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Lieber Dutschke als wie Robert De Niro

Die „Welt am Sonntag“ nannte ihn die deutsche Antwort auf Robert De Niro. Doch die äußerliche Ähnlichkeit täuscht: bisher hat sich der aus Gomaringen stammende Schauspieler Christoph Bach weniger durch physische Gewaltakte als mit feinen psychologischen Nuancen in der Filmszene einen Namen gemacht.

12.10.2007

Am Sonntag, 23. September, präsentiert sich der 32-Jährige erstmals einem Massenpublikum: in dem Fernsehfilm „Prager Botschaft“ spielt er die Hauptrolle eines „Republikflüchtlings“ aus der DDR. Bereits am Montag erscheint der Film dann auf DVD.

„Das ist die letzte Schlacht des Kalten Kriegs“, tönt der Botschafter im Film. Tausende DDR-Bürger waren im Spätsommer 1989, wenige Wochen vor dem Mauerfall, in die bundesdeutsche Botschaft in Prag geflohen, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen.

Der RTL-Film konzentriert die dramatischen Ereignisse auf ein junges Ehepaar, das auf seiner Hochzeitsreise in der CSSR den Entschluss fasst, die Staatsseiten zu wechseln. Während Bettina (Anneke Kim Sarnau) mit Mühe in die Fluchtburg gelangt, muss Stefan (Christoph Bach) erst noch den gemeinsamen Sohn aus Berlin holen. Der Verrat des besten Freundes, der sich als Stasi-Spitzel entpuppt, spitzt das Geschehen zum Politthriller zu. Und in der Botschaft sammelt sich emotionaler Sprengstoff, als Bettina den Attaché Georg (Hans-Werner Meyer) trifft, mit dem sie einst eine heimliche Ost-West-Romanze durchlebt hat.

Es begann in der Theater-AG

Als die DDR vor 18 Jahren in Prag den Bach hinunterging, war Christoph Bach ein Teenager in Gomaringen. Obwohl seine Familie – der Vater ist gebürtiger Sachse – am Fernseher durchaus mitfieberte, kann er selbst sich nur noch verschwommen an Einzelheiten erinnern. Mehr als Politik interessierte den Quenstedt-Gymnasiasten damals Punkrock – zeitweise gab er mit Freunden ein Fanzine heraus. Um diese Zeit herum stieß er auch zur Theater-AG an der Mössinger Schule.

Die Arbeit mit Lehrer Hans Rommel, dessen „ansteckender Enthusiasmus“, ließ in Bach den Gedanken keimen, das Schauspielen zum Beruf zu machen. Endgültig reifte der Entschluss bei Theaterworkshops für Jugendliche am LTT unter Yaron Goldstein. „Das war schon eine Art Mini-Ausbildung“, so Bach. Über einige Umwege – darunter die leitende Mitarbeit an der Martial-Arts-Kurzfilmserie „Auftrag Moabit“, die auf MTV einen gewissen Kultstatus erlangte – landete er schließlich auf der Schauspielschule, der Berliner UdK.

Vom Theater hat sich Bach während und nach seiner Ausbildung immer weiter entfernt. Hauptgrund war die intensive Kooperation mit den Studenten von der benachbarten Hochschule für Film und Fernsehen, die an der UdK gepflegt wird. „Ich konnte zusammen mit Gleichaltrigen Projekte entwickeln, die mir auch persönlich nahe gingen. In diesen Debütfilmen geht’s für die Regisseure um alles, da steckt ihre ganze Leidenschaft drin.“ Dieses „Teamwork auf Augenhöhe“ erschien dem Mittzwanziger spannender als die Tretmühle des Intendanten-Vorsprechens und die Aussicht, über mehrere Jahre in ein festes Theater-Ensemble eingebunden zu sein.

Der Undurchschaubare

So wuchs Christoph Bach allmählich in die deutsche Nachwuchs-Filmszene hinein und wurde dort zu einer festen Größe. Neben vielen Kurzauftritten, darunter auch im „Tatort“ und in „Donna Leon“, hat er bisher in einem Dutzend Filme größere Rollen gespielt. Die meisten waren Debüt- und Examensfilme, die bei Kritikern und auf Festivals oft eine gute Resonanz fanden, im Kino jedoch nur wenige Zuschauer erreichten. Vier davon hat das ZDF vor zwei Jahren auf seiner Mitternachtsschiene zu einer Reihe zusammengefasst. Titel: „Christoph Bach – der Undurchschaubare“.

