Bildung

Lernen ohne Abstand

Wie sich Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) den Unterricht an den Schulen im kommenden Schuljahr vorstellt.

09.07.2020

Von AXEL HABERMEHL

Bücher, Hefte, Stifte und eine Maske: Schulalltag seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Foto: Marijan Murat/dpa

Stuttgart. An den Grundschulen im Land herrscht seit zehn Tagen wieder eine Art – wenn auch örtlich sehr eingeschränkter – Normalbetrieb. Doch an den weiterführenden Schulen wird bis zu den Sommerferien nur in rollierenden Schichtsystemen unterrichtet. Damit soll im neuen Schuljahr Schluss sein. Alle Schüler sollen dann in der Regel wieder an ihrer Schule Präsenzunterricht durch ihre Lehrer bekommen.

Das ist der Kern des an diesem Mittwoch von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) in Stuttgart vorgestellten Konzepts für einen „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“. Die Pläne hatte sie am Dienstag allen Schulleitungen im Land mitgeteilt.

Eisenmann machte mehrfach klar: Grundvoraussetzung der neuen Vorgaben sei, dass das Infektionsgeschehen nicht flächendeckend wieder außer Kontrolle gerät und erneut landesweite Lockdown-Maßnahmen oder andere strenge Kontaktbeschränkungen verhängt werden. „Alles immer vorausgesetzt, dass wir keine zweite zweite intensive Welle von Corona bekommen.“

Denn die Basis ihres Konzeptes ist die Aufhebung der allgemeinen Abstandsregel. „Zu den und zwischen den Schülerinnen und Schülern gilt dann kein Mindestabstand“, heißt es in dem Papier. Als wichtigster Schutz gegen große Ausbrüche der Covid-19-Krankheit in Schulen sollen dann von Mitte September an, nach den Sommerferien, „möglichst konstante Gruppen“ gebildet werden, um im Bedarfsfall Infektionsketten nachvollziehen und unterbrechen zu können.

Das können im Idealfall Klassen oder Lerngruppen sein. In der Regel aber werden es, wenn überhaupt, ganze Jahrgänge von Schülern sein, zwischen denen sich Kontakte nicht verhindern lassen. Ausnahmen sind möglich, „sofern es schulorganisatorisch erforderlich ist“.

Komplett ausgenommen sind Jugendliche in den gymnasialen Oberstufen. Sie sollen wie üblich in wechselnden Kursen lernen.

Inhaltlich werden deutliche Abstriche gemacht. „Verpflichtende Grundlage“ für den Unterricht im neuen Schuljahr soll das „Kerncurriculum“ sein. Es ist definiert als Summe der verbindlichen Inhalte der Bildungsstandards, die in drei Vierteln der regulären Unterrichtszeit zu erreichen sind. Weiterhin soll es eine „Konzentration auf die Kernfächer“ geben, sagte Eisenmann.

Jedoch sollen alle Fächer auf Basis der regulären Stundentafel angeboten werden, auch etwa praktischer Sportunterricht. Nur im Fach Musik sind Singen und das Spielen von Blasinstrumenten verboten; ebenso mehrtägige Klassenfahrten.

Ob und wie dieser Schulbetrieb klappt, wird – da auch vor Corona schon teils erheblicher Lehrermangel herrschte – sehr von der Personalsituation im Lehrkörper abhängen. Kommendes Schuljahr sollen Lehrer deshalb gegebenenfalls an mehreren Dienstorten unterrichten müssen. Lehrer, die zu Risikogruppen für schwere Covid-19-Verläufe zählen, werden ärztlich vom Präsenzunterricht befreit. Sie sollen wo nötig Fernunterricht halten.

Für diesen gibt es nun erstmals feste Qualitätskriterien. Geregelt wird, wann und für wen er angeboten wird, sowie was er umfassen soll. So soll der Fern- den Präsenzunterricht nach Stundenplan abbilden, regelmäßig stattfinden und von Lehrern dokumentiert werden. Es gibt aber keine Pflicht zu Videokonferenzen oder ähnlichen Formaten.

Schüler und Lehrer sollen von Schulen die nötige technische Ausstattung leihweise erhalten. Zuständig sind dafür die meist kommunalen Schulträger.

Weil seit Beginn der Corona-Pandemie haufenweise Unterricht ausgefallen ist, sollen Lehrer über den Sommer dokumentieren, welche Inhalte nicht behandelt wurden. Anfang des neuen Schuljahres solle dann in einer „Konsolidierungsphase“ der Lernstand gesichert werden, stellt Eisenmann sich vor.

Tests und Klassenarbeiten sollen nächstes Schuljahr, falls nicht mindestens ein Monat Präsenzunterricht ausfällt, im üblichen Rahmen geschrieben werden. Die Abschlussprüfungen werden um einige Wochen nach hinten verschoben, um mehr Lernzeit zu schaffen. Auch haben Prüflinge dann mehr Auswahl durch zusätzliche Prüfungsaufgaben. Ebenfalls zum „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“ gehört: Im Gegensatz zum laufenden Schuljahr kann man wieder sitzenbleiben.

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Erstellt:
9. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Juli 2020, 06:00 Uhr

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