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Ein Märchen aus 1001 Tag

Lotte Reinigers "Achmed", im Zusammenhang betrachtet in einer Ausstellung im Tübinger Stadtmuseum

Er ist ein Meilenstein der Filmgeschichte, weltweit der erste abendfüllende Animationsfilm überhaupt: "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" von Lotte Reiniger aus dem Jahr 1926. Um das Meisterwerk gebührend zu würdigen, haben sich jetzt mit dem Tübinger Stadtmuseum und dem Düsseldorfer Filmmuseum die beiden Statthalter des Reiniger-Erbes zusammengetan. Das Ergebnis ist eine beeindruckende Ausstellung im Kornhaus, die gestern eröffnet wurde.

17.10.2015
  • Wilhelm Triebold

Lotte Reinigers "Achmed", im Zusammenhang betrachtet in einer Ausstellung im Tübinger Stadtmuseum
Die blaue Lagune: Poetische Szene aus Lotte Reinigers "Prinz Achmed".

Bernd Desinger war hin und weg, als er Reinigers "Achmed" das erste Mal gesehen hat: "Das hat mich von den Socken gehauen, diese unglaubliche Fertigkeit", sagt der Leiter des Filmmuseums in Düsseldorf. Als Desinger dann einmal eine Zeitlang bei den großen amerikanischen Trickfilmstudios verbrachte, da sprach man ihn immer wieder auf die "Grandmother of Animation" an, wie die sie dort verehrt wurde. "Und auf ihre faszinierende Fähigkeit, die Menschen zu verzaubern. Das hat man von ihr kopieren wollen."

So schien es nur an der Zeit, die hochverehrte Trickpionierin in einen größeren, angemessenen Kontext zu stellen. Das geschieht nun mit dieser Ausstellung. Angeregt hat sie Stadtmuseums-Mitarbeiterin Evamarie Blattner, die vor mehr als zwei Jahren in Düsseldorf anrief. Denn dort ist jener "Vorlass" zu finden, den Lotte Reiniger noch zu Lebzeiten dort hingab, bevor sie sich mit 30 Kisten im Dettenhäuser Pfarrhaus des Ehepaares Happ einnistete. Von dort aus wanderte der übrige Nachlass ins Stadtmuseum.

"Sehr viele schöne Exponate", so Blattner, sind jetzt aus Düsseldorf nach Tübingen gekommen. Die meisten sind gleich rechterhand in der Ausstellung zu finden: beinahe holografisch-dreidimensional wirkende Hintergrundbilder, deren Lichtwirkungen bereits ahnen lassen, dass der "Achmed" hauptsächlich, aber eben nicht allein von einer Einzelkämpferin, sondern im kongenialen Umfeld gestemmt wurde. Ebenfalls in diesen "Düsseldorfer" Vitrinen: allerlei Monster, darunter die Hexe, deren Profil mit vielen Scheiben und Gelenken von Lotte Reiniger eine eigene Mimik verpasst bekam.

Lotte Reinigers "Achmed", im Zusammenhang betrachtet in einer Ausstellung im Tübinger Stadtmuseum
Das halbe Stadtmuseum in Lotte-Reiniger-Hand: Im ersten Stock wie gewohnt die Dauerausstellung über die Scherenschnittkünstlerin und im Erdgeschoss jetzt die Sonderausstellung. Hier orientieren sich (von links) Bernd Desinger (der Direktor des Filmmuseums Düsseldorf), die beiden Kuratoren Evamarie Blattner (Tübingen) und Matthias Knop (Düsseldorf) sowie Hausherrin Wiebke Ratzeburg. Im Hintergrund eine Szene aus dem Film "Die Abenteuer des Prinzen Achmed".

Aus 250000 Bildern, von denen 100000 in den Film einflossen, setzte Lotte Reiniger dann ihren "Achmed" zusammen. Und zwar, wie Desinger nachgerechnet hat, an "tausend und einem Tag - das scheint aber reiner Zufall zu sein." Oder doch Vorsehung? Der mit Lotte Reiniger befreundete Regisseur Jean Renoir hat ihr wohl nicht umsonst wundertätige "Märchenhände" attestiert.

