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Letzte Festspiel-Premiere in Salzburg: „Der Ignorant und der Wahnsinnige“
Großer Abschied: Salzburg Interims-Intendant Sven-Eric Bechtolf als Arzt in „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Foto: dpa
Theater, Oper – alles Hölle

Letzte Festspiel-Premiere in Salzburg: „Der Ignorant und der Wahnsinnige“

Großes Finale: Intendant Sven-Eric Bechtolf verabschiedet sich in Salzburg mit der Farce „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ – als famoser Schauspieler.

16.08.2016
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Salzburg. Einmal „die Zunge herausstrecken“, abbrechen, eine Aufführung „platzen lassen“: Das wär's doch mal, findet der Doktor. Denn „das Theater, insbesondere die Oper, ist die Hölle!“ Überhaupt, „die Kultur“, grantelt der kunstsinnige Mediziner weiter, sei „ein Misthaufen“. Er verachtet die „lähmende Dummheit“ des Publikums wie auch die Zeitungen, die er als „Organe der Unzuständigkeit“ abkanzelt.

Ja, wir sind in einem Stück von Thomas Bernhard gelandet – der 1989 verstorbene Österreicher wandelte ja stets auf einem schmalen Grat zwischen Schimpfrede und Lachphilosophie. Noch dazu in dem Zweiakter „Der Ignorant und der Wahnsinnige“: Dessen Uraufführung 1972 bei den Salzburger Festspielen unter Claus Peymann wurde ein fetter Eklat. Weil die Festivalleitung die geforderte totale Dunkelheit am Ende des Stücks ignoriert hatte und die Notleuchten anließ, wurde sie von Peymann als „verlogenes Pack“ beschimpft, und das Ensemble verweigerte jede weitere Aufführung. „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt,“ resümierte Bernhard bitter, „kommt ohne mein Schauspiel aus.“ Salzburg hatte seinen „Notlichtskandal“.

Und jetzt, 44 Jahre danach? Schnee von gestern? Der Salzburger Festivalzirkus, so Bernhard, sei nur „ein Wegtäuschen und ein Wegheucheln“, um den „Morast“ des „gemeinen Geschäftssinns“ mit hoher Kunst „abzudecken“. Wenn Bechtolf sich nun, nach zwei Jahren Interims-Intendanz, mit just diesem Stück verabschiedet, zeigt er nochmal allen die Kante – auch denen, die seine Ära zu gediegen, zu farblos fanden.

Aber wie er das zeigt, hat Größe. Nicht nur, dass er sich die Rolle draufgeschafft hat – Bernhards Doktor, „der Wahnsinnige“, muss einen Riesen-Monolog bewältigen. Nein, er demonstriert auch, wie ein Text zur Partitur wird. Toll, wie er die Bernhardschen Tiraden in gefährlich blitzende Wortmusik übersetzt, mit Verzierungen, Steigerungen und Exzessen. Bechtolfs „Wahnsinniger“ schildert eine Leichensektion und zerlegt im selben Atemzug den scheintoten Kunstbetrieb. Kurzum, des Intendanten Bechtolf letzte Rolle – er war als Schauspieler in Salzburg schon 2008/09 als lüsterner Teufel im „Jedermann“ zu Gange – wirkt programmatisch. Sein Doktor ist Querulant, Snob, Besserwisser, Skeptiker und doch glühender Kulturjunkie – alles in einem. Die Menschen um ihn sind nur Stichwortgeber – wie der „Ignorant“, bei Christian Grashof ein versoffenes Wrack, der um seine Tochter, eine Sopranistin, zittert. Die ist bei Annett Renneberg, bekannt als Signorina Elettra aus Donna Leons TV-Krimis, eine heillos verzickte Primadonna, die sich vor ihrem 222. Auftritt als Königin der Nacht in Mozarts „Zauberflöte“ nur noch als „Koloraturmaschine“ empfindet. Eine Überdrüssige, die ihre Luxusklagen erstaunlich munter mit geträllerten Tonleitern garniert.

Regie-Altmeister Gerd Heinz, einst Intendant in Zürich, inszeniert diesen Rundumschlag behutsam, texttreu und schauspielerfreundlich – erst in einer mit Blumen überfüllten Garderobe, die wie eine Leichenhalle wirkt, dann in einem Lokal, über dem wie in der „Zauberflöte“ ein Sternenhimmel funkelt.

Und die totale Finsternis am Ende? Die kommt – wie damals, mit glimmender Notbeleuchtung. Vorher aber überrascht die Regie mit dem Gegenteil: mit einer grellen Lichtattacke, so kreischend hell, dass die Schauspieler zu Schatten verblassten. Eine Kritik an der wenig werktreuen Blenderei des heutigen Kulturbetriebs? Möglich. Klar, dass Bernhards Text nicht mehr so rabenschwarz, so giftig, gallig und tragikomisch funktionieren kann wie 1972. Doch allein für jene Szene, in der Bechtolfs „Wahnsinniger“ und Grashofs „Ignorant“ wie verzauberte Wesen den Part der „Königin der Nacht“ mit den Lippen stumm mitsingen, hat sich die Aufführung gelohnt. Bechtolfs Abschied ist ein grandioser Kommentar auf den Kulturbetrieb: zwischen Rachearie und Liebeserklärung. Und obwohl Bechtolf stets bekannte, dass er Regietheater als „Schmalführung“ ablehnt, war dieses Finale keine Abrechnung. Sondern es hatte, auch in Sachen Thomas Bernhard, etwas Versöhnliches.

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16.08.2016, 06:00 Uhr
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