Tübingen

Corona-Pandemie: Leiden am Post-Covid-Syndrom

Bei manch jüngeren Ex-Erkrankten spielen Geruch und Geschmack noch nach Monaten verrückt. Auch Lunge und Gehirn können betroffen sein.

28.08.2020

Von Volker Rekittke

Im Eingangsbereich der Medizinischen Klinik auf dem Schnarrenberg ist auch die Covid-Nachsorge-Ambulanz untergebracht. Bild: Verena Müller / UKT

Im Eingangsbereich der Medizinischen Klinik auf dem Schnarrenberg ist auch die Covid-Nachsorge-Ambulanz untergebracht. Bild: Verena Müller / UKT

Der Krankheitsverlauf war alles andere als mild. Über drei Wochen lag der 61-Jährige im Frühjahr daheim im Bett. Gleich am ersten Märzwochenende hatten sich der Mann und seine gleichaltrige Frau, die beide in einem Tübinger Teilort leben, vermutlich auf einer Geburtstagsfeier mit dem Coronavirus infiziert. Keine vier Wochen nach der vermeintlichen Genesung zeigten sich bei ihm erneut Symptome. Nach wie vor wird der Mann von teils heftigen Schwindelanfällen, von Gleichgewichts-, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen heimgesucht. „Mal ist es besser, mal schlechter.“

Seine Frau litt lange an Geruchs- und Geschmacksverlust, Appetitlosigkeit und ebenfalls an Schwindel. Hinzu kommen bei ihr Atembeschwerden, schnelle Erschöpfung und Haarausfall. Mittlerweile seien Geruch und Geschmack zwar größtenteils wieder da, „aber es ist nicht mehr wie vorher“.

Auch eine 18-jährige Tübinger Schülerin infizierte sich bereits im März mit Corona und war dann zwei Wochen krank: „Es kam sehr plötzlich mit starken Gliederschmerzen, die hielten etwa vier Tage an, in denen ich mich fast gar nicht bewegen konnte, auch danach hatte ich lange keine Kraft.“ Der vollständige Geschmacks- und Geruchsverlust kam erst nach dem Abklingen der eigentlichen Krankheit.

Was dann folgte, war ein ständiges Auf und Ab. Nach drei bis vier Wochen konnte sie ihr Essen wieder schmecken – „gerochen habe ich aber immer noch gar nichts“. Als der Geruchssinn schließlich wiederkam, sei er „ziemlich verändert“ gewesen: „Ich habe alles um mich herum gleich gerochen und hatte immer einen bestimmten, ziemlich widerlichen Geruch in der Nase.“ Auch der Geschmack veränderte sich erneut: Fleisch, Käse, Joghurt, alles mit viel Eiweiß schmeckte auf einmal gleich ekelhaft. Auch wenn der Geruchssinn mittlerweile, nach über vier Monaten, wieder einigermaßen funktioniert – ihre Geschmacksnerven sind noch immer gestört: „Das macht nicht so richtig viel Spaß.“ Von Ärzten hörte sie, dass es vielleicht noch ein Jahr dauern könne, bis Geschmack und Geruch wieder so funktionieren wie vor Corona.

„Riechen tu ich immer noch sehr schlecht“, berichtet ein 22-jähriger Tübinger, der in München studiert: „Manchmal riecht wirklich alles gleich.“ Sein Geschmackssinn sei mittlerweile, Monate nach der Corona-Infektion, durchwachsen: „An manchen Tagen gut, an anderen schmecke ich manches nicht so richtig.“ Richtig schlimm war’s mit Geruchs- und Geschmacksverlust jedoch während der zweiwöchigen Erkrankung Ende März. Dass er Corona hatte, ist seit einem Antikörpertest sicher. Da könne man nichts machen, meinte unlängst sein Arzt – er müsse halt warten, bis alles wieder funktioniert. Aber Geschmack und Geruch würden bestimmt zurückkommen.

„Post-Covid-Syndrom“ wird das neue Krankheitsbild genannt. Es gibt sogar schon Reha-Einrichtungen wie die Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld (Schwarzwald), die eine spezielle Behandlung für Menschen anbieten, die nach überstandener Infektion mit dem Coronavirus immer noch oder wieder mit Symptomen zu kämpfen haben.

Wie die „Tagesschau“ berichtet, hat die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) eine spezielle „Post-Covid-Ambulanz“ eingerichtet, bei der sich bereits mehrere hundert Patientinnen und Patienten aus ganz Deutschland gemeldet hätten. An der MHH geht man bislang davon aus, dass bundesweit ein bis drei Prozent aller Corona-Infizierten von Langzeitfolgen betroffen sind. Manche Studien gehen von noch höheren Prozentzahlen aus (siehe Kasten). Festgestellt wurden in Hannover bei Untersuchungen unter anderem Veränderungen an der Lunge, im CT als „milchglasartige Trübungen“ sichtbar, und dies auch noch sechs Wochen nach Abklingen der Infektion.

