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Es kommt auf den Rhythmus an

Luis Frank Arias, einer vom Buena Vista Social Club, über seine Musik und sein Leben

Der kubanische Son-Sänger Luis Frank Arias war einer der jüngsten Musiker, die im Film Buena Vista Social Club mitwirkten. Vor seinem Konzert im Reutlinger franz. K am 20. März gab er dem TAGBLATT ein Interview. Am 17. April tritt er im Tübinger Sudhaus auf.

28.03.2015

Luis Frank Arias, herzlich willkommen in Reutlingen. Sind Sie schon mal hier aufgetreten?

Ja, ich war schon mehrmals mit meiner Band hier. Ich erinnere mich daran, zwei Konzerte gegeben zu haben.

Haben Sie den Eindruck, dass das Interesse an kubanischer Musik in den letzten Jahren gestiegen ist?

Hispanische Musik stößt in Deutschland generell auf ein gesundes Interesse. In den letzten Jahren ist es sehr gut gelaufen.

Woran machen Sie das fest?

Man merkt es an den Konzerten: Jedesmal wenn eine Konzertreihe von uns ansteht, ist sie drei Monate vor Tourbeginn ausverkauft.

Die traditionelle kubanische Musik heißt Son. Wie würden Sie ihr Verhältnis dazu beschreiben?

Das ist mein Blut, das Schönste für mich – das Leben.

Kommen Sie aus einem musikalischen Elternhaus?

Ja. Mein Vater war Sänger, ein sehr guter! Meine Mutter singt auch. Sie lebt noch. Ich habe es gelernt, als ich noch in der Wiege lag.

Stammen Sie aus einem Zentrum kubanischer Musik, beispielsweise Havanna?

Ich komme aus dem Osten Kubas, aus Contramaestre. Es ist sehr ländlich dort. Wenn wir von der Schule nach Hause kamen, haben wir Musik gemacht.

Auf welchen Instrumenten?

Auf der Tres (eine kleinere Gitarre), mit Löffeln und mit einem Stuhl, der mit Ziegenhaut bespannt war, als Trommel.

Das hört sich so an, als ob alles auf den Rhythmus ankommt.

Das ist so. Seit ich geboren bin.

Als der Film „Buena Vista Social Club“ gedreht wurde, waren Sie einer der jüngsten Musiker, die darin mitspielten ...

Das stimmt. Yanco Pisaco, Julien Oviedo und ich, wir waren die Jüngsten.

In einer Riege von ansonsten älteren Damen und Herren, deren Musik Sie vermutlich schon recht früh gehört haben.

Ich habe ihre Musik gehört, seit ich geboren wurde.

Wie sind sie denn in den Kreis der Musiker des Buena Vista Social Club geraten?

Ich komme aus einer Region, in der viel der traditionellen kubanischen Musik gespielt wurde. Die habe ich schon immer gemacht – ich war sehr sicher darin. Ohne es zu merken bin ich zum Sänger der ursprünglichsten Musik Kubas geworden.

Waren Sie nervös, als Sie zum ersten Mal mit den alten Helden ihrer Musik zusammen trafen?

Na klar! Die alten Meister ... Ibrahim Ferrer hatte ich viele Jahre vor Buena Vista Social Club gesehen. Mit seiner Band, Los Bocucos. Er war mein Vorbild. Das allererste Mal habe ich ihn während das Karnevals gesehen. Das Bild hat sich mir für immer eingebrannt: Er saß in einem Auto und aß Tamal (eine in Bananenblatt gewickelte Maisspeise mit Fleisch und Zwiebeln) aus der Hand. Er schnitt es mit dem Messer auf und aß davon.

Das ist eine ziemlich lustige Beschreibung ...

Das ist genau das Bild, das ich von ihm im Kopf habe.

Ibrahim Ferrer trug auch immer so eine flache Mütze wie Sie heute. Haben Sie das von ihm übernommen?

Die meisten Soneiros tragen diese Art Mütze – die wahren Soneiros!

Sprechen wir über ihren früheren Bandleader Compay Segundo. Wie hat Sie die Arbeit mit ihm beeinflusst?

Für mich war es sehr interessant. Ich war sehr jung und hatte kaum Erfahrung. Ich habe viel von ihm gelernt, vor allem diszipliniert zu sein, wenn man Musik macht.

Als „Buena Vista Social Club“ herauskam, war Compay Segundo bereits 89 Jahre alt. Aber immer noch fit, oder?

Er war sehr gesund. Ich habe ihn nur einmal krank gesehen: In Paris musste er für acht Tage ins Krankenhaus. Es war ein sehr trauriges Bild. Ich dachte, ich würde ihn nie wieder sehen. Dann wurde er aber so gesund wie vorher.

Was bedeutet es für Sie, in seiner Band gespielt zu haben?

Ich bin riesig stolz darauf mit zwei Männern Musik gemacht zu haben: Mit Juan de Marcos Gonzalez (stellte die Musiker von Buena Vista Social Club zusammen) und mit Compay. Ich habe zweifellos mit den Größten zusammen gespielt. Dazu gehören für mich auch Leute wie (die Jazz-Pianisten) Gonzalo Rubalcaba und Chucho Valdés.

Mir fällt gerade ihre Tätowierung hinter dem rechten Ohr auf, ein roter Notenschlüssel. Ziemlich verborgen, finden Sie nicht?

Den sieht das Publikum bei gutem Licht. Ich versuche mich immer so hinzustellen, dass man ihn sieht. Aber ich habe noch eine ganz andere Tätowierung ... (streift den Ärmel seiner Jacke hoch und entblößt die kubanische Flagge).

Jetzt müssen wir über ihr Heimatland reden! Ich bin mit folgendem Bild von Kuba aufgewachsen: Eine kleine Insel, an der die großen Weltmächte herum-zerrten ...

Es ist kein Geheimnis, dass Kuba länger als ein halbes Jahrhundert von den USA blockiert wurde. Das hat Konsequenzen mit sich gebracht: Wir waren ein randständiges, isoliertes Land. Was bei uns an Interessantem passierte, wurde von der internationalen Presse ignoriert. Unsere Musiker konnten so nicht bekannt werden.

Das ist jetzt anders ...

Es ist gerade ein guter Moment für Kuba. Ich glaube an die Möglichkeit, dass man sich wieder vertragen kann. An die Vereinigung und Liebe der menschlichen Rasse. Damit das geschieht, müssen wir die Fehler ausmerzen, die von allen Seiten gemacht worden sind. Die USA sind uns näher gekommen und Kuba hat diese Annäherung akzeptiert. Die Veränderungen in unserem Land sind positiv. Ich hoffe, dass es noch mehr positive Veränderungen gibt. Aber dafür muss man sehr hart arbeiten. Unsere Musiker wurden für eine sehr lange Zeit mundtot gemacht. Wir haben fast hundert Jahre nachzuholen, im Vergleich zu fast jedem anderen Land auf der Welt. Aber durch Zusammenarbeit und Liebe – und wenn man die schlimmsten Politiker hinausschmeißt – kann Kuba eins der schönsten Länder werden. – Es gibt keine Schönheit ohne Freiheit.

Wieviel hatte Kuba verloren?

Das Wichtigste: die Freiheit. Kuba war nach innen ein freies Land – aber nicht frei, um nach außen gehen zu können und von der inneren Freiheit zu berichten.

Das ist nun möglich ...

Nicht mal ich hätte das geglaubt, dass das jemals geschehen würde: Die Aktion Barack Obamas wäre nicht möglich gewesen ohne die Intelligenz Raul Castros.

Ist Raul Castro der diplomatischere der beiden Brüder?

Er erzieht das Volk mit den Regeln von Fidel. Fidel schlecht zu reden wäre nicht richtig. Es war eine Sache der Zeit. Wenn Fidel heute hier wäre, würde er sagen: Es wäre das gleiche geschehen.

Welche Rolle spielt Kuba heute?

Die kleine Insel ist der Schlüssel der Welt. Da muss jeder vorbei, um von da nach dort zu kommen – eine Brücke zwischen den Kontinenten. Für die internationalen Märkte ist Kuba sehr wichtig.

Wie fühlen Sie sich dabei, die Kultur ihres Landes zu repräsentieren?

Ein Land zu repräsentieren ist sehr delikat. Aber jeder wichtige Künstler könnte Präsident seines Landes werden.

Wären Sie gerne Präsident?

(lacht) Ich wäre gerne Präsident der traditionellen Musik der Welt.

Interview: Michael Sturm, Übersetzung: Maytthé Belak

Luis Frank Arias (ganz links) und Mitmusiker, hier vor ihrem Konzert jüngst im franz. K zu Reutlingen (von rechts): Sängerin Jayla Brown, Pianist Guillermo Rubalcaba (dessen Sohn Gonzalo gefeierter Jazzer ist) und der Tübinger Percussionist Roberto Santamaria.Bild: Sturm

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Erstellt:
28. März 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. März 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. März 2015, 12:00 Uhr

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