Der Urwald aus dem Netz

Lesende Blogger und Twitterer im Zimmertheater

Von Peter Ertle

Tübingen. Achtzig Leute bei der fünften Blog- und Twitterlese von „Das Letz niest“ im Zimmertheater! Das darf man schon mal an den Anfang stellen, denn lokale Kleinveranstaltungen im Kulturbereich tun sich mit solchen Besucherzahlen ja gewöhnlich schwer. Wobei: Lokal?

Klein? Besucherzahlen? Lokal heißt hier: Das globale Dorf. Und das ist groß. Besucherzahlen hören hier auf die Bezeichnung: „Follower“. Jan-Uwe Fitz hat zum Beispiel so viele wie Herrenberg Einwohner hat. Das Duo „Mischgemüse“ wiederum steht nach Klickzahlen in Deutschland auf Platz 774 967. Na gut, da kann man sich jetzt vielleicht so auf Anhieb nix drunter vorstellen. Aber sie könnten ja auch 5 256 804. sein, was viel schlechter wäre. Wenn da jetzt nur ein paar aus der Region sind und von denen wiederum nur ein paar den Weg zur Veranstaltung finden, sind das schon — ach, es ist einfach so: Die neuen technischen Möglichkeiten im Netz machen erstens Spaß und bringen zweitens Leute hoch, die experimentierfreudiger und weniger schlafmützig sind als der Rest – und sei es nur, weil sie sich für keinen Verleger, Sender, Impresario krumm machen müssen.

Dann braucht es nur noch so eine Hausse wie sie momentan Lesebühnen und Poetry Slams wie Pilze aus dem Boden schießen lässt und zwei gewitzte Veranstalter. Die gibt es: Sie heißen Uli Eder und Wolfgang Brenner, sind selbst in diversen Blogs aktiv, und führen diesmal zu zwei exotischen Biotopen. Brenner tief ins Seelenleben einer Treptower Kleingartenanlage. Eder tief ins Schwäbische, wo ein junger Ferienjobber es mit seinen Dialektschwierigkeiten zu tun hat – und einem vierschrötigen Vorgesetzten, den Eder dermaßen ins Mikrophon raunzt, dass sogar Kollege Brenner vor Lachen fast vom Stuhl fällt.

Das fällt überhaupt auf: Die Netzleser, pardon Letzneser des Abends sind mitnichten virtuelle Nerds, sondern im Gegenteil durch die Bank gute Vorleser, Spannungsaufbauer, Stimmimitatoren, Selbstdarsteller, zwischendrin auch Smalltalker, in all dem viel agiler und performiler als der Schnitt gewöhnlicher Autoren.

Es gibt auch Blogs von Comiczeichnern. Wie zum Beispiel von Bastian Melnyk. Der Stuttgarter Softwareentwickler schreibt aber auch, drollig-absurde Begegnungen über Haustiere, die „Haustür“ heißen oder über Peter. Ja, wer nicht „Haustür“ heißt in seinen Geschichten, der heißt Peter. Ausnahmslos. Jedenfalls bis ein Olaf auftaucht.

Das aufwühlendste Erlebnis des Abends aber ist das Duo „Mischgemüse“. Es handelt sich um Meter Mütze und Esteban von Spanien. Sie wiederum führen einen Filmblog. Und führten zwei ihrer Filmchen sozusagen live vor. Performance? Lesung? Und wer sind sie? Priester? Komiker? Kunstmanifestler? Literaten? Im Ernst: Ein Text, den sie lasen, hätte, etwas ausgebaut, durchaus Chancen beim jährlichen Open Mike. Ansonsten: Ein Parcours zwischen Unsinn und Tiefsinn, manchmal konnte man fast ein bisschen Angst bekommen. Ach ja: „Angst“ lautete das Motto des Abends.

Und da passte dann die Lesung von Jan-Uwe Fitz aus seinem Buch „Entschuldigen Sie meine Störung.“ Ja, manchmal schreiben solche Menschen richtige Romane, zwischen Buchdeckeln. Hier geht es um einen Menschen mit Menschenangst und seine angstvollen Wahnsinnsbegegnungen. Hat bisweilen die Qualität der Simpsons, was ja schon mal eine Auszeichnung ist, geht dann aber tief in den Bereich des Absurden, Befremdlichen wie auch des Seichten, Verplapperten. Was für eine Mixtur! Welch seltsame Geschichten! Der Untergrund. Die Parallelwelt. Der Urwald aus dem Netz. Da sind noch längst nicht alle Pflanzen und Tierarten erforscht. Bleibt: Spannend.


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25.05.2011 - 12:00 Uhr