Handel

Lebenswerke stehen auf dem Spiel

In der aktuellen Phase der Pandemie geht es für die Innenstädte ums Ganze: Das sagt Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg. Derzeit bewege sich die Politik zwar auf die Händler zu. Doch wenn in der Pandemie nicht massiv unterstützt werde, könnten die Citys eine lange Zeit von Leerständen und Tristesse erleben.

05.03.2021

Von TEXT: Eike Freese|FOTOS: Anne Faden

Sabine Hagmann beim Blick in den geschlossenen Tübinger „Zinser“: Viele Unternehmer haben in der Krise bereits ihre Altersvorsorge aufgebraucht, sagt sie. Andere fürchten um jahrhundertealte Familienbetriebe.

Von den hellen Räumen einer Gründerzeitvilla in Stuttgarter Halbhöhenlage aus dirigiert Sabine Hagmann die Interessen von rund 40 000 Händlern in Baden-Württemberg. In der Pandemie steht sie mit ihren Hilferufen beinahe täglich in der Zeitung oder vor der Kamera. Verglichen damit, räumt auch Hagmann selbst ein, ist in den vergangenen Monaten beinahe nichts passiert. Selbst im aktuellen Wahlkampf fielen die Solidaritätsbekundungen aus der Landespolitik oft eher bemüht aus.

TAGBLATT: Frau Hagmann,
trügt der Schein oder hat sich
im Handel in den vergangenen Monaten eine spezielle Verbitterung gegenüber der Politik
breit gemacht?

Sabine Hagmann: Nein, das ist wohl richtig. Und in meinen Augen sind die Emotionen vieler Unternehmer auch verständlich. Zehntausende Händler in Deutschland sind kurz davor, ihr Lebenswerk zu verlieren. Das sind Menschen, die lange Jahre gerackert und auf vieles verzichtet haben. Sie haben in der Pandemie vielleicht schon ihre Altersvorsorge aufgebraucht und stehen demnächst vor dem Nichts. Oder sie führen ein Jahrhunderte altes Familienunternehmen, das demnächst vielleicht für immer verschwindet. Dazu kommen große Arbeitgeber mit hunderten von Beschäftigten, die jetzt Insolvenz angemeldet haben. Die Lage ist ernst.

Was schätzen Sie, wie viele
konkrete Pleiten derzeit unter
der Oberfläche drohen?

Wir rechnen damit, dass es in Baden-Württemberg aktuell 6000 bis 12 000 Unternehmen jetzt richtig an den Kragen geht. Unsere jüngste Umfrage von Mitte Februar hat auf Bundesebene ergeben, dass 52 Prozent aller Händler in diesem Jahr zwangsgeschlossen zumachen müssen, wenn ihnen nicht massiv geholfen wird. Das sind bundesweit 115 000 Unternehmen. Im Textilhandel sind es sogar 67 Prozent. Bei 40 000 Handelsunternehmen in Baden-Württemberg können Sie sich die Gesamtzahl ausrechnen. Die Summe hat auch mich schockiert.

Mehr Unterstützung für die
Betriebe und weitere Lockerungen waren von jeher Ihre Forderungen. Warum konnten Handel, Politik und Wissenschaft in zwölf Monaten Pandemie noch keine gemeinsame Strategie anbieten, wie man dauerhaft pauschale Schließungen umgehen kann?

Das müssen Sie den Handel nicht fragen. Die Einzelhändler in Deutschland waren sicher nie die Treiber der Pandemie. Im Gegenteil. Studien im Auftrag von Arbeitsministerium, Berufsgenossenschaft und Universitäten geben uns ja recht, wenn wir sagen, dass im Handel weitaus weniger Infektionen stattfinden als im Schnitt der Bevölkerung. Auch weniger als in anderen Bereichen der Wirtschaft. Wie lange reden Sie etwa mit Ihrem Bäcker – und wie weit ist der, hinter der Plexiglasscheibe, von Ihnen entfernt? Dazu kommt, dass im Handel auch bei den Beschäftigten das Infektionsgeschehen weitaus geringer ist als im Schnitt.

Das Hauptargument für die Schließungen war ja weniger, dass sich die Leute ausgerechnet beim Kauf im Laden anstecken.

Sicher, in der Auseinandersetzung mit der Politik wurde uns auch stets gesagt, dass Mobilität an sich oder die Begegnung rund ums Einkaufen Probleme seien. Aber warum wurde nie probiert, ob möglicherweise die Kommunen oder die Verkehrsunternehmen mehr beitragen können? Studien dazu gibt es meines Wissens nicht. Außerdem: Wir haben doch im Land nicht überall die Stuttgarter Königsstraße mit ihrem Gewimmel. Und trotzdem leiden nun auch die kleineren Händler in kleineren Kommunen.

