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Weltkongress in Deutschland

Man spricht Interlingua

Europa hat ein Sprachproblem, meinen die Anhänger der Plansprache Interlingua. Ob sie dieses Problem lösen kann? Wer eine romanische Sprache gelernt hat, versteht die grammatikalisch einfache Interlingua.

13.08.2009

Von MARTINA SCHRÖCK

Don (Donald) Gasper ist aus Hongkong hergeflogen, um Interlingua zu sprechen. Sein Weg ins Interlingualand führt in die Provinz. Die Interlinguisten treffen sich eine Woche in Kirchheimbolanden, 30 Kilometer von Kaiserslautern entfernt.

Dass die 1951 publizierte internationale Plansprache ihr Potential wohl noch nicht ausgeschöpft hat, sieht man schon an der Zahl der Teilnehmer: 30 Menschen plus Tagesgäste sind da, und das Motto heißt "Nos parla interlingua", "Wir sprechen Interlingua". Über ein Drittel der Sprecher stammt aus Skandinavien, wo die Plansprache für internationale Kommunikation am besten Fuß fassen konnte. Weitere kommen aus Großbritannien, den Niederlanden, Belgien, Ungarn, Tschechien, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Rumänien, Deutschland - und eben Hongkong.

Jeanne Martinet ist mit ihren 89 Jahren so etwas wie ein Urgestein der Sprache für internationale Verständigung. Die bekannte Sprachwissenschaftlerin ist die Witwe von Professor André Martinet, der von 1947 bis 1949 das Team aus Wissenschaftlern geführt hat, das Interlingua aus den europäischen Sprachen entwickelte. Ingvar Stenström aus Schweden (81), hat bereits die erste Konferenz 1955 in Tours besucht. In Varberg hat der Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch sogar 25 Jahre lang Interlingua im Unterricht verwendet, als es als Alternative zum Lateinpauken das Fach "Allgemeine Sprach- und Fremdwörterkunde" gab.

Die Kommunikation in der Sprache läuft hervorragend, die meisten sprechen fließend. Sogar für Gäste beweist sich die Zwischen-Sprache als äußerst praktisch. Wer Spanisch spricht, versteht nahezu alles - erstaunlich! Die Interlinguisten verstehen wiederum Spanisch.

Die Freunde der Interlingua arbeiten eifrig: Der Tag beginnt mit Sprachkursen, es folgen Übersetzungen von Internetseiten und Werbematerial für Städte, Museen und kulturelle Einrichtungen. Martijn Dekker aus den Niederlanden hält einen Vortrag über seine Erfahrungen mit Interlingua in Portugal. Er hat in Porto einen Fachvortrag über Autismus auf Interlingua gehalten. Die Portugiesen verstanden ihn spontan so gut, dass er wieder eingeladen wurde. Darauf folgen Arbeitssitzungen über die Ausbildung von Interlingua-Lehrern, die Verbesserung des Lehrmaterials und wie man Interlingua als gemeinsame Sprache Europas etablieren könnte.

Mit der Aussage "Europa hat ein ungelöstes Sprachenproblem, spricht Barbara Rubinstein, Schwedin und Präsidentin der Weltunion für Interlingua, allen aus der Seele. Europa fördert die "Mehrsprachigkeit", keine Plansprachen. Was also tun? "Beginnt bei euch Zuhause, lest die Zeitschrift ,Panorama de Interlingua doch mal in den öffentlichen Verkehrsmitteln", schlägt der Däne Thomas Breinstrup vor.

Dass es Interesse für Interlingua gibt, zeigt sich am Abend: Eine Hand voll Menschen aus der Umgebung folgt der Einladung auf die Konferenz. Man spielt ein Quiz. "Ich verstehe durch mein Französisch einiges, das ist ja klasse. Warum wusste ich jahrelang nicht, dass es Interlingua gibt?, fragt sich Albert Doll aus Gerbach. Am nächsten Tag fahren die Interlinguisten nach Mainz, um an einem Stand auf dem Schillerplatz mit Passanten ins Gespräch kommen.

Soweit, so schön. Aber hat eine Plansprache noch eine Chance gegen das übermächtige Englisch? Professor Heiner Eichner, Sprachwissenschaftler an der Uni Wien sagt: "Es ist noch nicht zu spät. Die Stärke einer internationalen Plansprache liegt in ihrer relativen Neutralität. Sobald wir das schätzen lernen, vielleicht schon in ein paar Jahren, haben Plansprachen glänzende Aussichten. Wenn nur eine überregionale Institution - etwa die Europäische Union, eine große Kirche oder ein Konzern - ein Pilotprojekt mit einer Plansprache unter wissenschaftlicher Leitung starten würden, könnte eine Wende eintreten."

Don Gasper, Journalist aus Hongkong, setzt auf China. "China wird in den nächsten Jahren eine immer größere Rolle in der Weltwirtschaft spielen. Aber wird die Volksrepublik auf Dauer an Englisch für die internationale Kommunikation festhalten wollen? Auf Chinesisch zu bestehen, wäre nicht sinnvoll. Ich denke, dass China in etwa zehn Jahren über eine Plansprache nachdenken wird." Dass alle drei etablierten Plansprachen auf dem europäischen Wortschatz basieren, sei dabei kein Problem - Gasper weiß das aus der Praxis. Er spricht neben Interlingua auch Esperanto und Ido. Esperanto sprechen zwischen zwei und drei Millionen Menschen geschätzt. Ido ist ein reformiertes Esperanto und hat bisher wenig Zuspruch erfahren.

Sven Frank aus Weinheim wirbt im Zug für Interlingua. Foto: Schröck

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Erstellt:
13. August 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. August 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. August 2009, 12:00 Uhr

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