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„Lieber verlieren als nicht kämpfen“
Sich politisch zu äußern, gehört für Arundhati Roy zu ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Foto: Nick Kaiser
Literatur

„Lieber verlieren als nicht kämpfen“

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy über Nationalismus, Transsexuelle, das Kastensystem und ihren neuen Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“.

25.09.2017
  • GÜNTER KEIL

Vor 20 Jahren gelang Arundhati Roy mit ihrem Debütroman „Der Gott der kleinen Dinge“ ein Welterfolg: Das Buch erschien in 40 Ländern und wurde acht Millionen Mal verkauft. Ihre Popularität nutzt die indische Schriftstellerin seitdem, um auf Missstände und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Die 55-jährige Tochter einer Christin und eines Hindus engagiert sich für die Rechte von Obdachlosen, Vertriebenen und religiösen Minderheiten. Sie schreibt viel beachtete Essays und gilt als fundierte Globalisierungs- und Kapitalismuskritikerin. In ihrem neuen Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“ beschreibt Roy das Leben einer Transsexuellen, die Diskriminierung von Muslimen und den Kaschmir-Konflikt.

Warum haben Sie sich für Ihren zweiten Roman fast 20 Jahre Zeit gelassen?

Arundhati Roy : Nach dem Erfolg von „Der Gott der kleinen Dinge“ wollte ich zunächst einmal begreifen, wie das passieren konnte: dass ich eine weltweit gefragte Schriftstellerin wurde, obwohl ich aus einem Land komme, in dem so viele Menschen nicht lesen können und nichts zu essen haben. Also bin ich sehr viel durch meine Heimat gereist, habe Menschen und ihre Probleme kennengelernt und mich ihren Bewegungen angeschlossen. In diesen Jahren haben sich viele Schichten von Erfahrungen in mir aufgebaut, die ich schließlich zu einem Roman verarbeiten wollte. Aber dazu brauchte ich Zeit.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie mit dem Schreiben begannen?

Ja. Vor zehn Jahren versammelten sich tausende Demonstranten verschiedenster Organisationen auf einem Platz in Delhi. Sie blieben mehrere Tage dort, und ich befand mich unter ihnen. Plötzlich, mitten in den politischen Auseinandersetzungen, lag da ein ausgesetztes Baby. Mir wurde sofort klar, dass ich darüber schreiben wollte. Und vor allem über die Luft, die wir in Indien atmen, und den Wind, der neuerdings durch unser Land weht.

Wie meinen Sie das?

In der Luft liegen Gewalt und Blut. In Indien macht sich seit einigen Jahren ein starker, gefährlicher Hindu-Nationalismus breit. Minderheiten werden ganz offen diskriminiert, vor allem Muslime. Es war für mich eine Herausforderung, darüber zu schreiben, auch unter literarischen Aspekten. Denn ich wollte, dass mein neuer Roman anders klingt als mein Debüt. Und mir war wichtig, dass in der Luft, die ich beschreibe, trotz all der Kämpfe und Kriege auch Liebe und Glück mitschwingen.

Sie haben Architektur studiert – planen und bauen Sie Ihre Bücher wie ein Haus?

„Der Gott der kleinen Dinge“ war wirklich wie ein Haus. Aber „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist wie eine Stadt. Ich wollte experimentieren, wie sich all meine Themen zu einem vielschichtigen Ganzen entwickeln. Eben wie in einer echten Stadt: Dort manchen die Menschen auch dauernd Pläne, wie alles aussehen und funktionieren soll – und dann kommt es ganz anders.

Sie widmen Ihren Roman „den Ungetrösteten“. Wen meinen Sie damit?

Mir geht es um uns alle. Denn das heute allgegenwärtige Glücksversprechen, diese über soziale Medien und Werbung institutionalisierte und dargestellte Glücklichkeit, sorgt bei vielen Menschen für Leere und Verzweiflung. Es passiert etwas Seltsames mit uns. Da hofft man, dass irgendjemand die Arme um einen legt und tröstet. Vielleicht kann das sogar ein Buch leisten – ich wollte es jedenfalls versuchen.

Ihre Hauptfigur Anjum ist eine Transsexuelle, die zunächst in einer ungewöhnlichen Hausgemeinschaft und später auf einem alten Friedhof lebt. Gibt es diese Wohnformen in Delhi tatsächlich?

