Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Politik

Leitartikel · ÖSTERREICH: Gekränkte Bürger

Von Norbert Mappes-Niediek, Graz Irritation nach der Wahl in Wien. Fast ein Drittel der Stimmen gingen an eine Partei, die nur schimpft, die mit der EU und den "Ausländern" über gerade mal zwei Themen verfügt und dem Land obendrein einen Finanzskandal beschert hat, an dem noch eine Generation zu knabbern haben wird: Leicht zu verstehen ist das nicht.

14.10.2015
  • SWP

In keiner alten Demokratie in Europa dürfen sich Rechtspopulisten über so viele Stimmen freuen wie in Österreich. Das war schon vor der Flüchtlingskrise so. Wer an rationale Entscheidungen glaubt, kommt nicht weit. Gewiss, die Arbeitslosigkeit steigt, es gibt einen leichten Modernisierungsrückstand zu Deutschland, mit dem sich Österreich heimlich stets vergleicht. Rasante Veränderungen hat die Regierung dem Wahlvolk jedenfalls nicht zugemutet.

Wien ist wahrscheinlich die lebenswerteste Metropole der Welt. 49 Prozent haben hier einen "Migrationshintergrund". Selbst wenn man die Deutschen herausrechnet, sind das immer noch mehr als in jeder deutschen Großstadt. Bei der Integration von Zuwanderern jedoch steht die Stadt tatsächlich nicht gut da. Wer schwarz ist, kehrt hier Müll oder verkauft Zeitungen; einen Afrikaner mit Krawatte trifft man höchstens in einer Botschaft. Schuld daran ist ausgerechnet jene Partei samt Wähler, die das "Scheitern der Integration" so laut beklagen. Jeder kostenlose Deutschkurs, jede Öffnung des Arbeitsmarkts, jeder schwarze Polizist lässt die Rechtspartei wegen angeblicher Bevorzugung der "Fremden" aufjaulen.

Bei den Wählern trifft sie damit einen Nerv. In Österreich, sogar im urbanen Wien, ist das bürgerliche Element mit seinem Selbstbewusstsein traditionell schwach. Es überwiegt ein infantiles Bild von Gesellschaft und Politik - mit "denen da oben" und "uns hier unten". Man stellt sich die Gesellschaft wie eine autoritäre Familie vor. Die Großen, das sind die Eltern - und tatsächlich treten die herrschenden Parteien SPÖ und ÖVP seit langer Zeit als unzertrennliches Paar auf. Deshalb bleibt es auch ohne Wirkung, wenn allerlei Autoritäten, der Herr Professor, der Herr Kardinal, der Unternehmer, gegen Angstmache und Rechtspopulismus auftreten. Sie ordnen sich damit nur bei "den Großkopferten" ein. Zuwanderer, so hat der Psychoanalytiker Klaus Ottomeyer diagnostiziert, sind in dieser Familienaufstellung die kleinen Geschwister, die von den Eltern viel zu viel Aufmerksamkeit kriegen, während man selbst zusehen muss, wo man bleibt.

Eifersucht und Kränkung sind der Kern des spezifisch österreichischen Wutbürgergefühls. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ist in der Konstellation der freche große Bruder, der sich was traut und die mittleren Geschwister beschützt.

Damit die Masche funktioniert, muss es Eltern geben; setzt der große Bruder sich an ihre Stelle, was man angesichts der jüngsten Wahlergebnisse nicht ausschließen kann, zerfällt die Konstellation und endet so kläglich wie die siebenjährige Regierungsbeteiligung der FPÖ zu Anfang des Jahrhunderts.

Bei wie vielen Menschen die Masche funktioniert, ist offen. Eine Mehrheit, wenn auch eine knapper werdende, weiß, dass die Rechten außer Ressentiments nichts zu bieten haben - kein Konzept, keine Alliierten, keine zusätzlichen Mittel. Für die Normalo-Parteien bedeutet das: Weitermachen. Selbst wenn die große Koalition im Bund eines Tages keine Mehrheit mehr hat, stehen als dritter Partner die Grünen bereit. Es ist keine charmante Lösung. Aber aussichtsreicher als das gescheiterte Modell einer FPÖ-Regierungsbeteiligung ist sie allemal.

Wahl als Feldzug

gegen die

"Großkopferten"

leitartikel@swp.

Leitartikel · ÖSTERREICH: Gekränkte Bürger

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

14.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular