LTT-Premiere: Am falschen Strand gelandet

„Letztes Territorium“ der Nachwuchsautorin Anne Habermehl

Tübingen. Der Bühnenraum präsentiert sich wie ein schwarzes Loch, von dem aus den Protagonisten alsbald die bisher vertraute Welt um die Ohren fliegt. Am Samstagabend hatte „Letztes Territorium“ von Anne Habermehl Premiere am Landestheater Tübingen (LTT). Das einstündige Kammerspiel im LTT oben testete immer wieder aus, ob der Auslöser der oder das sogenannte Fremde ist, oder vielmehr man selbst.

11.04.2011

Eine zerfallende Mittelschichtfamilie – abwesender Vater, verbliebene Mutter samt Teenie-Sohn – bekommt unerwartet Besuch, oder: Migrant aus dem Mittelmeer trifft Stuttgarter. Regie führte Martin Kreidt. Die Ausstattung übernahm Ulrich Frommhold. An der Inszenierung mag frappieren, dass die Konstellationen der Figuren im Bühnenraum verstörender wirken, als die mitunter holzschnittartigen Sätze, die sie äußern.

Nathalie (Britta Hübel) ist eine dieser Betriebsnudeln mit Energie für drei. Frustriert und wütend, nachdem ihr Mann ausgezogen ist, will sie den Stuttgarter Hochnebel gegen Strand und Sonne eintauschen. Der 16-jährige Sohn Moritz (Raúl Semmler) bekommt dafür sogar eine Entschuldigung für die Schule.

Als Moritz beobachtet, wie ein Mann aus dem Meer kriecht, will Nathalie zunächst nichts davon wissen. „Ich hab? seit zehn Jahren nicht mehr am Strand gelegen“, beharrt sie. Irritierender als diese dick aufgetragene emotionale Stumpfheit wirkt die asymmetrische Kontaktaufnahme zwischen Moritz und dem Fremden.

Der Junge, auf dem zentralen schwarzen Podest liegend, spricht kopfunter zu jemandem, der sich in einem dunklen, undefinierbaren Raum unterhalb des Bretterbodens (und quasi außerhalb der Bühne) zu befinden scheint. Der Angesprochene hebt das Gesicht über den Rand des Podests, sodass er sich dem Raum, in den Moritz blickt, entzieht, dafür aber für die etwa 60 Zuschauer erkennbar ist. Weil deren flache Bankreihen in vertrackter Beziehung zum zentralen Podest angeordnet sind, entsteht der Eindruck, als befänden sich die Zuschauer mit im Geschehen – als Beobachter, die nicht eingreifen werden.

Der Mann aus dem Meer schwärzt sich Gesicht und Arme und wird wie stellvertretend immer stärker zu Mehdi (Patrick Schnicke), Ingenieur aus Algerien und Flüchtling ohne Aufenthaltsrecht. Von nun an ist kontrovers, wem der Bühnenraum gerade gehört. Als Moritz zurück in Stuttgart mit seiner Mutter streitet, ob der ebenfalls dort eingetroffene Mehdi überhaupt in die Wohnung darf, weicht dieser zurück an den Rand des Podests. In einer letzten Phase hat er das weiße Unterhemd über das Gesicht gezogen, halb nackt und unkenntlich gemacht, in der Ortlosigkeit eines Verfolgten.

Altersgemäß ist Moritz auch nach innen Rebell: „Was soll das sein, Familie? Ein Klumpen von Leuten, die sich nicht ausgesucht haben?“ Nur selten verlässt der Text die Ebene eines zugespitzten Realismus. „Nachts kommen die Wölfe in mein Zimmer; mit Zähnen aus Bergkristall“, sagt Nathalie dann im Versuch, die eigenen Ängste zu äußern.

Die Autorin Anne Habermehl, 1981 in Heilbronn geboren, hat an der Berliner Hochschule der Künste Szenisches Schreiben studiert. Für den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2008 erhielt sie den Werkauftrag.

Info: Die beiden nächsten Aufführungen sind am Samstag, 16. April, und am Sonntag, 17. April, jeweils um 20 Uhr im LTT oben.

Mehdi (Patrick Schnicke) und Moritz (Raúl Semmler).Bild:LTT

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Erstellt:
11. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. April 2011, 12:00 Uhr

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