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„Dreamer“ in den USA

Leben in der Schwebe

Hunderttausende Kinder sind vor vielen Jahren mit ihren Eltern illegal eingewandert. Obama gab ihnen in seiner Präsidentschaft Rechtssicherheit. Unter Trump droht ihnen jetzt die Abschiebung.

12.02.2018
  • PETER DE THIER

Washington. Im September 2011 wurde Miguel Hernandez bewusst, dass er anders war. An einem Freitag kurz nach Mitternacht hielt die Polizei Miguel, damals 21 Jahre alt, auf dem Heimweg von einer Party an. Sie vermutete, dass der Wirtschafts-Student vor den Toren von Washington D.C. unter Alkoholeinfluss am Steuer gesessen haben könnte – eine Routinekontrolle, die normalerweise schnell beendet ist. Doch Miguel hatte keinen Führerschein. Sein Name wurde in den Polizeicomputer eingegeben, und der sagte: Miguel ist ein „Illegaler“, er gehört so lange hinter Gitter, bis ein Haftrichter entscheidet, wie es weitergeht. Der Richter ließ Miguel wieder frei – unter strengen Auflagen.

Geschichten wie diese können in den USA schätzungsweise 700 000 Menschen zwischen 16 und 36 Jahren erzählen. Die so genannten „Dreamer“ („Träumer“) sind als Kinder mit ihren Eltern illegal in die USA gekommen – und verharren seither im Status der Illegalität. Sie wuchsen in den USA auf, besuchten dort Schule und Universität, sie schlugen Wurzeln und müssen doch jederzeit fürchten, aus ihrer neuen Heimat ausgewiesen zu werden.

Präsident Barack Obama hatte im Juni 2012 per Dekret ein Programm (Daca) eingeführt, dass „Dreamer“ unter bestimmten Voraussetzungen vor der Ausweisung schützen sollte. Wenn sie zur Schule gehen oder dem Militär beitreten, studieren und sich keine Straftaten zuschulden kommen lassen, sollte der Weg frei sein zur permanenten Aufenthaltsberechtigung.

Doch genauso schnell, wie Obama Daca einführte, hat sein Nachfolger Donald Trump das Programm per Dekret außer Kraft gesetzt. Im aktuellen Haushaltsstreit machten die Demokraten den permanenten Schutzstatus für die „Dreamer“ zur Bedingung für ihre Zustimmung zu Trumps Haushaltsgesetz und damit zur Abwendung eines erneuten Haushaltsnotstands. Fraktionschefin Nancy Pelosi unterstrich die Dringlichkeit des Themas mit einer achtstündigen Marathonrede. Doch die Demokraten schafften es nicht, sich durchsetzen. Das Migrationsthema wurde vertagt.

Miguel lebt seit seinem sechsten Lebensjahr ohne Papiere in den Vereinigten Staaten und hat nun große Angst, dass bald der Grenzschutz vor der Tür steht: „Ich habe Albträume, dass sie um fünf Uhr morgens anklopfen, mir Handschellen anlegen und mich in einen tristen Knast sperren, bis ich mit dem Bus wieder nach Mexiko gebracht werde.“

Dabei führt Miguel heute ein sehr amerikanisches Leben. Er hat einen soliden Highschool-Abschluss hingelegt, an der George-Mason-Universität Betriebswirtschaft studiert, im Verein Fußball gespielt, er arbeitet als freiwilliger Helfer in einem Seniorenheim und strebt einen Doktortitel an.

Der illegale Grenzübertritt, der heute seine Existenz bedroht, liegt lange zurück. 1997 kamen Miguels Eltern mit ihrem Sohn über die unsichtbare Staatsgrenze in der weitläufigen Sonora-Wüste aus Mexiko nach Arizona. Bewaffnete Grenzbeamte gab es damals kaum, das Risiko war entsprechend gering.

Dramatische Veränderung

Miguels Vater hielt sich und die Familie mit einem Job als Erntearbeiter bei Tucson über Wasser. Bald danach zog es die Eltern und ihren Sohn nach North Carolina, wo Miguels Vater für einen Kurierdienst Pakete auslieferte und die Mutter in einem Mini-Markt als Verkäuferin jobbte. 2002 ging es dann weiter nach Virginia zu Verwandten.

Heute, 15 Jahre später, hat sich Miguels Welt dramatisch verändert. Die Eltern wurden längst ausgewiesen. Er lebt bei seinem Großonkel. „Ich fühlte mich immer wie ein richtiger Amerikaner“, sagt er. „Die ganze Sache mit meinem Aufenthaltsstatus hielt ich als Teenager gar nicht für so wichtig. Freunde und Schulkameraden behandelten mich, als sei ich einer von ihnen.“

Erst die verhängnisvolle Polizeikontrolle im September 2011 ließ Miguel daran zweifeln. Dem entsprechend erleichtert war er nach Obamas Initiative ein dreiviertel Jahr später. „Als Daca kam, dachte ich, dass alles gerettet ist. Ich erfülle alle Voraussetzungen und führe, trotz dieses einen Fehlers, ein anständiges, gutes Leben“, sagt er. Es klingt wie eine Rechtfertigung. Wenn sich die Demokraten und Republikanern nicht einigen, droht Miguel von März an die Abschiebung.

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12.02.2018, 06:00 Uhr
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