Das etwas vage Etikett bezieht sich auf den von Bach bisher bevorzugten Rollentyp des melancholischen, leicht orientierungslosen Einzelgängers in der Großstadt, der die Verantwortung und das Erwachsenwerden scheut. Bach selbst nennt sie „aktiv verzweifelte Figuren, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben – wahrscheinlich entsprach das meiner damaligen Erfahrung und Stimmung, auch als Neuankömmling aus der Provinz.“ In „Narren“ (2002) spielt er einen Köln-Novizen auf einem schier kafkaesken Alptraum-Trip durch den rheinischen Karneval. Die Film-noir-Stilübung Katze im Sack (2004) zeigt ihn als undurchsichtigen Herumtreiber, der einer schönen Barfrau in Leipzig eine turbulente Nacht lang nachstellt. Beide Filme sind auch auf DVD erschienen.

Mit der exaltierten Art Robert De Niros hat Bachs auf die kleinen Gesten vertrauendes, psychologische Tiefen auslotendes Spiel freilich wenig gemeinsam, weswegen ihn die oft gebrauchte Journalisten-Phrase, dessen deutschen Pendant zu sein, eher nervt. „Ich habe ja inzwischen akzeptiert, dass ich ihm ein bisschen ähnlich sehe, aber sonst ... Eigentlich finde ich es überhaupt nicht schmeichelhaft, mit irgendeinem anderen Schauspieler verglichen zu werden.“

Eine gewisse Ähnlichkeit besteht wohl auch mit Rudi Dutschke – zumindest behauptet das der Erfolgsproduzent Nico Hofmann („Die Luftbrücke“), der gern das Leben der 68er-Ikone mit dem Ex-Gomaringer in der Hauptrolle verfilmen würde, und das nicht nur der Äußerlichkeiten wegen: „Christoph hat auch diese Physis, diese ungeheure Lust, diese Energie und Überzeugungstäterschaft, die Dutschke auszeichnete“, ließ Hofmann in einem Interview wissen.

Für Bach, der Biopics ansonsten nicht besonders mag, wäre die Rolle eine Ehre. Schließlich sei Dutschke „eine der politisch eindrücklichsten Figuren der Bundesrepublik“ und biografische Überschneidungen – beide sind aus einem „bieder-protestantischen Milieu“ in die Großstadt aufgebrochen – gebe es auch. Momentan liegt das Projekt, als dessen Regisseur der Ex-Reutlinger Stefan Krohmer („Sommer 04“) im Gespräch ist, jedoch auf Eis, weil sich kein Fernsehsender so recht herantraut.

Von außen beschleunigt

Dafür ist Bach in „Prager Botschaft“ jetzt in einer anderen zeithistorischen Geschichte zu sehen. Ein Grund, in dem RTL-„Eventmovie“ mitzuspielen, war, sich einmal einem größeren Publikum zu präsentieren. Doch auch die Rolle des jungen DDR-Architekten, der vom Platten-Bau und von Stasi-Spitzeln die Schnauze voll hat, fand er nicht uninteressant. „Das ist mal eine Figur, die von außen beschleunigt wird, deren ganzes Leben von einem Augenblick auf den anderen auf dem Prüfstand steht“.

Auf seiner Odyssee von der CSSR in die DDR und zurück gerät dieser Stefan unter zunehmenden Fahnungs- und Rechtfertigungsdruck, was wenig Raum für Feinschliff am Charakter lässt. Dankbarer ist die Rolle von Anneke Kim Sarnau, die innerhalb der überquellenden Botschaft neben dem politischen auch ein emotionales Drama bewältigt. Beide Stränge verbinden sich zu einer dichten und spannenden Filmerzählung, ehe im letzten Drittel das nationale Pathos ins Kraut schießt.

Die jüngere deutsche Geschichte wird Christoph Bach in nächster Zeit weiter beschäftigen. Nächste Woche dreht er in Freiburg unter der Regie von Connie Walther den RAF-Film „Schattenwelt“, der sich an die Biografie von Peter-Jürgen Boock anlehnt (die Hauptrolle spielt Ulrich Noethen). Und auch darüber hinaus sieht er seine Zukunft im deutschen Film recht rosig. „Wir haben derzeit ein Riesenpotenzial an begabten Regisseuren, die mit bescheidenen Mitteln spannende Filme machen.“ Fehlt bloß noch, dass es auch das Publikum merkt.

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12.10.2007, 12:00 Uhr
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Ein herausragender Film, zu Recht wird er als ein "deutscher Kaurismäki" bezeichnet. Als "Liebesfilm" würde ich ihn allerdings in keinster Weise bezeichnen, diese Szenen sind nur ein kleiner Teil. In erster Linie wird ohne viele Worte die aussichtslose Lage der prekär beschäftigen Menschen gezeigt, die beispielsweise trotz Verbots weggeworfene Lebensmittel direkt am Container im wahresten Sinne des Wortes "verschlingen". Sie versuchen, sich ihre Würde und auch ihren Humor zu bewahren. Interessant ist es, die Kurzgeschichte von Clemens Meyer zu lesen, sie umfasst nur 25 Seiten. Die Umsetzung im Film ist hervorragend gelungen, einige wenige Szenen wurden verändert bzw. hinzugefügt.
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