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Käfer im Schinken, Schabe im Teig

Lebensmittelkontrolleure fanden Ekliges in Kneipen und Betrieben

Über 3000 Mal rückten Mitarbeiter des Landratsamtes vergangenes Jahr in Betrieben zu Hygiene-Kontrollen an. Die allermeisten der entdeckten Verstöße gegen das Lebensmittelrecht waren harmlos. Doch bei einigen mussten auch die erfahrenen Kontrolleure schlucken.

12.03.2015

Von Jonas Bleeser

Auf diesen Würsten klebt kein Salz, sondern Schimmel.

Kreis Tübingen. Es ist eine lange Liste mit Vorschriften, die Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln regelt – und schnell ist dagegen verstoßen. Funktioniert beispielsweise just bei einer Kontrolle das warme Wasser an einem Handwaschbecken in der Imbiss-Küche nicht oder ist eine Arbeitsfläche nicht ordentlich gereinigt, ist das ein Verstoß, den die Kontrolleure ins Protokoll aufnehmen. Das war 2014 bei fast der Hälfte der 3091 Kontrollen so. Doch in zwei Prozent der Fälle waren die Verstöße schwerer und wurden mit insgesamt drei Verwarnungs- und 56 Bußgeldern bestraft.

Die Schlamperei kostet die betroffenen Betriebe nicht nur Geld. Sie werden auch häufiger überprüft. „Jedes Ergebnis einer Kontrolle fließt in eine Risikobewertung ein“, erläutert der stellvertretende Abteilungsleiter der Abteilung Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung Herbert Kemmer. Wer dabei schlecht abschneidet, bekommt häufiger Besuch vom Amt, wer dagegen gute Eigenkontroll-Konzepte vorweisen kann, eher seltener. Eindrückliche Beispiele mangelnder Hygiene zeigt der Jahresbericht der Lebensmittelkontrolleure. In einer Bäckerei stießen die Beamten auf ein größeres Schaben-Problem. Der Bäcker fand es offenbar nicht so schlimm, dass die Tiere in seiner Backstube herumkrabbelten. Den geforderten Nachweis für die Bekämpfung der Insekten lieferte er nicht. Bei einer Nachkontrolle wuselten immer noch Schaben herum, die Backwaren standen zum Abkühlen auf dem Boden. Der Betrieb wurde zunächst geschlossen, ein Bußgeld folgte. In einer Metzgerei mussten Kemmers Kollegen zuerst einmal an einem Hund vorbei, der den Vorraum der Wurstküche bewachte. Drinnen fanden sie einen verrosteten Fleischwolf, an einem Schweinebauch klebten Haare und Schmutz: Auch dieser Metzger musste ein Bußgeld bezahlen.

Die Lebensmittelüberwachung schreitet auch ein, wenn sie einen Hinweis erhält. Ein Gast hatte in einem Restaurant Fisch gegessen. Kurz darauf bekam er heftige Bauchschmerzen. Er schickte eine E-Mail ans Amt. Die Kontrolleure fanden übel riechende Muscheln und müffelnden Fisch. Im Labor wiesen sie eine hohe Keimkonzentration nach. Auch wenn der Zusammenhang mit den Bauchschmerzen nicht nachweisbar war, setzte es ein Bußgeld.

So kamen 2014 insgesamt etwa 20 000 Euro zusammen. Sechs Strafverfahren wurden eingeleitet. Das sieht das Gesetz beispielsweise vor, wenn pestizidbelastetes Gemüse oder Kräuter in Umlauf gebracht werden. Es wurden etwa 35 Prozent der Betriebe im Kreis überprüft, die Lebensmittel herstellen, verarbeiten oder verkaufen. Im Schnitt müssten sie also alle drei Jahre damit rechnen. Doch in der Realität dauert es länger, auch weil immer wieder Nachkon trollen nötig werden. Die von der Landesregierung versprochene Verstärkung der Behörden (siehe Kasten) käme Kemmer daher gerade recht: „Wir könnten eine Verstärkung gut gebrauchen. Dann könnten wir die Frequenz erhöhen, was sicher einigen Betrieben ganz gut täte.“

Kompliziert wird es für die Kontrolleure, weil mehr Lebensmittel übers Netz bestellt werden. Da die Verursacher nicht im Kreis Tübingen arbeiten, bleibt nur der Weg über die Amtshilfe. „Da wird die Lebensmittelüberwachung zum echten Problem“, sagt Kemmer. Ein Verbraucher wunderte sich über Löcher im in Berlin bestellten Schinken: Es hatten sich bereits Käfer eingenistet, die Ware war ungenießbar. Der Händler ist bis heute nicht ermittelt. Die angebliche Adresse ist die einer WG, in der ihn keiner kennt. Bilder: Landratsamt

Einige Fälle aus dem Kreis Tübingen: Ein rostiger Fleischwolf...

... verstößt ebenso gegen die Hygiene wie Schaben in einer ...

... Bäckerei oder Schleimablagerungen in einer Spülmaschine.

Die Lebensmittelsicherheit wird von den jeweiligen Landratsämtern überprüft. Im Kreis Tübingen sind dafür 1,5-Amtstierarztstellen vorgesehen, außerdem waren 2014 sieben Lebensmittelkontrolleure unterwegs.
In diesem Jahr ist eine weitere Kontrolleurin hinzugekommen, die gerade ihre Ausbildung beendet hat.
Die Landesregierung hat angekündigt, 44 weitere Stellen in Baden-Württemberg zu schaffen. Ob der Kreis Tübingen dadurch weitere Prüfer anstellen kann, ist derzeit noch unklar.
Wer verdorbene Lebensmittel gekauft hat oder auf mangelnde Hygiene in einem Betrieb hinweisen möchte, kann sich direkt an die Abteilung im Landratsamt wenden. Entweder per Mail an: veterinaerwesen@kreis-tuebingen.de, oder telefonisch unter 0 70 71 / 207 32 02.

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Erstellt:
12. März 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. März 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. März 2015, 12:00 Uhr

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