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Leitartikel · PARTEIEN: Mehr Charisma, bitte

Leitartikel · PARTEIEN: Mehr Charisma, bitte

26.03.2016
  • SWP

Von Roland Müller

Hinterher ist man immer schlauer, das gilt auch in der Politik. Und so mangelt es knapp zwei Wochen nach dem Beben der baden-württembergischen Landtagswahl auch nicht an Erklärungen, warum es gerade die "Volksparteien" so gebeutelt hat. Flüchtlingskrise, Unions-Streit, Kretschmann-Bonus: Vieles gilt als ursächlich, warum CDU und SPD auf historische Tiefstwerte absackten.

Doch eins ist offensichtlich: Mit Guido Wolf (CDU) und Nils Schmid (SPD) hatten die Parteien zwei erstaunlich blasse Spitzenkandidaten aufgeboten. Schmid, der spröde Finanzexperte; Wolf, der reimende Ex-Landrat - ihr Image haben sie nie abstreifen können. Die landesväterliche Aura Winfried Kretschmanns (Grüne) war nicht anzukratzen. Fehlendes Charisma, lautet die Diagnose. Doch was heißt das? Mit dem Begriff Charisma tut man sich gerade in Deutschland schwer. Der große politische Denker Max Weber hat es vor beinahe 100 Jahren als fast magisches Band beschrieben, das die "außeralltägliche Persönlichkeit" eines charismatischen "Führers" mit dessen glühender Gefolgschaft verbindet. Dinge wie Vernunft und Regeln werden in diesem Denkmodell außer Kraft gesetzt - und ersetzt durch Emotion und Glauben an die Person.

Kaum hatte Weber das geschrieben, begann der Aufstieg von Diktatoren wie Hitler und Mussolini. Führerkult und Fanatismus gehörten zur Mixtur, die Europa in die Katastrophe stürzte. Das hat den Charisma-Begriff nachhaltig vergiftet. Zu starke Personalisierung gilt in der Politik bis heute als unfein, und die Deutschen setzten - mit großem Erfolg - fortan meist auf zuverlässige Technokraten oder Vaterfiguren mit Tendenz zum Betulichen. Wer "schillert", ist verdächtig.

So verständlich das sein mag: In einer Mediengesellschaft führt es in ein Dilemma. Nicht nur, dass Populisten die Marktlücke nutzen. Weil die Themen in einer beschleunigten und globalisierten Welt immer komplexer werden, ist Personalisierung schlicht unerlässlich. Auf der Suche nach Politikern, die wenigstens einen Hauch "Besonderes" ausstrahlen, rücken die Medien Leute ins Rampenlicht, die formal eher Randfiguren sind. Anders ist etwa die Dauerpräsenz des Tübinger OB Boris Palmer (Grüne) kaum zu erklären. Der US-Wahlkampf führt zwar gerade lebhaft vor Augen, zu welchen Exzessen extreme Personalisierung führen kann. Das Problem ist: Ganz ohne geht es auch nicht.

Ein gesunder Mittelweg wäre ja möglich. Doch gerade an den Parteibasen mangelt es oft am Gespür für die Ausstrahlung von Kandidaten. Schmid und Wolf wurden im Südwesten per Mitgliederentscheid auf den Schild gehoben. Nun gelten sie als "verbrannt". 1994 war es Rudolf Scharping, den die SPD-Basis per Entscheid ins Rennen gegen Kanzler Helmut Kohl schickte. So wollte man Gerhard Schröder verhindern, der bereits zur Macht drängelte, in der Partei vielen aber als zu unberechenbar galt. Das Ergebnis ist bekannt: Der biedere Scharping scheiterte krachend, Schröder führte die SPD vier Jahre später zum Sieg.

Charisma in der Politik mag Risiken und Nebenwirkungen haben - die haben Technokratentum und Biedermeier allerdings auch: Sie lauten Langeweile und Desinteresse. Charisma hingegen steht auch für Begeisterungsfähigkeit und Identifikation. Personen wie Willy Brandt und Franz Josef Strauß gelang es einst, ihre Generation politisch zu elektrisieren. Eine Prise mehr davon würde Deutschland gut tun. Der Grat ist schmal, und manches mag am Ende in Enttäuschung münden. Aber entzaubern lässt sich nur, was einmal einen Zauber hatte.

Der Grat ist schmal, doch die Alternative

heißt Langeweile

leitartikel@swp.de

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26.03.2016, 08:30 Uhr
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