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Literatur

Licht, das zwischen Zeilen fällt

Alan Hollinghurst schreibt mit „Die Sparsholt-Affäre“ einen schwulen Gesellschafts- und Familienroman.

29.05.2019

Von LENA GRUNDHUBER

Ulm. Henry James, der große Romancier der vorletzten Jahrhundertwende, hat einmal die Metapher des Lichts benutzt, um sein Schreiben zu beschreiben: Er wolle ein Thema wie mit Lampen von verschiedenen Seiten erhellen. Zu jeder angeleuchteten Seite gehört naturgemäß eine, die im Schatten bleibt – aber die ganze Wahrheit ist ja nur halb so interessant.

Alan Hollinghurst, 1954 geboren und in London lebend, wird gern verglichen mit Henry James. Und in seinem jüngst erschienenen Roman „Die Sparsholt-Affäre“ sieht man den Alten Meister der eleganten Andeutung immer wieder zwischen den Zeilen hervor blinzeln; immer dann, wenn eine Taschenlampe einen Körper anstrahlt, wenn ein Dunkel sich für einen kurzen Augenblick erhellt.

Skandal wird nie aufgeklärt

Thema des Buches nämlich ist zunächst ein Geheimnis, dann ein Skandal, der immer wieder aufleuchtet, aber nie in Gänze gelüftet wird. Ja, wahrscheinlich kennt nicht einmal Titelheld David Sparsholt die Wahrheit über sich selbst. Der Leser dagegen meint die Geschichte schnell erfasst zu haben, die in Oxford im Zweiten Weltkrieg beginnt. Einer Zeit der konkreten „Verdunklung“ vor feindlichen Bombern – und der metaphorischen Verdunklung verbotener Sehnsüchte. Auch der junge David, der die männlichen Bekannten im akademisch-künstlerischen Milieu bezaubert, gibt seiner Lust nur heimlich nach.

Für sein Leben als erwachsener Mann wählt er den konventionellen, heterosexuellen Weg, heiratet, bekommt einen Sohn. Was im Geheimen geschieht, deutet sich höchstens „im trägen Blinzeln von Licht und Schatten“ der Lamellen einer Jalousie an. Bis es in den 60ern doch zum öffentlichen Skandal kommt.

Worum es genau ging in dieser berühmten „Sparsholt-Affäre“, erfahren wir als Leser allerdings bis zum Schluss nicht in den Einzelheiten. Wir kennen hauptsächlich die Perspektive von Sparsholts Sohn Johnny darauf, der – eine Generation jünger – offen schwul lebt, mit zwei lesbischen Freundinnen Vater einer kleinen Tochter wird. Den Betrug des eigenen Vaters an den anderen und an sich selbst wird Johnny ihm nie ganz nachsehen können.

Mehr als 70 Jahre umfasst Hollinghursts Roman, der in bester Tradition relativ handlungsarm, gemächlich und gebildet vor sich hin plaudert. Unter der Oberfläche aber leistet Alan Hollinghurst etwas Grundlegendes, etwas, was Henry James zu seiner Zeit niemals hätte wagen können: Er erzählt eine Geschichte des schwulen Lebens im 20. Jahrhundert als Gesellschafts- und Familienroman und findet dabei Sätze, die so funkeln wie dieser: „Jeder Mensch fand, wenn er Glück hatte, den Ort, an dem er leuchten konnte, und den Menschen, auf den sein Licht fiel.“ Lena Grundhuber

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Erstellt:
29. Mai 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Mai 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2019, 06:00 Uhr

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