Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Eine Waffe, aber kein Täter

MH17 von Buk-Rakete getroffen - Gegenseitige Schuldzuweisungen nach Expertenbericht

15 Monate nach dem Absturz der Flugs MH17 über der Ostukraine liegt der Abschlussbericht der Ermittler vor. Die Frage, wer das Flugzeug mit 298 Passagieren abgeschossen hat, bleibt darin offen.

14.10.2015
  • STEFAN SCHOLL

Als sich die Türen zu der großen Halle auf dem niederländischen Militärflughafen Gilze-Rijen öffnen, werden die rund 200 Journalisten still. Mitten in der dunklen Halle ragt wie ein Mahnmal das Wrack eines Flugzeuges empor. Es sind die Reste der Boeing 777 mit der Flugnummer MH17, die am 17. Juli 2014 über der Ostukraine abgeschossen worden war. Es ist die letzte fühlbare Verbindung mit den 298 Menschen, die damals über umkämpftem Gebiet starben.

Vor dieser fast schon gespenstischen Kulisse gibt der Vorsitzende des niederländischen Sicherheitsrates, Tjibbe Joustra, an diesem Dienstag die Ergebnisse der internationalen Untersuchung zum Absturz von MH17 bekannt. 279 Seiten hat der Bericht, aber er beinhaltet wenig Neues - vor allem gibt er auf die Schuldfrage keine Antwort.

Das Papier konstatiert, dass die ukrainischen Behörden den Luftraum über dem Kampfgebiet hätten früher schließen können. Es wird festgestellt, dass der Flugzeugbug vorne links von einem explodierenden "9N314M"-Gefechtskopf zerstört wurde, abgefeuert aus einem Buk-Luftabwehrsystem.

Die Niederländer lassen offen, ob der Gefechtskopf von modernen "9M38M1" getragen wurde oder von einer älteren "9M38"-Rakete. Diese werden nach Angaben des russischen Rüstungskonzerns "Almas-Altei" noch von den ukrainischen Streitkräften verwendet, nicht aber von den russischen.

Der Bericht bleibt oft wage: Das Areal, in dem das Buk-System gestanden haben könnte, betrage 320 Quadratkilometer, heißt es, zur Ermittlung der wahren Position seien weitere Ermittlungen nötig. Erst am Abend stellt Tjibbe Joustra im niederländischen Fernsehen klar: Ja, die Rakete wurde von einem Gebiet abgeschossen, in dem pro-russische Rebellen die Kontrolle hatten.

Unmittelbar vor der Veröffentlichung hatte mal wieder eine Propagandaschlacht um den Abschuss der Boeing getobt. Kremlsprecher Dmitri Peskow rügte am Vorabend, die internationalen Ermittler hätten vielen Fakten, die die russische Seite geliefert habe, keine Aufmerksamkeit geschenkt. Und gestern Morgen präsentierte "Almas-Antei" noch schnell die Ergebnisse eines Modellversuches, bei dem man eine "9M38M"-Rakete neben der Karosserie einer ausgedientem IL-86-Passagierflugzeug zur Explosion brachte. Aber auch die Ergebnisse der Russen bestätigen nur ihre vorherigen Behauptungen: Die Boeing wurde danach von einer veralteten "9M38" abgeschossen, die die russischen Streitkräfte schon lange nicht mehr einsetzen.

Außerdem soll das Experiment bewiesen haben, dass die Rakete aus einer Stellung unweit des Dorfes Saroschenskoje abgeschossen wurde, wo damals ukrainische Truppen gestanden hätten.

Das widerspricht Augenzeugen-Aussagen. Leute aus Saroschenskoje versicherten Reportern der deutschen Portals "Correctiv" und der russischen Zeitung "Nowaja Gaseta", am Abschusstag keine Raketen bemerkt zu haben. Während im Gebiet südlich von Sneschnoje, das damals von Rebellen und Russen gehalten wurde, ein Großteil der von uns im Juni befragten Bewohner sagten, sie hätten die Buk-Rakete gesehen und gehört.

Experten verwiesen während der Kämpfe im Donbass immer wieder darauf, dass Rebellen und Russen sehr oft veraltete russische Waffensysteme benutzten, auch in Syrien fliegt die Luftwaffe nach Ansicht Moskauer Insider Luftangriffe mit "preiswerten" Raketen- und Bomben aus Altbeständen.

Der niederländische Abschlussbericht bietet in seiner Vagheit allen Seiten Raum für ihre Versionen und neuerliche Schuldzuweisungen. Die ukrainische Internetzeitung Lewy Bereg findet etwa, vor dem Hintergrund des Berichts sei es jetzt ausgeschlossen, dass die Rakete von ukrainischem Gebiet abgefeuert wurde, während der kremlnahe Moskauer Politologe Alexander Muchin meint, die Niederländer hätten keinerlei Widerspruch gegen den Bericht "Almas Anteis" erhoben.

Wasil Wowk, ein pensionierter ukrainischer Geheimdienstgeneral, der mit der Ermittlergruppe der Niederländer zusammen gearbeitet hat, sagte der "Nowaja Gaseta", er verstehe nicht, warum die USA keine Satellitenfotos des Abschusses veröffentlichten. Offenbar sei die Untersuchung längst in der großen Politik versumpft.

Ein niederländischer Anwalt, der 76 Hinterbliebene vertritt, sagte der russischen Agentur RBR, es sei möglich, dass diese nun gegen die Ukraine klage, weil sie den Luftraum über dem Donbass nicht gesperrt habe. Aber die Familien warteten weiter mit Ungeduld auf die Antwort nach der Frage, wer die tödliche Rakete abgeschossen habe.

MH17 von Buk-Rakete getroffen - Gegenseitige Schuldzuweisungen nach Expertenbericht
Ein russisches Buk-Flugabwehrsystem als Ausstellungsstück auf einer Messe in Moskau: Mit einer derartigen Rakete wurde 2014 die Boeing der Malaysia Airlines über der Ostukraine abgeschossen. Foto: dpa

MH17 von Buk-Rakete getroffen - Gegenseitige Schuldzuweisungen nach Expertenbericht

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

14.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular