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Ausstellung über Flucht und Vertreibung

Lawinen, Ströme und die Angst vor dem Fremden

Die im Bischöflichen Ordinariat Rottenburg beginnende Ausstellung „Verlorene Heimat - willkommen in der Fremde?“ zeigt Parallelen der heutigen Flüchtlingssituation in Deutschland zu jener nach dem Zweiten Weltkrieg.

06.03.2017
  • Rainer Bendel

Als im Sommer und Herbst 2015 Flüchtlinge vor Gewalt und Krieg in unser Land strömten, drängten sich mir die Bilder aus den Erzählungen meiner Großmutter auf. Sie hatte das Schicksal einer Nachkriegsvertriebenen erlitten, darum aber nicht viel Aufhebens gemacht. Trotzdem trug sie schwer daran und erzählte ihrem Enkel immer wieder davon. Da wurden Bilder wach von scheinbar unüberbrückbaren Gräben zwischen denen, die in den Nachkriegsmonaten neu ankamen, und denen, die sie aufzunehmen hatten. Viele Geflüchtete waren enttäuscht und verletzt über die Ablehnung, mit der sie empfangen wurden. Parallelen zur heutigen Situation drängen sich auf.

„Ich wünschte, die Erinnerung an die geflüchteten und vertriebenen Menschen von damals könnte unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen. Und umgekehrt: Die Auseinandersetzung mit den Entwurzelten von heute könnte unsere Empathie mit den Entwurzelten von damals fördern.“ Das sagte Bundespräsident Joachim Gauck beim Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni vergangenen Jahres. Offen blieben die Parallelen zwischen der Situation der Jahre ab 1945 und jener ab 2015.

Bei den Sprachbildern, die wir verwenden, stellen wir Ähnlichkeiten fest: Ströme, Lawinen, Berge kamen und kommen auf uns zu. Fragt man, ob sich Nachkriegslage mit der heutigen vergleichen lässt, heißt es schnell: Das ist nicht vergleichbar. Das überraschte mich.

Wie wird diese Aussage begründet? Dass es uns heute viel besser geht als nach dem Ende eines Weltkriegs? Das wird auch angeführt, aber meist nicht als zentrales Argument – eine weitere Überraschung für mich. Pflegen wir die Unvergleichbarkeit, weil die einen die Dramatik der heutigen Flucht-Situation erhöhen und die anderen nicht ihr Schicksal relativiert sehen wollen?

Ernsthafte Argumente gegen die Vergleichbarkeit sind die Herkunft der Mehrzahl der heutigen Flüchtlinge aus einer anderen Religion, Kultur und Sprache. Aber selbst da will meine Erinnerung an die Erzählungen der Großmutter, ergänzt um die Lektüre einer Vielzahl an Quellen aus den 1940er Jahren, sofort Widerspruch formulieren.

Die Nachkriegsvertriebenen kamen aus dem Osten – die Rede vom kulturellen Gefälle West-Ost hatte die Wahrnehmung geprägt. Der nationalsozialistischen Ideologie folgend, lebten im Osten die Untermenschen. Da blieb etwas an den Flüchtlingen haften: In der Wahrnehmung vieler kam „Gesindel“ aus dem Osten; Klassifizierungen wie „Zigeuner“ fielen zuhauf. Die westliche Aufnahmegesellschaft hat bewusst die Differenzen herausgestrichen und die Andersartigkeit betont. Die Ablehnung der Ankommenden als aus dem Osten dahergelaufene Habenichtse spiegelt sich fast durchweg in der Erinnerungsliteratur der Vertriebenen.

Oft wurden die damaligen sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten angesprochen, der andere Dialekt wurde nicht verstanden. Man verstand sich nicht, weil man sich nicht verstehen wollte. Das verstärkte die Ablehnung. Eine weitere Barriere bildeten die konfessionellen Grenzen: Wir können deren Tragweite heute so nicht mehr ermessen nach den Fortschritten in der Ökumene und dem Bedeutungsschwund der Religion. Die Geschlossenheit der Konfession wurde zum Identifikations- und Integrationsfaktor stilisiert. Das Gewicht, das solchen Argumenten zugewiesen wurde, sowie die Intensität der Debatte unterscheiden sich kaum von den aktuellen Diskussionen um die Gefahren, die dem so genannten Christlichen Abendland durch den Islam drohen sollen.

