Literatur

Leben und Überleben im Eis

Die Französin Bérengère Cournut erzählt in ihrem Roman „Das Lied der Arktis“ vom Erwachsenwerden einer Inuk – und von einer fremden Geisterwelt.

22.01.2021

Von MARCUS GOLLING

Vielleicht kann man sich die Heldin von „Das Lied der Arktis“ ein wenig so vorstellen: ein Porträt von Magito, eine junge Inuk aus Netsilik (Nunavut/Kanada), entstanden zwischen 1902 und 1905. Foto: Norwegische Nationalbibliothek/Ullstein

Von ungekannten Bauchschmerzen gequält, tritt die junge Uqsuralik aus dem Iglu in die dunkle Polarnacht hinaus. Unter sich entdeckt sie eine dunkle Flüssigkeit. „Es sieht aus, als hätte mein Bauch Blut und Vogellebern ausgespuckt.“ Doch noch eher die junge Inuk verstehen kann, dass die Lache im Schnee bedeutet, zerreißt es neben ihr das Packeis, und das Mädchen wird von ihrer Familie getrennt. Zum Überleben bleiben ihr nur noch ein Messer in ihrer Jackentasche, ein Fell und ein Bärenzahn als Amulett. Uqsuralik muss es alleine schaffen, erwachsen werden auf die harte Tour.

Die Pariser Autorin Bérengère Cournut, Jahrgang 1979, erzählt in ihrem Roman „Das Lied der Arktis“, ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Buch, eine der außergewöhnlichsten Geschichten dieses Bücherwinters. Die Französin hat nach Angaben ihres Verlags sieben Jahre lang recherchiert, sie studierte die aussterbende Lebensart der Ureinwohner des arktischen Nordamerikas und Grönland, ihre Mythen und Vorstellungswelten.

„Das Lied der Arktis“, das klingt nach dem Bestseller „Der Gesang der Flusskrebse“, womit der Verlag den Roman auch in der derzeit stark nachgefragten Abteilung „Nature Writing“ platzieren möchte. Cournuts packendes Werk passt da auch hin, die schroffe Landschaft wird von ihren Figuren jedoch selten bewundert, eher durchkämpft oder durchlitten. Die Inuit mögen in Einklang mit der Natur leben, gut meint es diese mit den Menschen deswegen noch lange nicht.

Für Romantik ist in dieser Umgebung jedenfalls kein Platz, die Inuit kennen die romantische Liebe gar nicht, ihre Familien sind Überlebensverbünde. Uqsuralik schlägt sich zunächst alleine durch, unterstützt vom Lieblingshund, bis sie wieder Anschluss findet. Jagen muss sie weiterhin, sie kann es auch. Die Ich-Erzählerin schildert diese Momente mit kühler Präzision: „Ich packe die Robbe an den Flossen und schneide die Haut über dem Schädel mit dem Messer ein. Nachdem ich die Fettschicht abgelöst habe, beuge ich mich über den Schnitt und puste kräftig hinein, wie um sie aufzublasen. So lässt sich die Haut später besser lösen.“

Wann die Geschichte spielt? Das Buch gibt lange keinen Hinweis, erst im Epilog erhebt sich die Erzählerin aus dem Mikrokosmos der Inuit – und „die Weißen“, die bei ein paar Flocken schon schneeblind werden, treten auf: „Ohne je einen Fuß auf Nuna, unser Land, gesetzt zu haben, schreiben Sie tausende von Seiten über uns voll.“ Ein kluger Kniff von Bérengère Cournut, die den drohenden Vorwurf der kulturellen Aneignung so prophylaktisch gegen sich selbst richtet. Ob das genügt sei dahingestellt. „Das Lied der Arktis“ ist um Genauigkeit bemüht, aber die Autorin ist keine Inuk, ihr Wissen stammt von weißen Forschern, auch die eindruckvollen Fotos im Anhang.

Die Figuren bleiben einem in ihren Denken und Tun zumeist fremd – und das ist eine Stärke des Romans, der sich nicht einfühlen will. Im Original trägt das Buch den Titel „De pierre et d'os“, „Aus Stein und Knochen“ also, was besser zu diesem fast anthropologischen oder ethnologischen Text passt. Cournut gelingt es mit einer kraftvoll-archaischen Sprache, diese Welt literarisch zu erschaffen.

Der Riese spricht in Versen

Aus der Polarluft gegriffen ist der deutsche Titel trotzdem nicht, denn poetische Einschübe gibt es in „Das Lied der Arktis“, vor allem, wenn die Geister zu Uqsuralik sprechen, etwa ein Riese unter einer Steinplatte. „Ich will dich nicht / Will nicht deinen Leib und auch nicht dein Lied / Ich bin aus schwarzer Nacht / Und du aus warmem Schnee und Blut“, verschmäht er das Mädchen. Ganz anders als später ein seltsames Lichtwesen, ein Mann mit Kapuze, der auch als grüne Wolke oder Polarfuchs auftritt: „Ich spüre, wie er mit seinem Geschlecht aus Karibuhorn in jede meiner Adern eindringt – ein angenehmes Gefühl.“

Schamanismus nimmt einen wichtigen Platz in diesem etliche Jahre im Leben Uqsuraliks umspannenden Werk ein, Sexualität, Krankheit und Tod stehen in Verbindung mit Geistern, der Blick einer Schwangeren kann die Jagdbeute vertreiben und somit ihre Gefährten zum Hunger verurteilen, in Neugeborenen wohnen die Seelen der verstorbenen Verwandten. Das ist Realität in dem Roman, Cournut erklärt und diskutiert nicht. Ebenso real wie die Gefahr durch Geistwesen und wilde Tiere ist eine andere: die durch Männer.

„Das Lied der Arktis“ ist auch ein Buch darüber, wie sich Frauen behaupten, wie häufiger im Genre des „Nature Writing“. In der denkbar unwirtlichsten Umgebung, die man sich vorstellen kann, gedeiht ihre Solidarität. Sie ist zum Überleben in der arktischen Wildnis etwa so wichtig wie die Fähigkeiten mit Harpune und Messer.

Das Lied der Arktis. Aus dem Französischen von Stefanie Jacobs. Ullstein, 256 Seiten, 22.99 Euro. Foto: Bérengère Cournut:

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Erstellt:
22. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2021, 06:00 Uhr

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