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Nicht umsonst, aber gratis

Leute mit kleinem Geldbeutel sind in der Kleiderkammer ebenso willkommen wie Schnäppchenjäger

Noch bevor die Mössinger Kleiderkammer an Dienstagen und Donnerstagen öffnet, hat sich vor dem Gebäude oft schon eine kleine Schlange gebildet.

06.04.2018

Von Susanne Mutschler

Das Kleiderkammer-Team mit Brigitte Hörmann, Gudrun Steinmann und Elke Karrer (v. links, im Hintergrund Merfyn Zieger).Bild: Franke

Merfyn Ziegler, der sein Sozialpraktikum in den Einrichtungen der Diakonie-Sozialstation macht, ist dann immer überrascht, wie viele Kunden in die Räume der ehemaligen Fabriketage in der Zollerstraße drängen und wie gut sie sich dort auskennen. Von der Existenz dieses Second-Hand-Ladens hatte der 16-jährige Firstwaldschüler vorher keine Ahnung gehabt.

Gudrun Steinmann dagegen staunt, dass es noch immer Steinlachtäler gibt, die nichts von der günstigen Klamottenquelle der Diakonie-Sozial-Station wissen. Sie ist die ehrenamtliche Managerin der Kleiderkammer. Ihr zur Seite stehen Elke Karrer, Hanne Wick und Brigitte Hörmann. Erst kürzlich habe sie einen bedürftigen älteren Herrn von Kopf bis Fuß neu ausstaffiert, der vorher noch nie bei ihr vorbeigekommen war, erzählt Steinmann. „Dem fehlte es an allem“, das merkte die 72-Jährige Steinmann sofort – und war glücklich, dass sie aus ihrem Fundus so viele gute Anziehsachen weitergeben konnte.

Steinmann ist nicht nur während der Öffnungszeiten, sondern fast jeden Tag in der Mössinger Kleiderkammer. Die ehemalige Schneiderin schafft es, die Berge der eintreffenden Kleider- und Sachspenden so attraktiv zu ordnen, dass die Kundschaft den Eindruck hat, ein echtes Ladengeschäft zu betreten. Ihren Umsatz berechnet sie nach der Anzahl der mit Textilien gefüllten Plastiksäcke. Rund 20 kommen jede Woche zusammen.

„Ich versuche, die Waren so schön wie möglich zu dekorieren“, sagt sie. Die Kleidungsstücke hängen geordnet nach den Farben des Regenbogens, Mäntel und Winterware haben einen separaten Ständer, die Schuhe stehen blank in den Regalen. Den beiden Schaufensterpuppen, die sie auf eigene Kosten angeschafft hat, zieht sie gerne die schicksten Neuzugänge an. Diese Anziehsachen finden dann besonders schnell neue Besitzerinnen. Eines der drei Zimmer dient als eigene Herrenabteilung.

Es gibt sogar eine Anprobe-Kabine, doch die braucht nicht jeder: Ein älterer Kunde faltet den Bund seiner Wunschhose auf die Hälfte und überprüft über Ellbogen und Hand die eigenen Maße. Mit dieser Methode passe ihm jede Hose, sagt er. Dann zieht er mit einem gut erhaltenen Anzug ab. „Ich bin so froh, dass wir diesen Laden haben“, sagt Barac Duska aus Bästenhardt. Mit ihrer kleinen Rente könnte sich die 72-Jährige neue Sachen gar nicht leisten. „Aber hier finde ich immer etwas.“ Wer einen Bedürftigen-Ausweis hat, bekommt die Kleider umsonst. Von allen anderen verlangt Steinmann eine symbolische Spende. „Wir müssen schließlich die Miete und die Nebenkosten bezahlen“, erklärt sie. Am liebsten wäre ihr, wenn jeder, der den Laden betritt, auch etwas mit nach Hause nehmen würde.

Nicht wenige Kleiderkammer-Kunden sind gleichzeitig Spender und Nutzer. Gabi Schrenk aus Mössingen bringt alles aus ihrem Haushalt mit, was sie zu viel hat und wovon sie glaubt, dass sie jemand anderem eine Freude machen kann. Dass sie gleichzeitig einen Blick aufs Warenangebot wirft, ist fast selbstverständlich.

Christina Knupfer aus Mössingen durchforstet regelmäßig ihren eigenen Kleiderschrank und beliefert die Kleiderkammer mit gebrauchten Stücken, die noch gut genug sind für mindestens eine zweite Runde. Genauso gerne durchstöbert sie mit ihrer Tochter Steinmanns Kleiderständer. „Die Kleiderkammer ist meine Lieblingsboutique“, freut sie sich, wenn sie zwischen den wärmenden und nützlichen Stücken ein ausgefallenes Teil entdeckt. Besonders mag sie die „wertschätzende Atmosphäre“ und Steinmanns professionelle Geschmacksberatung. In der Kleiderkammer habe man keine Sekunde lang das Gefühl, ein Almosenempfänger zu sein. Im Gegenteil: Beim Anprobieren wird gekichert und kommentiert wie überall, wenn es um Mode geht.

Ständiger Bedarf herrscht an praktischer, sportlicher Alltagskleidung. Jeans sind in fast allen Größen begehrt. Auch warme Jacken, Mäntel und Winterschuhe werden bei der gegenwärtigen Kälte wieder nachgefragt. Die Bettwäsche- und Handtücherstapel werden schneller kleiner, als es den Kleiderkammerfrauen lieb ist. Klassische Herrenhemden, Krawatten, Blusen und ehemals feine Anzüge bleiben dagegen oft lange hängen.

Wenn diese Ladenhüter gar nicht weggehen wollen, landen sie schließlich auf Steinmanns Nähtisch – und verwandeln sich unter ihren Händen in originelle Umhängetaschen und Kissenhüllen. Im Sommer auf dem Rosenmarkt wird sie diese Unikate dann anbieten.

Die Mössinger Kleiderkammer in der Zollerstraße hat immer dienstags von 8.30 Uhr bis 12 Uhr und donnerstags von 14.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Die willkommenen Spenden werden, wenn sie den Qualitätsstandards entsprechen, immer am Dienstagnachmittag von 13 bis 16 Uhr angenommen. Die angelieferten Kleidungstücke müssen unbedingt sauber sein und dürfen keine funktionalen Mängel haben, damit sie ins Sortiment kommen.

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Erstellt:
6. April 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
6. April 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. April 2018, 01:00 Uhr

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