Was hat in den Nachkriegsjahren die Integration befördert, außer dem Wirtschaftswunder, das ein wichtiger Motor war? Von kirchlicher Seite ist für die frühe Phase an die so genannten Rucksackseelsorger zu erinnern, die den Menschen unter schwierigsten Bedingungen nachgingen, wo immer sie in Not steckten. Sie vermittelten Wohnraum und Arbeit, halfen bei der Familienzusammenführung, brachten Decken oder die Einladung in eine der Suppenküchen der Caritas mit.

„Wir müssen eine einzige Opfer- und Liebesgemeinschaft in der Diözese sein, würdig des großen Patrons der Diözese, des Caritas-Heiligen Martinus“, schrieb der Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll in seinem Caritas-Hirtenbrief im Februar 1946. Sproll sorgte dafür, dass die Diözese schon im Februar 1946 einen eigenen Beauftragten für die Betreuung der Vertriebenen erhielt.

Der Leiter des nach dem Krieg neu geschaffenen Seelsorgeamts, der spätere Domdekan Alfred Weitmann, setzte sich vehement für eine angemessene kirchliche Betreuung der Vertriebenen ein und sorgte als Mitgründer der katholischen Akademie in Hohenheim auch für die Reflexion der kirchlichen und gesellschaftlichen Situation der Vertriebenen in einer der ersten Tagungen der Akademie 1951.

Die Vertriebenenseelsorger wollten religiös-kulturell Vertrautes wie Andachten und Liedgut bewahren, weil sie überzeugt waren, dass es stabilisiert und so zur Integration hilft. Wallfahrten wurden als Ventil für die Nöte und Sorgen, aber auch als gruppentherapeutische Prozesse gesehen, als Gelegenheiten, bei denen Menschen, die das gleiche Schicksal erlebt hatten, miteinander redeten.

Die Seelsorger motivierten die Vertriebenen zur Selbsthilfe. In einer Zeit, da noch das alliierte Koalitionsverbot bestand, trieben sie die Gründung von Selbsthilfeorganisationen voran, die nicht ins Ghetto führen, sondern das Engagement zur Integration fördern wollten: Nicht Sprengstoff der Gesellschaft, sondern Bausteine einer neuen Ordnung sollten die Vertriebenen sein.

Die Seelsorger appellierten an die Vertriebenen, sich in vorhandene Organisationen und Parteien einzubringen, sich gesellschaftlichen und politischen Prozessen, zu beteiligen und sie im eigenen Interesse mitzugestalten. Das haben die Vertriebenen nachhaltig getan. Sie haben die Sozialpolitik der Bundesrepublik in den 1950er und 1960er Jahren geprägt, nicht nur mit dem Lastenausgleichsgesetz, sondern auch mit dem Rentengesetz 1957 oder der Wohnbauförderung bis hin zur Arbeitslosenversorgung und der Einrichtung der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg unter Josef Stingl. Stingl war jahrelang Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde gewesen, einer Organisation katholischer deutschsprachiger Christen aus der Tschechoslowakei.

Nicht der unwichtigste Aspekt der Integration begegnet mir, wenn ich an das abgegriffene Exemplar eines Gebetszettels meiner Großmutter denke, den ich nach ihrem Tod unter ihrer Korrespondenz fand: Das „Gebet der Heimatlosen“, in dem schon 1946 zum Verzicht auf Hass und Rache aufgerufen und an die Bereitschaft zur Versöhnung appelliert wurde. Privatbild

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06.03.2017, 01:00 Uhr
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06.03.2017

10:37 Uhr

cehage schrieb:

Für mich etwas zu viel Schönfärberei . Genau daran krankt unsere (Flüchtlings-)Politik: Das Themen vermischt werden, die man nicht vermischen sollte! Und natürlich, dass im sozial-industriellen Komplex enorm viel Geld vorhanden ist.

Natürlich lassen sich die Situationen nicht wirklich vergleichen. Die nach dem verlorenen Krieg im Westen ankommenden Menschen waren ausgewiesen, verfolgt und gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben worden. Daraus sind u.a. GG und Asylrecht entstanden. Das hat wenig mit den meisten Flüchtlingen unserer Zeit zu tun, die teils auch aus Kriegsgebieten kommen, sich aber aus eigenem Antrieb auf den Weg gemacht haben. - Sie hatten eine Wahl!

Das damals aber war für alle unumkehrbar und wir lügen uns selbst in die Tasche, wenn wir denken, dass die Mehrheit, der durch halb Europa gelaufenen und teils marodierenden "unbegleiteten jungen Männer", je unsere Zukunft sein will oder sein könnte. Letztendlich geht es, wie so oft, nur darum zu profitieren ;-)



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