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Kulturgeschichte

Linksbündiger Protest

Die weltbekannte Ulmer Hochschule für Gestaltung war ein hoch politischer Ort und machte ausgerechnet 1968 zu.

13.07.2018
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Ausgerechnet 1968: Die Studenten lehnen sich auf gegen die autoritäre und braun belastete Väter-Generation, und auch den tausendjährigen Muff unter den Talaren wollen sie lüften. In Ulm aber schließt just eine Hochschule, die erst 1953 gegründet worden ist, um an einem modellhaft politischen Ort junge Menschen für ein modernes Leben in der Demokratie auszubilden. Inge Scholl, die Schwester von Hans und Sophie Scholl, war es gewesen, die mit dem Grafiker Otl Aicher und dem Schweizer Bauhaus-Schüler Max Bill die Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) mit unendlicher Mühe auf den Weg gebracht hatte. Und jetzt das Ende. Ein schlechte Pointe der 68er-Jahre.

Im Mai 1968 zogen die HfG-Studenten noch nach Stuttgart, um dort vor dem Kunstgebäude zu demonstrieren: „worte für das bauhaus sind gut, taten für die hfg sind besser“, stand auf einem Plakat, linksbündig gesetzt. Denn der Württembergische Kunstverein eröffnete eine Ausstellung über „50 Jahre Bauhaus“; Walter Gropius, der diese folgenreichste Schule für Architektur, Design und Kunst des 20. Jahrhunderts 1919 in Weimar gegründet hatte, war gekommen und sprach auch zu den Ulmern. Die HfG war in der Tradition des Bauhauses entstanden, um mit ganzheitlicher Lehre nach einem verheerenden Krieg die Welt neu zu denken, Form und Funktion zu versöhnen, nützliche Dinge zu erfinden für alle Menschen, um ein besseres Zusammenleben zu ermöglichen.

So machten sich damals, 1968, böse Analogien breit: Auf Druck der Nationalsozialisten hatte das Bauhaus 1934 den Betrieb einstellen müssen; jetzt „liquidierte“ die baden-württembergische Filbinger-Regierung die HfG, indem sie der chronisch unterfinanzierten und verschuldeten Geschwister-Scholl-Stiftung, der Trägerin, den Landeszuschuss strich. Noch drastischer: Eine „Mordanzeige“ formulierten die Studenten und Dozenten. 25 Jahre nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl werde auch die HfG ermordet. Die Tat sei „eines der schamlosesten Killingmanöver in der Bundesrepublik“. Das war der totalitäre Jargon der 68er.

Starkes Sendungsbewusstsein

Natürlich war alles komplizierter. „wir demonstrieren! – linksbündig bis zum schluss“ heißt jetzt eine Ausstellung am historischen Ort, im HfG-Archiv, in dem ehemaligen Gebäude der Ulmer Hochschule für Gestaltung. „Die HfG ist langsam vor sich hin gestorben“, resümiert Kuratorin Christiane Wachsmann. Die Ursachen sind mannigfaltig – ein spannendes Kapitel politischer Kulturgeschichte.

Mit einem ungeheuren Sendungsbewusstsein hatte Inge Scholl die Hochschule vorangetrieben. Ein Foto zeigt, wie sie 1949 schon den Hausfrauen eines Volkshochschulkurses den Unterschied zwischen einem guten, weil schnörkellosen, und einem schlechten, weil verzierten, Geschirr erklärt. Ihr Mann Otl Aicher (weltberühmt später für das Erscheinungsbild der Olympischen Spiele) war nicht weniger getrieben, eine bessere Welt zu schaffen: „ich dulde keinen Hitler mehr. (. . .) los, laufen, bis die kuttel herausfliegt, wenn es dann auch nicht reicht, dann habe ich wenigstens nicht zugeguckt.“

Die HfG war ein Zentrum der Avantgarde, aber auch mit Machtkämpfen beschäftigt. Was hatte Vorrang: die Kunst, die Wissenschaft, die Produktgestaltung? Und dass mit Aicher und Max Bill zwei Alpha-Männchen aufeinander trafen, machte die Sache nicht leichter. Später mussten ausgerechnet die Studenten dieser als Hort der Demokratie gewachsenen HfG politisches Bewusstsein und Mitbestimmung einfordern – womit Künstler aber immer ein Problem haben. Deshalb fanden die nicht gerade kompromissfähigen Beteiligten, zählt Christiane Wachsmann einen Grund für das HfG-Ende auf, kein gemeinsames Konzept für die Fortführung der Schule.

Vielleicht aber, das ist eine weitere These, war 1968 in der Wohlstandsgesellschaft Bundesrepublik auch einfach ein Hauptziel der HfG-Gründer erreicht: ein Leben in Demokratie und materieller Sicherheit, in einer gut gestalteten Umgebung zu schaffen. Zudem hatte das coole Design zunächst mal seine Strahlkraft verloren: Verspieltes Hippie-Bunt war jetzt Mode.

Und nach einer Moskau-Reise und einer Tour durch öde Siedlungen war eine Studenten-Gruppe von jeder Euphorie des industrialisierten Bauens geheilt worden. Intellektuelle wie Alexander Mitscherlich und Theodor W. Adorno kritisierten sowieso längst die Konzepte „funktionialistischer Massenproduktion“. So war die HfG Ende 1968 nicht nur pleite, sondern auch ratlos, wie es hätte weitergehen sollen mit dem Lehrbetrieb.

Geblieben ist mehr als Bills minimalistisches HfG-Gebäude oder die Stapeltassen Nick Roerichts. Allemal, so das Ausstellungs-Fazit, ist der Geist der HfG aktuell: „Jedes Mitglied der Gemeinschaft sollte die Möglichkeit haben, sich zu bilden und sich so zu einem verantwortlich handelnden Menschen zu entwickeln.“

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13.07.2018, 06:00 Uhr
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