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Ausstellung

Lebensraum für Kreative

Schau im Ruhr-Museum dokumentiert die Bedeutung der vor hundert Jahren in Essen entstandenen Künstlersiedlung Margarethenhöhe.

22.08.2019

Von ULRICH TRAUB

In den Häusern der Margarethenhöhe lebten nicht nur Maler und Bildhauer, sondern auch Kunsthandwerker. Das Projekt propagierte den Gedanken, alle Lebensbereiche künstlerisch zu durchdringen. Foto: Ulrich Traub

Essen. Margarethe Krupp war eine besondere Person. Die Witwe Friedrich Alfred Krupps leitete ab 1902 nicht nur den Stahlkonzern vier Jahre lang. Sie gründete 1906 auch die Margarethe-Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge, deren bedeutendstes Projekt die von 1909 bis 1938 errichtete Gartenstadt Margarethenhöhe in Essen war.

Die Ausstellung „Aufbruch im Westen“, die das Ruhr-Museum auf der Essener Zeche Zollverein zeigt, erinnert nicht vorrangig daran, dass die Baumaßnahme sowohl städtebaulich als auch sozialpolitisch eine herausragende Leistung darstellte, die allen Essenern offenstand. Die Schau dokumentiert vielmehr die heute kaum noch bekannte Bedeutung der Margarethenhöhe als Künstlersiedlung. Vor 100 Jahren wurde mit dem Bau des so genannten Kleinen Atelierhauses der erste Schritt getan.

In den darauf folgenden Jahren zogen jedoch nicht nur Maler und Bildhauer in die Siedlung, sondern auch Kunsthandwerker. Der heute wohl bekannteste Bewohner war der Fotograf Albert Renger-Patzsch. Die Idee, die Margarethenhöhe auch gezielt für Kreative zu öffnen, geht auf den Architekten und Stadtplaner Georg Metzendorf zurück, der nach dem Untergang des Kaiserreiches die Gelegenheit gekommen sah, fortschrittliche Ideen wie die Verbindung von Kunst und Handwerk zu fördern. Bei der kunstsinnigen Mäzenin Margarethe Krupp rannte er offene Türen ein. So entstanden schon bald Wohnungen mit angeschlossenen Ateliers sowie Werkstatthäuser.

Die mit über 700 Objekten reich ausgestattete Ausstellung informiert über Hintergründe, Rahmenbedingungen und Folgen der Siedlung, sie eröffnet aber auch Einblicke in das Schaffen diverser Künstler der Margarethenhöhe. Eine zentrale Figur war der Grafiker Hermann Kätelhön, von dem neben einem Porträt von Margarethe Krupp naturalistische Szenen aus dem Bergbau zu sehen sind. Goldschmiedin Elisabeth Treskow fertigte nicht nur die Goldene Kette des Essener Oberbürgermeisters, sondern auch die Meisterschale des Deutschen Fußball-Bundes. Fotos von Renger-Patzsch, Skulpturen von Joseph Enseling, Emaille-Kunst von Kurt Lewy sowie Werkproben der Buchbinderin Frida Schoy, die mit ungewöhnlichen Materialien wie Stahl experimentierte, sind Beispiele für das weit gesteckte Tätigkeitsfeld der Künstler. Das Foto eines Bronze-Porträts von Karl Ernst Osthaus, eine Arbeit von Will Lammert, dem Leiter der Keramischen Werkstatt, erinnert an den Spiritus Rector der gesamten Entwicklung. Der Hagener Industrielle war der Urheber der Folkwang-Idee, die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts – also lange vor dem Bauhaus – den Gedanken propagierte, alle Lebensbereiche künstlerisch zu durchdringen. Das Zusammenwirken von Kunst und Handwerk war eine der Voraussetzungen dafür. Osthaus ist mit dem zunächst in Hagen befindlichen Folkwang-Museum das erste Haus für zeitgenössische Kunst zu verdanken. Margarethenhöhe-Architekt Metzendorf war ein Anhänger der Folkwang-Idee.

Die Keramische Werkstatt existiert übrigens bis heute, sie ist 1933 von der Margarethenhöhe auf das Zollverein-Areal umgezogen. Die Künstler arbeiteten eng mit der Stadt und der Industrie zusammen, erhielten Aufträge, etwa 1929 zur Gestaltung der Gartenbauausstellung Gruga. Es entstand, was man heute ein Netzwerk nennt. Zahlreiche Arbeiten für den öffentlichen Raum sind noch existent – auch auf der Margarethenhöhe, wo viele Wandreliefs von Richard Malin die Fassaden schmücken. Im Gegensatz zu den anderen wichtigen Künstlerstätten der Margarethenhöhe wurde das Kleine Atelierhaus wieder aufgebaut und zeigt regelmäßig Ausstellungen. Und die museal eingerichtete Musterwohnung verdeutlicht die hohen, von Georg Metzendorf geprägten, wohnkulturellen Standards. Der Architekt wirkte auch als Möbeldesigner. Der Niedergang der Künstlersiedlung begann mit der Weltwirtschaftskrise 1929 und wurde 1933 besiegelt. Einige Künstler der Margarethenhöhe wurden verfolgt, andere kooperierten mit der NS-Diktatur. Nach 1945 pflegte Essen seine Rolle als Folkwang-Stadt. Bereits 1927/28 waren als eine der Folgen des künstlerischen Aufbruchs die ersten Folkwang-Hochschulen entstanden, an der einige Künstler der Margarethenhöhe unterrichteten – auch nach dem Krieg wieder. Mit ihren diversen Fakultäten genießt die Schule bis heute einen ausgezeichneten Ruf. Dieses Kapitel beschließt die verdienstvolle Schau im Ruhr-Museum.

Wer heute über die meist stillen Straßen und Plätze der immer noch im Grünen liegenden Margarethenhöhe spaziert, wird schnell von dem besonderen Charakter des Viertels gefangen – auch wenn es keine Künstlersiedlung mehr ist. „Heute ist die Margarethenhöhe, obschon ein Entwurf der Vergangenheit, in ihrer ganzheitlichen und gleichrangigen Behandlung von städtebaulichen, architektonischen, künstlerischen, grüngestalterischen und soziologischen Aspekten, immer noch ein Diskussionsbeitrag zu einem humanen Städtebau“, heißt es zu Recht in einer aktuellen Publikation des Ruhr-Museums.

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Erstellt:
22. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 06:00 Uhr

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