Auch am Universitätsklinikum Tübingen (UKT) gibt es eine „gut ausgelastete“ Nachsorge-Ambulanz, so UKT-Pressesprecherin Bianca Hermle, die allerdings – bis auf einzelne von Gesundheitsamt und Hausärzten überwiesene ambulante Fälle – bislang überwiegend nach jenen Patient(inn)en schaut, die wegen Corona zuvor stationär am Uniklinikum in Behandlung waren.

Am UKT wurden in der Corona-Hochphase von März bis Mai überwiegend ältere Patienten mit schwereren Verläufen behandelt. Wer die Krankheit daheim überstand, darunter viele Jüngere mit leichteren oder mittleren Verläufen, „den sehen wir hier in der Regel nicht“, sagt Siri Göpel, Leiterin der infektiologischen Ambulanz am UKT. Allerdings wurden in Tübingen im Frühjahr auch einige deutlich unter 50-jährige Patienten mit schwereren Krankheitsverläufen aufgenommen.

Die Oberärztin weiß von 40 bis 50 Patient(inn)en, die bislang in der Nachsorge-Ambulanz vorstellig wurden. Einzelne berichteten von Müdigkeit, verminderter Belastungsfähigkeit, Kurzatmigkeit, Geschmacks- und Geruchsbeeinträchtigungen. Bei Patienten, die wegen Atemnot in die Ambulanz kamen, habe man bei Lungenfunktionsuntersuchungen allerdings nur in wenigen Fällen auffällige Veränderungen der Lunge feststellen können – weswegen Göpel bislang eher zurückhaltend bei der Beurteilung der Covid-Spätfolgen ist. Sie vermutet, dass die meisten dieser Symptome in einigen Monaten wieder verschwunden oder zumindest deutlich reduziert sein könnten. „Um das beurteilen zu können, wird die Nachsorgeambulanz die Patienten auch weiterhin betreuen.“

Die Tübinger Notärztin Lisa Federle hatte bereits drei oder vier Patienten, die nach der Corona-Infektion über Wochen oder Monate über eine anhaltende Minderung oder sogar vollständigen Geruchs- und Geschmacksverlust klagen. „Das ist eine Beeinträchtigung der Lebensqualität, keine Frage.“ Es sei noch unklar, wann und ob Geschmack und Geruch in gewohnter Form zurückkommen, wann sich der Nerv wieder erholt – aber: „Je länger so etwas dauert, desto schwieriger könnte es werden.“ Noch deutlich häufiger beobachtet Federle indes anhaltende Beeinträchtigungen der Lunge. Eine nicht einmal 30-jährige Patientin berichtete ihr von Atemnot und Problemen etwa beim Treppensteigen – sie fühle sich ständig müde und schlapp, wie bei einer leichten Grippe. Etliche andere hingegen würden von der Infektion überhaupt nichts mitbekommen.

„Wir wissen immer noch zu wenig. Wir stellen bei Corona immer wieder im Nachhinein Sachen fest, die wir so nicht eingeschätzt hätten.“ Deshalb müssten Ärzte zugleich achtgeben, dass sie etwa aufgrund der bei Corona immer wieder beschriebenen Thrombosegefahr nicht zu hohe Dosierungen mit dem Blutverdünner Heparin vornehmen – das erlebte sie bereits bei einem Patienten ohne Corona-Symptome. Denn dann könnten die Nebenwirkungen, etwa die erhöhte Gefahr von Gehirnblutungen, womöglich heftiger sein als die behandelte Krankheit.

Derzeit würden sich vor allem junge Menschen anstecken, die meist wenig Symptome zeigen. Darunter seien etliche, die zurück aus dem Urlaub im Ausland kämen, ein Hotspot seien die Balkanländer, so Federle.

Auch wenn sie viel Verständnis dafür hat, dass die ständige Corona-Alarmbereitschaft wie auch die Ungewissheit sehr belastend sein können und grade jüngere Leute endlich wieder auf Konzerte oder in Clubs gehen wollen, so rät Federle doch sehr dazu, weiterhin Masken zu tragen und Abstand zu halten – und sich, so lange das Wetter mitspielt, im Freien aufzuhalten und dort den Kaffee oder das Bier mit Kolleginnen oder Freunden zu trinken.

Atemnot und Müdigkeit nach dem Klinikaufenthalt

Atembeschwerden, anhaltende Müdigkeit („Fatigue“), Geruchs- und Geschmacksprobleme oder eingeschränkte Leistungsfähigkeit: Zunehmend werden die (Spät)Folgen nach überstandener Corona-Erkrankung untersucht. Bisherige Studien beschäftigen sich allerdings überwiegend mit Patientinnen und Patienten mit schweren Verläufen, die zuvor stationär in Kliniken behandelt wurden. In der „Tagesschau“ wurde jetzt über eine Untersuchung von 110 Patient(inn)en des Southmead Hospitals in Bristol (Großbritannien) berichtet: Drei Viertel klagen auch zwei bis drei Monate nach ihrer Entlassung noch immer über Beschwerden, vor allem über Atemnot und extreme Müdigkeit.

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Erstellt:
28.08.2020, 18:15 Uhr
Lesedauer: ca. 4min 35sec
zuletzt aktualisiert: 28.08.2020, 18:15 Uhr

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