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Im Legoland der Religionen

Lucas-Preisträger Peter L. Berger hält ein Plädoyer gegen die Beliebigkeit

Religiöse Toleranz ist ein wichtiges Gut der modernen Gesellschaft. Doch woher rührt das Unbehagen, das viele Menschen angesichts der Wahlfreiheit, die sich ihnen bietet, empfinden? Lucas-Preisträger Peter L. Berger sprach gestern Abend über „religiösen Dialog“ und die „Last der Entscheidung“.

12.05.2010

Von Angelika Bachmann

Tübingen. Es war eine Geschichte über seine Enkelin, mit der Peter Berger den rund 300 Zuhörern am anschaulichsten machte, worüber er arbeitet. Interreligiöser Dialog – sein Konzept, für das er gestern Abend den Lucas-Preis erhielt – ist kein Thema, das sich auf Hörsäle beschränken sollte. Denn die Begegnung der Religionen ist allgegenwärtig. Sie beginnt, wenn man so will, im Kindesalter.

Seine Enkelin, so Berger, wuchs auf in einer Familie, in der der Vater nicht-praktizierender Protestant ist. Die Mutter, eine Inderin, ist zwar an Hindu-Kultur interessiert, aber ebenfalls nicht religiös. Als sie fünf Jahre alt war, bekam die Enkelin Besuch von einem Nachbarsmädchen, deren Eltern wiederum strenge Evangelisten waren. Als das Mädchen eine Statue des Hindu-Gottes Ganesha sah, war sie entsetzt: Wie konnte man Gott als Elefanten darstellen? Die Episode endete damit, dass das Mädchen die Familie als „Teufelsanbeter“ beschimpfte – und des Hauses verwiesen wurde.

Es ist heute schlichtweg unmöglich, religiös „unter sich“ zu sein, wie es vielleicht noch vor zweihundert Jahren der Fall war. Als man, wie Berger sagt, in seinem pietistischen Dorf in gottgegebene Wahrhaftigkeit hineingeboren wurde. Und man zwar wusste, dass es irgendwo, Katholiken, Juden oder – bewahre – sogar Nicht-Gläubige gab. Doch die waren weit weg.

Nach zwanzig Jahren Trugschluss erkannt

Der in Boston lebende und in Wien geborene Religionssoziologe ist Sohn einer jüdischen Familie, die vor den Nazis nach Palästina geflohen ist. Noch in Wien getauft, bezeichnet er sich heute als „heterodoxen Lutheraner“. In seinem wissenschaftlichen Werk betätigt er sich als ausgesprochen scharfsinniger Beobachter und Analyst der modernen Gesellschaft und ihrer Suche nach Sinnhaftigkeit. Lange Jahre habe auch er der Theorie angehangen, dass die Moderne unweigerlich eine Säkularisierung der Gesellschaft mit sich bringe. Ein Trugschluss, wie Berger heute überzeugt ist. Ganz im Gegenteil sei in vielen Ländern ein Aufflammen religiöser Leidenschaft zu beobachten. Zwar nicht in Europa, aber sehr wohl in den Vereinigten Staaten, erst recht in der muslimischen Welt, aber auch in China. „Nietzsche wäre enttäuscht.“

Dabei beobachtet der Religionssoziologe, wie die Allgegenwart der vielen Religionen in dieser „Zeit der Relativität“ zu einer nachhaltigen Verunsicherung und einem „Unbehagen in der Modernität“ führt. Wie reagiert die Gesellschaft darauf?

Die einen machen aus der Notwendigkeit eine Tugend und basteln sich, salopp gesagt, aus vielen Legosteinen ein eigenes religiöses Heim. Die Grundannahme dieses Relativismus sei, dass moralische und religiöse Wahrheit ohnehin unerreichbar und es damit müßig ist, Zeit und Mühe auf diese Art von Wahrheitssuche zu verwenden. Lieber frönt man der Beliebigkeit. Die andere Fluchtrichtung heißt: Fundamentalismus. Er lockt mit dem Versprechen der absoluten Gewissheit – statt quälender Abwägungen und Entscheidungen.

Der Dialog verändert die eigenen Grundsätze

Relativisten und Fundamentalisten sind sich ähnlicher, als ihnen lieb sein mag, sagt Berger: Beide versuchen, vor dem Unbehagen und der Last zu fliehen, Entscheidungen treffen zu müssen. Beiden ist auch gemeinsam, dass sie nicht den religiösen Dialog suchen.

Der aber sollte ein wichtiges Ziel der modernen Gesellschaft sein, so plädierte Berger für einen „Mittelweg“. Wer sich in diesen Dialog begibt, muss die Ungewissheit akzeptieren und davon ausgehen, dass der Dialog auch ihn selbst und seine Glaubensgrundsätze verändert. Dieser Dialog, so Berger, schärft das Bewusstsein dafür, was Kernstücke des eigenen Glaubens sind – und was verhandelbar oder vielleicht auch einfach unwichtig ist. Ein vielleicht mühsamer Weg, der einen aber doch dazu bringt, Ja oder Nein sagen zu können – eine Art religiöser Selbstvergewisserung – und damit vielleicht der nachhaltigste Ausweg aus dem Unbehagen.

Im Gedenken an Leopold Lucas

Der Leopold-Lucas-Preis wird verliehen im Gedenken an den Rabbiner Leopold Lucas, der 1895 in Tübingen zum Doktor der Philosophie promovierte, lange Jahre als Rabbiner in Glogau wirkte und nach seiner Deportation 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt starb. Gestiftet wurde der Preis von dessen Sohn Franz D. Lucas. Verliehen wird er, von der evangelisch-theologischen Fakultät, „für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet von Theologie, Geistesgeschichte, Geschichtsforschung und Theologie“, wie Dekan Friedrich Schweitzer gestern erinnerte. Insbesondere ehre der Preis Menschen, die sich um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht haben.

Der Religionssoziologe Peter L. Berger (links) erhielt gestern Abend im Festsaal den Leopold-Lucas-Preis. Überreicht wurde er vom Dekan der evangelisch-theologischen Fakultät, Friedrich Schweitzer. Bild: Metz

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Erstellt:
12. Mai 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Mai 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2010, 12:00 Uhr

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