Stuttgart

Lehrer wegen Infektionen an Schulen beunruhigt

Die Rückkehr der Grundschulen in den Regelbetrieb ist getrübt durch Corona-Infektionen an mehreren Schulen im Land. Dabei hatte die Landesregierung das Risiko aufgrund einer Studie als gering betrachtet. Die Lehrer sind verunsichert.

29.06.2020

Von dpa/lsw

Viertklässler stehen mit Abstand zueinander auf dem Schulhof. Foto: Arne Dedert/dpa/Archivbild

Stuttgart. Die vollständige Öffnung der Grundschulen und Kitas ist am Montag überschattet worden von Corona-Fällen an Schulen im Landkreis Göppingen und an einem Brettener Gymnasium. „Das sorgt für Verunsicherung der Kollegen, nachdem das Kultusministerium uns gesagt hat, Kinder hätten eine niedrige Viruslast und seien keine Infektionstreiber“, sagte der Vorsitzende des Lehrerverbandes VBE, Gerhard Brand, der Deutschen Presse-Agentur. Das sei ein herber Schlag, der die Glaubwürdigkeit des und das Vertrauen in das Ressort von Susanne Eisenmann (CDU) beschädige. Nach mehr als drei Monaten werden wieder alle Grundschüler im Klassenverband unterrichtet. Nur die Fächer Sport und Musik wurden wegen Corona-Risikos zunächst gestrichen. Das Abstandsgebot ist gefallen.

Eine Sprecherin von Ministerin Eisenmann betonte: „Auch wenn zahlreiche aktuelle und internationale Studien zeigen, dass Kinder eine untergeordnete Rolle im Infektionsgeschehen spielen, bedeutet das nicht, dass es generell keine Infektionen an Schulen geben wird.“ Es könne keine Lockerungen ohne ein Restrisiko geben. Das betreffe alle Lebensbereiche und damit auch Schulen. Die Sprecherin sagte: „Die Aussage des VBE-Vorsitzenden, die Corona-Fälle an den Schulen beschädigen die Glaubwürdigkeit des Kultusressorts, ist absurd, zeigt aber einmal mehr, wie bequem es ist, sobald Probleme auftauchen, pauschal auf das Ministerium zu schimpfen.“

Wichtig ist es aus VBE-Sicht, dass allen Lehrkräften und Erzieherinnen und Erziehern freiwillige Testmöglichkeiten angeboten werden. Auch das Kultusministerium erwartet vom Gesundheitsministerium, dass zügig ein eigenständiges und überzeugendes Testkonzept für das pädagogische Fachpersonal entwickelt werde.

Noch vor den Sommerferien muss laut Brand die Sicherheit der Pädagogen an den Grundschulen verstärkt werden: mit Plexiglasscheiben am Pult, freiwilliger Testung der Lehrer einmal pro Woche und der Auflage für die Schüler, einen Mundschutz mitzubringen und diesen bei enger Interaktion mit den Lehrern anzulegen. Nach den Sommerferien sollten diese Schutzmaßnahmen bestehen bleiben und dann längerfristig geschaut werden, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt. Die verlangten Sicherheitsvorkehrungen seien ab Schulbeginn im September für alle Schularten einzuführen. Er sehe für die kalte Jahreszeit Gefahren voraus, wenn 30 Kinder in engen Klassenzimmern ohne Belüftungsmöglichkeit die Schulbank drücken. Brand: „Da gehen wir schon ein gewisses Risiko ein.“

Die Hiobsbotschaft von Corona-Ausbrüchen an Schulen im Südwesten bestärke diejenigen unter den Lehrern, die wegen Infektionsgefahr für von ihnen betreute Eltern oder Partner oder für sich selbst die Öffnung der Schulen kritisch sehen. Der VBE habe sich aber bewusst für die Wiederaufnahme des Regelbetriebes ausgesprochen.

Nach Angaben des Landkreises Göppingen ist an fünf Schulen je ein Schüler positiv auf das Virus getestet worden. Drei Schulen befänden sich in Göppingen, zwei Schulen seien in Geislingen. Eine Grundschule sei geschlossen worden, werde aber an diesem Dienstag wieder eröffnet. Zehn Kinder und zwei Lehrkräfte aus dem engeren Kontaktkreis des infizierten Kindes müssen die Quarantänezeit einhalten und werden diese Woche nochmals getestet. Insgesamt 500 Schüler würden seit Freitag getestet, bislang sei keine weitere Infektion nachgewiesen worden, sagte eine Sprecherin des Kreises Göppingen.

An einem Brettener Gymnasium (Kreis Karlsruhe) fällt wegen mehrerer Infektionen mit dem Coronavirus bis mindestens Mittwoch der Präsenzunterricht aus. Bei drei Schülern und einer Lehrerin wurde das Virus nachgewiesen.

Kultusministerin Eisenmann hatte nicht ausgeschlossen, dass Kitas und Grundschulen wieder geschlossen werden müssen, falls es Corona-Infektionsherde gibt.

Die Pädagogen plagt aber laut Brand noch etwas anderes: Die aus Infektionsschutzgründen zeitversetzten Pausen führten zu erheblicher Unruhe an den Schulen. Ein Grundschulrektor habe ihm zurückgemeldet: „Von einer ruhigen Lernatmosphäre kann man nicht sprechen.“

Mitte März hatten die Schulen in Baden-Württemberg wegen des Coronavirus komplett geschlossen. Die Abschlussklassen sind bereits seit dem 4. Mai in die Schulen zurückgekehrt, die Viertklässler seit Mitte Mai. Seit Mitte Juni gibt es bereits an allen Schulen in Baden-Württemberg einen Unterricht im Schichtbetrieb im Wechsel mit Fernunterricht und mit einem abgespeckten Stundenplan.

Das Evangelische Seminar in Maulbronn ist bis zum 10. Juli wegen je eines Covid-19-Falles im Umfeld sowie unter der Schülerschaft geschlossen.

Im bayerischen Landkreis Neu-Ulm sind in drei Grundschulklassen und einer Kindergartengruppe Coronavirus-Infektionen festgestellt worden. Deswegen seien nun 98 Kinder und Erwachsene in Quarantäne geschickt worden, berichtete eine Sprecherin des Landratsamtes am Montag.

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Erstellt:
29. Juni 2020, 15:28 Uhr
Aktualisiert:
29. Juni 2020, 17:50 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2020, 17:50 Uhr

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