über Filme und über Regisseure sprechen.“ Gezeigt werden Originalfassungen, auch mit Untertiteln. „Die Synchronisierung ist manchmal grauslich. Aber nicht jeder will Untertitel lesen“, sagt er.

„Blade Runner“ war der Überraschungshit des Sommers. Bild: Arsenal

„Blade Runner“ von „Alien“-Regisseur Ridley Scott war 1982 nicht sofort ein Erfolg. „Der Film hat ganz viel Geld gekostet“, sagt Heil, spielte aber in den USA damals nicht einmal die Produktionskosten ein. Erst mit der Zeit begann „Blade Runner“ als Science-Fiction-Klassiker zu strahlen. „Das kann man nicht planen“, sagt Kinoleiter Betz. Doch das Motiv, in einer vertrauten und zugleich fremden Welt ein Ausgestoßener zu sein, dazu die ewige Frage „Wer bin ich?“ entwickelte offenbar auch in der zwischen analog und digital-virtuell heftig hin- und hergerissenen Gegenwart ihren Sog.

Schlechtwettermäßig (Schnee) und atmosphärisch aufnehmen mit „Blade Runner“ kann es Andrej Tarkowskijs „Stalker“. Die Titelfigur ist nicht etwa ein Nachstellungstäter, sondern ein Fährtensucher oder Kundschafter, der Neulinge durch die mysteriöse „Zone“ geleitet, wo Besuchern angeblich die geheimsten Wünsche erfüllt werden. Gedreht 1978/79, ist auch „Stalker“ zum Science-Fiction-Kultfilm (und zum Klassiker des sowjetischen Kinos) geworden, der in der Rückschau besonders verwirrende Zeitverschiebungen anstoßen kann: Ein „Zurück in die Zukunft“-Feeling, bei dem die Zeitreise häufig gerade nicht als Komödie abläuft wie in Robert Zemeckis’ gleichnamigem Kinoerfolg aus dem Jahr 1985. Stattdessen wartet eine Höllenfahrt in die eigenen seelischen Abgründe – so, wie es den „Stalker“-Protagonisten in der Zone widerfährt.

Wenige Tage vor Weihnachten konnte das Tübinger Retro-Cinema an den sommerlichen „Blade Runner“-Hype anknüpfen: „Die Hard“ in der Urfassung von 1988 mit dem jungen Bruce Willis bot einem großen, dankbaren Publikum ein willkommenes Antiprogramm zu Plätzchenduft, süßlicher Festharmonie und dem großen Fressen. Dabei liefert der Film auf seine Weise eine Weihnachtsgeschichte, nur eben ziemlich hard-boiled. Deutsche Terroristen, deren krachender Akzent ziemlich hunnenmäßig von der Leinwand tönt, halten die Gäste in einem Bürohochhaus in L.A. als Geiseln fest – ohne zu bedenken, dass eine von ihnen die Ex-Frau des Ermittlers John McClane (Bruce Willis, damals noch mit Haaren auf dem Kopf und so schlagkräftig wie leidensfähig) ist, eben aus New York eingeflogen, um doch noch eine familiäre Aussöhnung zu bewerkstelligen.

Die Rolle prägte fortan ein eigenes Subgenre des Actionfilms: Einsamer Held muss gegen überwältigende Übermacht antreten. Manchem Kritiker gilt „Die Hard“ als einer der besten Weihnachtsfilme aller Zeiten.

Dieter Betz (links) und Heiko Heil. Bild: Hermann

Die Retro-Schiene könnte ältere Kinoliebhaber daran erinnern, dass in Tübingen früher ganze Werkschauen von Tarkowskij, Altman, Scorsese, Fellini oder Pasolini, Rivette, Agnès Varda oder Kubrick zu sehen waren. „Jedes Programmkino, das auf sich hielt, bot Retrospektiven an“, sagt Betz. Doch er bedauert: „Die Zeiten sind vorbei. Es muss ein Event dabei sein.“ Dann sagt er: „Komm’ doch im Bademantel. Es gibt auch ein Getränk.“ So war es kürzlich, als „The Big Lebowski“ der Coen-Brüder im Re-tro-Cinema zu Gast war. Der Drink des „Dude“ (Jeff Bridges) heißt „White Russian“. Das ist ein Gemisch aus Wodka, Kaffeelikör und Sahne oder Milch, wie man notfalls bei Wikipedia nachlesen kann. Verwendet man mexikanischen Kaffeelikör (Kahlúa), kommt eine Note Zuckerrohr und Vanille dazu.

„The Big Lebowski“ (1998) ist noch ein bisschen jung für „Retro“, aber neben Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ und Stanley Kubricks „The Shining“ einer von drei Leinwand-Hits, die Betz sich immer wieder gern anschaut. Derzeit sei es wieder einfacher, an die Rechte zu kommen, sagt er. „Es gibt eine britische Firma, die diese älteren Werke aufkauft und für einen vernünftigen Preis verfügbar macht.“ Es handelt sich um die 2003 gegründete Park Circus Ltd in Glasgow, die Filmklassiker vertreibt und ihre mehr als 20.000 Titel laufend aufstockt. Auch der Schweizer Trigon-Verleih, der „Stalker“ im Angebot hat, engagiere sich seit Jahren für ältere Filme. Doch der leidenschaftliche Cineast will auch Filme zeigen, die die Sehgewohnheiten herausfordern und nicht von vornherein auf ein großes Publikum zählen dürfen (siehe Infobox links).

Ebenfalls mit einem Event startete ein Ableger des Retro-Cinema, die Reihe „Queer Film“. Der Auftakt mit der „Rocky Horror Picture Show“ war ein unglaublicher Erfolg, sagt Heil. „Die Leute haben sich verkleidet und im Kino getanzt. Wir haben noch eine zweite Vorstellung drangehängt.“ Demnächst folgt die Tragikomödie „Pride“ über den überraschenden Schulterschluss zwischen Waliser Bergabeitern und der Londoner Schwulen- und Lesbenbewegung (Do, 19. April, 20.15 Uhr, OmU).

Ein bisschen Kinokultur wie in München oder Berlin

Ein wahrer Cineast liebt auch Filme, die wegen ihrer sperrigen Themen oder ihrer Machart abseits von Metropolen wie Berlin, Frankfurt oder München kaum mehr ins Kino finden. Solche „Liegengebliebene oder Zukurzgekommene“ will Dieter Betz, Leiter der Tübinger Kinos Arsenal und Atelier, wenigstens in der neuen Reihe „Outstanding Films“ zeigen, etwa den „in Deutschland völlig untergegangenen Schauspielerfilm ,Casting’ “. Erst vor kurzem präsentierte Betz das fast vierstündige Schwarz-Weiß-Epos „The Woman Who Left“ des gefeierten philippinischen Regisseurs Lav Diaz.

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Erstellt:
5. April 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. April 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. April 2018, 01:00 Uhr

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