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Corona · Fernunterricht

Lernen auf der Plattform: ein Überblick

Für den Fernunterricht nutzen Lehrer zunehmend digitale Programme. Zum Einsatz kommen ganz unterschiedliche Systeme mehrerer Anbieter – obgleich es stets um dieselben Ziele geht.

30.04.2020

Von Axel Habermehl

Korntal-Münchingen, Mitte März: Ein Schüler, der in die 8. Klasse eines Gymnasiums geht, arbeitet am Notebook mit „Moodle“. Foto: Marijan Murat/dpa

An den Schulen des Landes läuft wegen Corona nur Fernunterricht. Viele Lehrer nutzen Internet-Plattformen, um mit Schülern zu kommunizieren, Aufgaben zu verteilen und einzusammeln. Da die geplante Landes-Bildungsplattform „Ella“ Schiffbruch erlitten hat und eine neue Lösung aussteht, verbreiten sich andere Systeme. Ein unvollständiger Überblick auf große und kleine Systeme:

Moodle

Die Plattform: Favorit des Kultusministeriums und das meistgenutzte System. Mit den Schulschließungen hat Ressortchefin Susanne Eisenmann (CDU) Moodle allen Schulen zur Verfügung gestellt. Die Umsetzung übernimmt das Wissenschaftsnetz BelWü. Kern von Moodle sind virtuelle Kurse. Lehrer können Material hochladen und einsammeln, Feedback verteilen, man kann chatten und im Forum diskutieren. Dazu gibt es optionale Module, etwa für Präsentationen und Videokonferenzen. Der Esslinger Lehrer Ralf Weinert, selbst Moodle-Fortbilder, sagt: „Moodle kann vieles, man muss sich halt reinfuchsen.“ Die Nutzung ist laut Ministerium zuletzt stark gestiegen. Knapp 1000 neue Schul-Accounts seien in Betrieb gegangen. Rund 70 000 neue Nutzer hätten sich registriert.

Vorteile: Moodle wird im Bildungsbereich schon lange genutzt. Es gibt eine Community von Lehrern, die sich gut auskennt. Ein großer Vorteil: Moodle ist eine Freie Software. Das Land zahlt keine Lizenzgebühren, nur die Technik im Hintergrund. Der Ausbau hat rund 1,3 Millionen Euro gekostet: für Server, Speicher, Backup-Speicher. Laufende Kosten konnte das Ministerium bisher nicht beziffern.

Nachteile: Man braucht Personal: die Techniker von BelWü und Lehrer an den Schulen, die alles administrieren. Zudem sind viele Lehrer skeptisch. Das Kultusministerium berichtet in einer Landtagsdrucksache von „Akzeptanzhürden bei Lehrkräften und Schülern“. Moodle gilt als nicht sehr anwenderfreundlich, Laien können es kaum intuitiv nutzen, Anleitung ist nötig. Es gibt aber Kurse, Erklärvideos und Online-Sprechstunden. Vor allem Schüler müssen angeleitet werden, das ist derzeit schwierig. Das Hauptproblem von Moodle ist aber die Performance. Lehrer berichten von wiederholten Serverproblemen, auch wenn der Betreiber BelWü vehement erklärt, das System laufe nach Startschwierigkeiten stabil.

Microsoft

Die Plattform: Der US-Software-Gigant drängt schon lange auf den Bildungsmarkt. Seine Produkte dafür sind „Microsoft 365“, ein Büroanwendungs- und Cloudsystem, sowie „Teams“, eine Anwendung, die Zusammenarbeit ermöglicht. Lehrer können virtuelle Kurse einrichten, ihre Klassen vernetzen, chatten, per Videostream konferieren oder Dateien hochladen und gemeinsam bearbeiten. Wie viele Schulen im Land das nutzen, ist unbekannt. Der Redaktion sind mehrere Beispiele bekannt, insbesondere an beruflichen Schulen scheint das Produkt weit verbreitet zu sein. Die Pressestelle von Microsoft Deutschland war für eine Anfrage nicht zu erreichen. Office 365 und Teams sind für Schulen kostenlos. Jedoch gehen Datenschutzbehörden davon aus, dass Nutzer mit ihren Daten bezahlen.

Vorteile: Lehrer schwärmen von der Benutzerfreundlichkeit und berichten, dass sich auch jüngere Schüler mit der Bedienung leicht tun. Die Nutzung funktioniert auch als App auf Tablets oder Smartphones. Alles läuft sauber.

Nachteile: Die Produkte sind offiziell nicht freigegeben. Schulen und Lehrer begeben sich in juristisch heikle Felder, wenn sie Schülern die Nutzung vorschreiben und damit potenziell Rechte Minderjähriger verletzen. Bei Nutzung der Dienste werden Nutzerdaten an den Hersteller übermittelt. Auch ein Zugriff US-amerikanischer Behörden ist möglich.

Besonderheit: Im Kultusministerium scheint man ein Faible für Microsoft zu haben. Schon vergangenes Jahr tauchte ein Microsoft-Produkt exklusiv in einer Ausschreibung des Ministeriums auf. Und zu Beginn der Corona-Krise nannte Eisenmanns Amtschef Michael Föll in einem Brief an alle Schulleiter explizit „Office 365“ ein sinnvolles digitales Angebot. Landes-Datenschutzbauftragter Stefan Brink sagt: „Zu Office 365 führen wir seit vergangenem Jahr Gespräche mit dem Kultusministerium. Das sind schwierige Gespräche, weil ungeklärt ist, ob der Anbieter die personenbezogenen Daten der Nutzer rechtskonform verarbeitet.“

Google-Classroom

Kurzbeschreibung: Das digitale Klassenzimmer im Universum des kalifornischen Suchmaschinen-Riesen. Auch hier können Lehrer Kurse erstellen, die passenden Schüler hinzufügen, Aufgaben stellen, Links oder Videos posten, Abgabefristen setzen und Ergebnisse einsammeln. Nutzer können Nachrichten verschicken, einzeln oder an alle. Google-Drive ist die Cloud hinter dem Classroom, Anbindungen zu anderen Google-Diensten ermöglichen Videokonferenzen und weiteres. Der Dienst ist für Schulen kostenlos, jedoch gilt dasselbe wie bei Microsoft.

Vorteile: Nutzer berichten von guter Funktionalität. Alles laufe spielend einfach und zuverlässig, auch per App auf Mobilgeräten, und sei intuitiv zu bedienen.

Nachteile: Wie bei Microsoft herrscht Unklarheit über die Flüsse der Nutzerdaten. Schulleiter, die Classroom einführen, übernehmen eine Verantwortung, die sie eigentlich nicht tragen können. Manche Lehrer versuchen das Problem zu lindern, indem sie Schülern in der Anwendung Pseudonyme zuordnen. Nutzerdaten fallen aber trotzdem an, etwa IP-Adressen der Schüler. Der GEW-Digitalisierungsexperte David Werneck sagt: „Ich verstehe, dass in der aktuellen Lage jede Schule nach gangbaren Lösungen sucht, aber der Dienst von Google ist in vielerlei Hinsicht problematisch.“

DiLer

Die Plattform: DiLer (Digitale Lernplattform) wurde an und mit der Alemannenschule Wutöschingen entwickelt, einer technisch fortschrittlichen Gemeinschaftsschule, die 2019 einen deutschen Schulpreis bekommen hat. DiLer ist ein Lernmanagement-System, das über alle nötigen Funktionen Arbeits-, Materialverteil- und Kommunikationsfunktionen verfügt. Die Software ist Open Source und steht laut Eigenbeschreibung allen Teilnehmerschulen kostenlos zur Verfügung. Laufende Kosten würden durch Installations- und Wartungsservice, Online-Hilfe und Weiterbildungen für Partnerschulen getragen.

Vor- und Nachteile: Das Programm ist einfach bedienbar und datenschutzrechtlich in Ordnung. Jedoch ist DiLer nicht für alle Schulen geeignet. In Wutöschingen lernen Kinder sehr personalisiert und eigenverantwortlich. Das spiegelt sich in DiLer wider und ist zugleich Vor- und Nachteil. Die Plattform ist kein virtuelles Klassenzimmer, eher so etwas wie das Betriebssystem der Schule und ein individueller virtueller Schreibtisch. Schüler wählen Fächer aus, legen Schwierigkeitsstufen fest, können Material nutzen, Aufgaben lösen, auch Prüfungen absolvieren. Lehrer sehen, was bei Schülern gut klappt und wo es hapert. Auch Eltern können sich einloggen, mit Lehrern kommunizieren und über den Stand ihres Kindes informieren.

Fazit

Neben den genannten sind weitere Produkte im Einsatz. Welches geeignet ist, muss jede Schule selbst wissen. Der Tübinger Bildungsforscher Christian Fischer, der zu Online-Unterricht forscht, sagt: „Wichtiger als die Plattform ist die Tiefenstruktur des Unterrichts.“ Dieser müsse klar gestaltet und organisiert sein. Es gehe um konstruktive Unterstützung, regelmäßiges Lernen, transparente Ziele, Interaktion und die Förderung von Selbstregulation. „Über welches Medium die Arbeitsaufträge vergeben werden, macht keinen großen Unterschied.“

Und was istmit Ella?

Plan Eigentlich wollte Baden-Württeberg längst über eine eigene Plattform für alle Schulen verfügen. Doch das Projekt „Elektronische Lehr- und Lernassistenz“ (Ella) scheitert, im September 2018 wurde es gestoppt und neu gestartet. Aktuell werden Basiskomponenten beschafft, es laufen Ausschreibungen. Im Regelbetrieb soll die neue Plattform bis Herbst 2021 sein. Für die finale Phase „Weiterer Ausbau und Optimierung“ plant das Land aber bis Frühjahr 2023.

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Erstellt:
30. April 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. April 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. April 2020, 06:00 Uhr

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