Der altersschwache Trickfilmtisch, an dem Lotte Reiniger zuletzt in London gearbeitet hatte, fand zwar aus Sorge um den gebrechlichen Zustand nicht den Weg von Düsseldorf nach Tübingen. Doch die anderen rund hundert Exponate, die das Filmmuseum beigesteuert hat, ergänzen den Tübinger Bestand wunderbar. Auch mit ihrem Wissen um die Filmkunst konnten die Düsseldorfer Experten einiges dazu beitragen, dass Lotte Reinigers epochaler Film geradezu neu gesehen und begriffen werden kann.

Denn neben dem "Achmed" stehen nun mit Paul Wegeners expressionistischem "Golem"-Klassiker aus dem Jahr 1920 und auch mit Walter Ruttmanns experimenteller "Opus"-Serie (1921 bis 1925) nun zwei cineastische Referenzwerke, deren Einfluss auf "Prinz Achmed" nun wissenschaftlich belegt wird - eben auch in der Ausstellung, mittels Standbildern ("film stills" und im direkten Vergleich.

Das ist eine aparte Konstellation: Nachdem Lotte Reiniger zwischen 1923 und 1926 lauter Einzelbilder montierte, damit die Bilder laufen lernten, werden sie 90 Jahre danach nun wieder angehalten und zum "film-stills"-Stillstand gebracht, um in einer Gegenüberstellung einige Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Erst so wird sichtbar, wie sehr sich die Scherenschnitt-Artistin ("Ich kann schneller ausschneiden als zeichnen" tatsächlich von der Raum- und Bildgestaltung sowohl des expressionistischen Aufbruchs als auch der abstrakten Avantgarde beeinflussen ließ. "Sie war im Grunde Autorenfilmerin", meint Matthias Knop, der Düsseldorfer Part im Kuratoren-Duett. Lotte Reiniger beschaffte die Gelder selber, hatte den innovativen Ruttmann als Hintergrund-Gestalter mit ins Boot geholt, sprach sich eng mit Wolfgang Zeller ab, der den "Achmed" musikalisch unterlegte.

Die Ausstellung geht über den rein historischen Aspekt aber noch hinaus. Allein vier Tonbeispiele über neuere "Achmed"-Vertonungen können per baumelnde Kopfhörer verglichen werden. Und gleich links neben dem Eingang verweisen die Beiträge von drei Zeitgenossen (Anthony Lucas, der früher bereits auf den Filmtagen gefeierte Michel Ocelot und Hannes Rall), darauf, dass Reinigers Filmkunst Nachahmer gefunden hat. Nicht gezeigt wird, dass sogar für "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes 2" das "Märchen von den drei Brüdern" bewusst "in the liking of Lotte Reiniger" entstand.

Reiniger und die Rezeption - in der Vitrine nebenan ist eine Mappe mit 32 "film stills" zu entdecken, im Uraufführungsjahr 1926 vom Wasmuth Verlag herausgegeben. So schließt sich der Kreis: Fast 90 Jahre danach bringt Wasmuth, längst in Tübingen beheimatet, jetzt druckfrisch die Neuauflage heraus. Sie ist neben dem sehr informativen Katalog zur Ausstellung wirklich wärmstens zu empfehlen.

Die Ausstellung "Animation und Avantgarde. Lotte Reiniger und der absolute Film" ist im Tübinger Stadtmuseum, Kornhausstraße 10, bis zum 6. März 2016 zu sehen und später dann von September 2016 bis Januar 2017 um Filmmuseum Düsseldorf.

Die Tübinger Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags, 11 bis 17 Uhr. Eintritt 2,50 (Kinder 1,50) Euro, freier Eintritt für Kinder bis zwölf Jahre und Schulkassen mit zwei Begleitpersonen.

Während der Jahrestagung des Deutschen Scherenschnittvereins, der in einer Woche in Tübingen stattfindet, wird es ebenfalls auch um Lotte Reiniger gehen. Das weitere Begleitprogramm sieht Vorträge, Filmabende, Schattentheater und Trickfilm-Workshops vor, eine Übersicht ist im Stadtmuseum erhältlich.

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17.10.2015, 12:00 Uhr
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