Ja. Hijras, wie Transsexuelle in Indien genannt werden, haben einen Ehrenplatz in der indischen Mythologie und leben tatsächlich in eigenen Wohngemeinschaften. Diese basieren auf einem traditionellen System, das den Hijras auch heute noch Schutz bietet. Ich bin mit einigen Mitgliedern einer dieser Gemeinschaften in der Altstadt von Delhi befreundet. Was das Leben auf einem Friedhof betrifft: Es gibt hunderte, vermutlich sogar tausende Menschen, die wirklich dort zwischen Gräbern leben. In meinem Buch baut sich Anjum sogar ein kleines Gästehaus auf dem Friedhof und klaut den Strom aus der benachbarten Leichenhalle eines Krankenhauses.

Anjum nennt dieses Gästehaus „Jannat“, das Urdu-Wort für „Paradies“. Auch die fiktive Hijdra-Wohngemeinschaft heißt so. Diese Orte wirken wie Zufluchtsstätten in einer Welt, die aus den Fugen gerät.

Vielleicht sind sie das auch tatsächlich. Wenn die Spezies Mensch so weitermacht, mit Klimawandel, Kriegen und Nationalismus, brauchen wir möglicherweise solche Plätze.

US-Präsident Trump leugnet den Klimawandel. Ähnelt sein Nationalismus jenem der indischen Regierung?

Nein. Trump ist ein Außenseiter, wohingegen der indische Premier Modi ein Insider ist. Modi und sein propagierter Hindu-Nationalismus durchdringen die komplette indische Gesellschaft, auch die Medien. Viele Mitglieder der Regierungspartei gehören der Organisation RSS an, einer nationalistischen Vereinigung, die ganz offen sagt: Die Moslems Indiens sind die Juden Deutschlands. Wer nicht Hindu ist, hat nach RSS-Ansicht nichts in Indien zu suchen. Die 170 Millionen indischen Moslems würden diese Leute am liebsten nach Kaschmir oder Pakistan abschieben. Ungerechtigkeit ist allgegenwärtig, und das traditionelle indische Kastensystem sorgt für noch mehr Ungerechtigkeit: Es ist das schrecklichste Diskriminierungsmodell, das man sich vorstellen kann.

Jetzt klingen Sie wie eine Politaktivistin – eine Bezeichnung, die man Ihnen immer wieder gibt. Betrachten Sie sich selbst auch so?

Ich weiß gar nicht, warum ich immer wieder als Aktivistin bezeichnet werde. Vermutlich hat es damit zu tun, dass man heutzutage von Schriftstellern vor allem erwartet, dass sie zwischen Buchmessen und Fernsehauftritten pendeln und ihre neuen Bücher promoten. Früher war das anders, da galt es als ganz normal, dass Schriftsteller sich kritisch mit ihrer Zeit, mit Gesellschaft und Politik auseinandersetzen. Ich sehe mich in dieser Tradition. Aktuelle Essays zu schreiben und sich zu gesellschaftspolitischen Themen zu äußern gehört für mich zu meiner schriftstellerischen Tätigkeit.

Vor kurzem wurde die regierungskritische Jounalistin Gauri Lankesh ermordet, eine Freundin von Ihnen. Sie selbst wurden mehrfach bedroht, angeklagt und verurteilt. Fühlen Sie sich noch sicher in Ihrer Heimat?

Es ist in der Tat eine gefährliche Zeit für uns. Und jeder, der sich engagiert, macht sich natürlich auch Sorgen. Wir alle wissen, dass es riskant ist, Kritik zu üben. Aber wir haben keine Wahl. Eine Sache ist uns ganz klar bewusst: Wir würden lieber verlieren, als auf der anderen Seite zu stehen. Also kämpfen wir weiter.

Heißt das, Sie würden nicht ins Exil gehen? Schließlich könnten Sie es sich schon längst leisten, überall auf der Welt zu leben.

Was wäre das für ein Zeichen, wenn ich gehen würde? Nein, das ist keine Option für mich. Ich bin kein Individuum, sondern ein Baum, tief verwurzelt mit diesem Land, mit Freunden, Verwandten, Liebenden. Wenn ich irgendwo anders hin verpflanzt würde, würde ich meine Blätter verlieren.

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25.09.2017, 06:00 Uhr
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