Sportwetten

Legal, illegal, ganz egal?

Eine Studie zum Glücksspielstaatsvertrag fordert eine Marktöffnung für internationale Anbieter. Das soll die Szene aus der Grauzone herausholen.

30.05.2017

Von MICHAEL GABEL

Auch in Deutschland sind Fußballwetten beliebt. Hier gibt ein Kunde in Tübingen einen Tipp ab. Foto:Ulmer

Berlin. Die Wette hat sich gelohnt. 1000 Euro setzte ein deutscher Spieler am vergangenen Wochenende beim Online-Sportwettenanbieter Tipico ein und bekam 16184 Euro ausgezahlt. Leicht verdientes Geld, zumindest für jemanden, der sich auskennt und in der Lage ist, europaweit bei acht von ihm selbst ausgewählten Spielen den Sieger vorherzusagen. Die Sache hat aber einen Haken: Wetten bei Tipico ist illegal. Denn der Anbieter besitzt in Deutschland keine Lizenz.

Ein Wissenschaftler-Team um den Düsseldorfer Volkswirtschafts-Professor Justus Haucap will diesen Zustand jetzt beenden. In einer Studie zum Glücksspielstaatsvertrag fordern sie, dass die Anbieter von Sportwetten aus dem Graubereich geholt werden. Ihr Argument: Nur dann könne der Staat auf sie einwirken und sie zum Beispiel zu besserem Schutz vor Suchtgefahren verpflichten. „Wir müssen das Glücksspiel kanalisieren“, sagte Haucap bei der Vorstellung in Berlin. Den Grau- und Schwarzmarkt in Deutschland schätzt er auf 95 Prozent, bei einem Gesamtvolumen von rund fünf Milliarden Euro jährlich.

Geregelt wird das deutsche Sportwetten-Wesen im Glücksspielstaatsvertrag aus dem Jahr 2008 und mehreren Nachbesserungen, von denen die jüngste noch von den 16 deutschen Länderparlamenten beschlossen werden muss. Allen Vorgaben gemeinsam ist die Sorge des Gesetzgebers, dass zu viele Anbieter von Sportwetten viele Deutsche in die Sucht treiben könnten. Deshalb zog man enge Grenzen. Während zunächst nur das staatliche Unternehmen Oddset unter Auflagen zugelassen wurde, sind es mittlerweile rund zwei Dutzend Anbieter, die in Deutschland aktiv sein dürfen. Unter Zockern gelten die Quoten der deutschen Anbieter aber als deutlich zu gering. Zudem lieben viele Spieler die hierzulande verbotenen Ereigniswetten, also Vorhersagen auf Gelbe Karten, Eckbälle und Elfmeter.

Bezuschusste Untersuchung

Für die Studie kooperierten die Universität Düsseldorf, die Sporthochschule Köln und die University of Applied Sciences in Frankfurt am Main. Sie wurde bezuschusst vom Deutschen Sportwettenverband und vom Deutschen Online Casinoverband, worin Haucap kein Problem sieht. Die Forderungen der Organisationen nach einer Marktöffnung seien berechtigt: „Deutschland gelingt es im europäischen Vergleich besonders schlecht, den Grau- und Schwarzmarkt beim Glücksspiel einzudämmen.“

Andere Länder wie Dänemark und Großbritannien seien weiter. Die Konsumenten könnten nur dann für den regulierten Markt gewonnen werden, wenn sie ein möglichst attraktives Angebot vorfinden. Die Studie schlägt vor, das Einsatzlimit von 1000 Euro pro Monat durch freiwillige Selbstlimitierung zu ersetzen. Auch sollte ein staatliches Lizenzierungsverfahren in Gang gesetzt werden, bei dem jeder Anbieter eine Chance hat.

Scharfer Kritiker einer Liberalisierung des Sportwettenmarktes ist Jürgen Trümper vom Arbeitskreis gegen Spielsucht im westfälischen Unna. Seine Organisation berät die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler. Dass ein Unternehmen wie das in Malta ansässige Tipico in Deutschland mehr als 1000 nicht genehmigte, aber geduldete Annahmestellen unterhält, verurteilt er. Ebenso die Sponsorentätigkeit des Wettanbieters für Vereine wie den Hamburger SV, RB Leipzig und Bayern München.

Er halte es für falsch, „dem Druck der Anbieter nachzugeben.“ Jahrelang hätten sich Tipico und andere nicht an das in Deutschland geltende Recht gehalten. „Nun sollte man nicht hingehen und ihr Gewerbe hierzulande erlauben, das wäre wie eine nachträgliche Anerkennung ihres Vorgehens.“ Das Argument, man solle die Schranke öffnen, weil es kaum eine Handhabe dagegen gebe, wenn Wettveranstalter ihre Dienste online anbieten, hält er für falsch.

„Im Grund genommen ist es doch so: Im Internet gibt es auch Kinderpornografie und Gewaltverherrlichung. Will man jetzt sagen, nur weil dies alles im Netz möglich ist, soll man es auch im normalen Leben einfach zulassen?“, fragt der Experte.

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Erstellt:
30. Mai 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Mai 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2017, 06:00 Uhr

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