Wenn man hier allerdings
Raum für Differenzierung und
Ermessensspielräume geben
würde, wären damit doch auch
juristische Auseinandersetzungen vorprogrammiert.

Die gibt es bekanntlich auch ohne große Differenzierung. Und klar ist doch eines: Man kommt gar nicht darum herum, eine Strategie festzulegen. Es war ja auch eine Strategie, zu sagen, Handel und Gastronomie schließen fast komplett und andere Wirtschaftsbranchen und gesellschaftliche Bereiche nicht. Es war aus Sicht der geschlossenen Branchen nur eine schlechte Strategie. Zwischen der Komplettschließung und der Komplettöffnung hätte es schon lange viele denkbare Wege gegeben.

Wollten Sie denn überhaupt
Differenzierung? Oder war es nicht eher in Ihrem Interesse,
gar nicht zu schließen?

Wir waren immer für Ideen offen. „Personal Shopping“ etwa: Das wäre vermutlich von Anfang an möglich gewesen, das haben wir von Anfang an gefordert. Allein darüber ist aber gar nicht nachgedacht worden. Ich finde, man kann aber auch nicht vom Handel verlangen, dass er in einer Pandemie die goldrichtige Strategie vorlegt. Viel früher hätten Studien beauftragt werden müssen, die Rezepte bieten, wie eine Gesellschaft sicher und ohne Komplettschließung durch eine Pandemie kommen kann. Wir sind schließlich schon ein Jahr lang in dieser Situation.

Stattdessen wollte offenbar
jede Lobbygruppe für sich die
Gesellschaft davon überzeugen, dass es ausgerechnet bei ihr
besonders sicher ist.

Unser Verband hat sich immer auf unabhängige Studien berufen. Aber klar, jeder hat ein Interesse daran, nicht zu den geschlossenen Bereichen zu gehören. Die Aufgabe der Politik ist es dann, mit Fachleuten die Interessen und die Fakten zusammenzuführen. Mir reicht es aber nicht aus, wenn undifferenzierte Maßnahmen herauskommen, die, nebenbei bemerkt, auch nicht immer auf felsenfesten wissenschaftlichen Ergebnissen beruhen.

Die Grünen im Landtag haben
als Regierungsfraktion schon
mal einen Notfallfonds für
Innenstädte vorgeschlagen.

Richtig, aber der ist uns viel zu wenig. Der Handel hat jetzt schon ein massives Sonder-Opfer gebracht. Das muss anerkannt werden, indem man hier wirklich entschädigt und nicht nur Betriebskosten ersetzt. Sehen Sie: 70 Prozent der Handelsunternehmen sind Personengesellschaften. Das sind oft Einzelunternehmer, die sich keinen Lohn ausbezahlen, sondern denen nur das Ergebnis als Lohn bleibt. Diese Menschen leben nicht von Luft und Liebe – doch das wird gerade völlig ignoriert. Und dann vergleichen Sie das mit anderen, offenen Wirtschaftszweigen und sehen Sie, was für ein Plus dort trotz der Pandemie erzielt wird.

Sie stellen die Gerechtigkeitsfrage. Aber auch wenn es derzeit lange dauert, sind doch immerhin sehr deutliche Staatshilfen auch für den Handel unterwegs.

Es tut sich momentan etwas bei der Überbrückungshilfe 3 und dafür sind wir auch sehr dankbar. Aber es war für uns auch wirklich eine ungeheure Anstrengung, dass die Politik endlich Interessen des Handels berücksichtigt.

Sie meinen etwa die
Anerkennung des Wertverlusts
bei der Saisonware?

Genau. Und dabei sprechen wir momentan leider vor allem nur vom Mode-Handel. Das Problem betrifft aber auch etwa das Spielzeuggeschäft oder den normalen Elektrohändler: Amazon und Co. haben massenweise technische Neuerungen im Moment des Erscheinens verkauft. Auf denen sind kleinere stationäre Händler sitzen geblieben. Diese Waren sind mittlerweile weniger wert als noch vor Monaten.

Umfrage-Zahlen und die jüngsten Nachrichten von Ketten wie
Karstadt, Adler oder Esprit deuten darauf hin, dass gerade der
Innenstadt-Handel besonders
von einer Pleitewelle betroffen sein könnte. Trifft es zudem
Größere mehr als Kleinere?

Es trifft alle. Vielleicht ist der eine oder andere Kleinere etwas flexibler – aber gut kommt kaum einer durch die Krise. Und mit Sicherheit ist der Textil- und Schuhbereich besonders betroffen. Deshalb brauchen wir gerade in Baden-Württemberg ein Programm für den Modehandel. Die Händler sind im Frühjahr auf der Frühjahrsware sitzen geblieben, jetzt auf der Winterware. Jetzt könnte es die dritte Saison geben ohne Perspektive.

Dieses Spezifikum betrifft in
vielen Städten zudem wichtige Ankermieter.

Ja, das sind prägende Häuser. Engelhorn, Breuninger, Zinser, Kaiser in Freiburg, Fischer in Konstanz, Reischmann in Ravensburg. Mit diesen Unternehmen hat Baden-Württemberg traditionell ein tolles Potenzial, aber diese Betriebe sind aktuell auch besonders anfällig. Und stellen Sie sich mal Reutlingen ohne Breuninger, Kaufhof und Zinser vor! Oder stellen Sie sich die Insolvenz auch nur eines dieser Unternehmen vor – und dann die Auswirkung auf die einzelnen Innenstadt-Standorte des Betriebs. Das wäre eine Katastrophe.

Filialisten wie H&M und Douglas haben bereits Schließungen
angekündigt. Traditionell waren
das ja auch Konkurrenten für
alteingesessene Familienbetriebe.

Ich glaube, dass die familiengeführten Unternehmen die Filialisten brauchen und umgekehrt. Und alle brauchen die Gastronomie. Alles zusammen ist in einer funktionierenden Innenstadt ein Ökosystem, das nicht zufällig zusammengewürfelt, sondern gewachsen ist. Wenn nun große Frequenzbringer schließen – was soll denn dann kurzfristig in die leeren Standorte hinein? Sollen wir dann überall Kletterhallen eröffnen?

Dass die Innenstädte nach
der Pandemie mit Leerständen kämpfen werden, scheint
schon ausgemacht.

Ja, die Leerstände wird es leider geben. Und dann braucht es findige Kommunen, denen es gelingt, diese Leerstände zu besetzen, so dass schnell wieder etwas gedeihen kann.

Das wird durch ein anderes Problem nicht einfacher, das ebenfalls nicht erst durch die Corona-Krise aufkam: Die mancherorts haarsträubenden Ladenmieten.
Die scheinen nun oft existenzbedrohend – und sie lassen sich nicht auf Knopfdruck senken.

Wir sehen als Verband auch, dass die Mieten in vielen Lagen runtergehen müssen. Wir hoffen aber auch, dass der Markt das schnell regeln kann. Wenn etwa Filialisten wie H&M und Douglas Standorte aufgeben, wird das Effekte auf die teils astronomischen Durchschnittsmieten haben. Aber ich kenne auch jetzt schon Händler, die aktuell ihre Mietverträge neu verhandelt haben: Weil sie ihren Vermietern glaubhaft machen können, dass sie den Betrieb an dem Standort sonst nicht weiterführen können. Auch Kommunen können mit Subventionen unterstützen wie zum Beispiel wieder mal als Vorbild in Tübingen. Und später könnten sie bei Leerständen als Interims-Mieter auftreten, kurzfristig zumindest. Überhaupt machen die Kommunen derzeit viele gute Dinge: Sie bieten etwa kostenlosen ÖPNV an oder, wie in Heidelberg, Corona-Einkaufsgutscheine für den Innenstadt-Handel. Und wenn eine Kommune aktuell kein Geld hat, dann kann sie immerhin eine Brötchentaste fürs Parken einführen. Es gibt viele vernünftige Ideen, die wenig kosten.

Mit Leerständen, Online-Konkurrenz und hohen Mieten hatten die Innenstädte bereits vor der Pandemie zu kämpfen. Werden jetzt nur Dauerprobleme endlich so dringend, dass man sich darum kümmern muss?

Es ist in der Krise schon eine Bewegung spürbar, das stimmt. Weil Kommunen und Bürger jetzt stärker sehen, was auf dem Spiel steht. Und weil Unternehmer verstärkt darüber reflektieren, wie der eigene Betrieb sich künftig aufstellen will. Wie berate ich künftig meine Kunden? Welche Vertriebswege kann ich neu entdecken? Der Handelsverband bietet dazu mit finanzieller Unterstützung des Landes eine Krisenberatung an. Hier hat das Wirtschaftsministerium in Stuttgart sehr gute Hilfen entwickelt, die hoffentlich bewirken, dass wir den ein oder anderen Händler retten können. Und ich hoffe, dass die vielen unternehmerischen Initiativen in der Pandemie auch danach fortdauern: digitale Modenschauen etwa, Beratung per Video oder die Präsentation in Sozialen Medien. Ich glaube tatsächlich, dass unter dieser Perspektive auch die aktuelle Krise Chancen bietet.

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Erstellt:
5. März 2021, 07:31 Uhr
Aktualisiert:
5. März 2021, 07:31 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. März 2021, 07:31 Uhr

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