Uraufführung

Lauter letzte Worte

Sterbehilfe als Gartenparty: Das Schauspiel Stuttgart zeigt „Weltwärts“ von Noah Haidle in der Regie von Intendant Burkhard C. Kosminski. Das Stück braucht Zeit, bis es berührt und befreit.

02.03.2020

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Mama will sterben: Anna (Therese Dörr) im Gespräch mit ihrer Tochter Rose (Aniko Sophie Huber). Im Hintergrund Elmar Roloff, Peer Oscar Musinowski und Klaus Rodewald. Foto: David Baltzer

Stuttgart. Auch wenn's so aussieht: Nein, eine harmlose Gartenparty ist das nicht. Gastgeberin Anna leidet an einer unheilbaren Motoneuron-Krankheit und will aus dem Leben gehen. Eintrudelnde Gäste werden kurz aufgeklärt: „Wir assistieren Anna beim Suizid.“ Mutter Dorothy mag es poetischer: Es gehe darum, „den Tod zu choreografieren“. So werden wir Zeuge einer „Transmigrationszeremonie“, wie Rose, Annas siebenjährige Tochter, die Gäste belehrt. Schon anfangs, als Anna herzerweichend falsch Geige spielt – und ein böser Nachbar „nimm Unterricht!“ blökt, wird klar: Autor Noah Haidle will kein scheinheiliges Stück der Stunde vorführen, keinen Erklärtext zum jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichts, sondern schwarzhumoriges Theater – auch über all das Ungeschick, das normal-verrückten Menschen beim Umgang mit selbstbestimmtem Sterben so passieren kann. Am Samstag feierte „Weltwärts“ Uraufführung im Stuttgarter Schauspielhaus.

Der US-Dramatiker Haidle, 1978 in Michigan geboren, ist kein Geheimtipp mehr. Seine Stücke über scheiternde und dennoch Hoffnung verströmende Alltagsheldinnen werden hierzulande rauf und runter gespielt, gerne prominent besetzt, etwa 2017 mit Maria Furtwängler in „Alles muss glänzen“ und mit Ulrike Folkerts in „Für immer schön“. Kritik am American Dream geht immer, obwohl bei Haidle mehr drinsteckt. In den USA war er als Drehbuchautor eines Films mit Al Pacino („Stand Up Guys“) erfolgreich, im April folgt sein Broadway-Debüt. Was mögen viele an seinen Texten? Offenbar die Machart: Well-made-Plays, pointenreiche Plots und pfiffige Dialoge, oft makaber bis trashig.

Doch bei der Uraufführung von „Weltwärts“ funktioniert der rasante schwarze Humor Haidles in der Regie von Intendant Burkhard C. Kosminski anfangs nur stotternd – in allzu behutsamem Respekt vor dem Thema gehen einige fiese Pointen unter. Auch manche Regieidee – wenn, statt einer Schminkszene, auf der Bühne mit einem Luftgewehr geballert und mit Farbbeuteln geworfen wird – erschließt sich nicht. Erst langsam lässt Kosminski locker, erlaubt mehr Freiräume, mehr Mut zur Groteske. Etwa für Onkel Buddy, den Zahnarzt, der bei der Suizid-Feier als Schauspieler glänzen will. Stark, wie Elmar Roloff diesen Möchtegern-Gründgens spielt, der sich als Krishna-Gott aufgedonnert hat, um mit erbaulichen Texten von Shakespeare bis Bhagavad Gita zu nerven – wobei es Roloff schafft, dieser Karikatur ihre Würde zu lassen. Ähnliches gelingt Klaus Rodewald, der famos ambivalent den ekligen Nachbarn Kevin verkörpert, der Annas begleiteten Suizid der Polizei petzt, sich dann aber einfügt und entkrampfend wirkt: „Heißt das, wir können jetzt weinen?“

Im Lauf der 100-minütigen Suizid-Feier findet die Inszenierung zunehmend eine Balance zwischen Witzelei und Verzweiflung, befreiender Distanz und berührender Nähe. Selbst wenn Baby, Annas drogengefährdete Zwillingsschwester, den Queen-Heuler „Save Me“ anstimmt, wirkt das, so gut es geht, unpeinlich. Dass Therese Dörrs Anna zwar zerbrechlich, aber sonst kerngesund wirkt, stört wenig. Man mag Oberflächlichkeit monieren, doch es geht hier nicht um Naturalismus oder Pflicht-Betroffenheit, schon gar nicht um exaltiertes Heul- und Brülltheater, sondern um Fragen des Lebens im Angesicht des Todes. Immerhin: Haidle gelingt es, ein Tabuthema zu öffnen – nicht als papierne Moraldebatte. Und die Regie lässt so etwas wie Optimimus durchklingen, der über Klischees und wohlfeile „Loslassen“-Tipps im Text hinweg trägt und beflügelt. Ein Fall von Self-Empowerment. Genau das haben Stück und Regie dann doch ganz gut hingekriegt.

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Erstellt:
2. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. März 2020, 06:00 Uhr

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