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Deutsche immer ängstlicher

Laut Kriminalstatistik ist Deutschland aber so sicher wie seit 25 Jahren nicht mehr

Das Land ist so sicher wie seit 1992 nicht mehr. Das zeigen die Zahlen der Kriminalstatistik. Doch die Wahrnehmung der Bevölkerung ist negativ.

10.05.2018

Von MICHAEL GABEL

Fotos: Johannes Eisele und Stefan Puchner (beide dpa), Gina Sanders - Fotolia.com

Berlin. Es scheint ein Widerspruch zu sein: Einerseits sinken die Fallzahlen in allen Kriminalitätsbereichen. 5,76 Millionen Straftaten gab es laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) 2017 – der niedrigste Wert seit 1992. Andererseits sinkt das Sicherheitsgefühl der Deutschen: 41 Prozent geben an, sich im öffentlichen Raum unsicherer als vor fünf Jahren zu fühlen. Die wichtigsten Fragen.

Warum fühlen sich die Menschen verunsichert, obwohl Deutschland sicherer geworden ist? Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bot bei der Vorstellung der Zahlen zwei Erklärungen. So hätten die Deutschen bei der Zuwanderungswelle 2015/2016 einen „Kontrollverlust“ der Bundesregierung erlebt, der immer noch nachwirke. Wenn der Staat wie während der G20-Demonstrationen in Hamburg rechtsfreie Räume zulasse, führe das ebenfalls dauerhaft zur Verunsicherung. Weniger dramatisch bewertet der Vorsitzende der Innenministerkonferenz der Länder, Holger Stahlknecht (CDU) aus Sachsen-Anhalt, den Widerspruch. „Die gefühlte Sicherheit der Menschen ist immer schon schlechter gewesen als die objektive Lage.“ Eine Rolle spiele auch der „politisch-journalistische Verstärker-Kreislauf“, der nach spektakulären Gewalttaten in Gang komme. Die Schere zwischen tatsächlicher und gefühlter Lage sei „so groß wie noch nie“.

Ängstigt viele: Ein Einbrecher macht sich an einem Fenster zu schaffen. Foto: © Gina Sanders - Fotolia.com

Woher stammen die Zahlen der PKS? Sie wertet Straftaten aus, die bei der Polizei angezeigt wurden,. beleuchtet aber nicht das Dunkelfeld. Vermutungen, dass dieses drei- bis viermal größer sei, wies Seehofer zurück. Darüber gebe es keine verlässlichen Angaben.

Hat die Verunsicherung der Menschen Auswirkungen auf ihr Verhalten im Alltag? Ja. In einer Umfrage von Infratest Dimap gab ein Fünftel der Befragten an, häufiger als früher darauf zu achten, möglichst wenig Bargeld bei sich zu tragen. Gut ein Drittel vermeidet es häufiger, abends bestimmte Plätze oder Parks zu betreten. Und fast die Hälfte überlegt es sich gründlicher als zuvor, nachts öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Grafik: SWP

Passt die positive Entwicklung 2017 zum langjährigen Trend? Sie passt insofern dazu, dass Deutschland in den vergangenen Jahren nach einem Kriminalitätshoch in den frühen 1990er Jahren deutlich sicherer geworden ist. Die Zahl der schweren Körperverletzungen ging von rund 155.000 vor zehn Jahren auf etwa 137.000 im vergangenen Jahr zurück. Noch deutlicher sank im gleichen Zeitraum die Zahl schwerer Diebstähle, von rund 1,2 Millionen auf zuletzt etwa 900.000. Die Entwicklung verlief jedoch nicht ohne Sprünge – so wurden in den Jahren 2015/16 sowohl mehr schwere Diebstähle als auch mehr Einbrüche angezeigt als in den Vorjahren. Die Ausreißer nach oben sind nun aber wieder aufgefangen.

Gewalt gegen Polizisten gibt vielen Bürgern das Gefühl eines Kontrollverlustes. Foto: Johannes Eisele/dpa

Wie will die Politik die verbreitete Verunsicherung bekämpfen? Seehofer wollte gar nicht erst den Eindruck entstehen lassen, dass sich die Bundesregierung wegen der neuen Zahlen zurücklehne. „Es bleibt viel zu tun“, sagte er. Er lobte den Koalitionsvertrag, der Bund und Ländern nicht nur 15.000 zusätzliche Polizistenstellen zusichere, sondern auch einen Ausbau der Videoüberwachung vorsehe. Die Polizei müsse darüber hinaus mehr Befugnisse erhalten. Beim Vorgehen der Ermittler dürfe es keinen Unterschied machen, ob Täter „am Telefon, per SMS oder über internetbasierte Messengerdienste kommunizieren“. Bei Messengern sind aufgrund der Verschlüsselung die Zugriffsmöglichkeiten beschränkt.

Gestiegen ist de Zahl der Drogendelikte hier zeigen Zöllner Beutel mit Marihuana. Foto: Stefan Puchner/dpa

In welchen Bereichen sind die Zahlen entgegen dem allgemeinen Trend gestiegen? Im vergangenen Jahr gab es knapp ein Zehntel mehr Drogendelikte als im Jahr zuvor. Bei der politisch motivierten Kriminalität bereiten von Islamisten verübte Körperverletzungen die größten Sorgen. Der Bericht nennt 80 Fälle, was einer Zunahme um 150 Prozent entspricht. Gestiegen ist ebenfalls die Zahl der Straftaten gegen das Waffengesetz (plus 10,3 Prozent). Laut Kriminalstatistik rüsten deutsche und nichtdeutsche Tatverdächtige zu etwa gleichen Teilen auf.

Gibt es regionale Besonderheiten? Als Kriminalitätsmetropole hat Frankfurt am Main Berlin abgelöst. Dazwischen hat sich Hannover geschoben. Stuttgart liegt beim Vergleich von 39 Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern auf Platz 32. In Baden-Württemberg sank die Zahl angezeigter Straftaten nur leicht um 4,8 Prozent. Dafür liegt im Land die Aufklärungsquote mit 62,4 Prozent deutlich über dem Bundesschnitt von 57,1 Prozent.

Erwartungen gestiegen: Interview mit Rechtswissenschaftler Wolfgang Heinz

Der Konstanzer Rechtswissenschaftler Wolfgang Heinz sieht in der Sorge der Deutschen vor zunehmender Kriminalität ein Zeichen für Verunsicherung in zahlreichen Lebensbereichen.

Herr Professor Heinz, wie zuverlässig ist eine Kriminalitätsstatistik?

Wolfgang Heinz: Da die Kriminalitätsstatistik darauf beruht, wie viele Anzeigen in einem Jahr eingehen, hängt sie natürlich von der Anzeigebereitschaft der Bevölkerung ab – mit einer entsprechend hohen Dunkelziffer.

Sind die Zahlen 2017 also gesunken, weil es weniger Anzeigen gibt?

Nein, der Trend geht eindeutig in die andere Richtung. Heute werden beispielsweise zwischen 25 und 30 Prozent aller Fälle von Körperverletzung angezeigt. Vor etwa 40 Jahren waren es laut einer in Bochum durchgeführten Studie nur etwa 15 Prozent. Das heißt, wir haben gerade bei Gewalttaten eine deutliche Zunahme der registrierten Kriminalität, und zwar eine Zunahme, die keine Entsprechung in diesem Maße in der Realität hat. Es gibt nur wenige Bereiche, in denen Delikte zu 100 Prozent erfasst werden. Bei Banküberfällen ist das beispielsweise so.

Weshalb ist dann das Gefährdungsgefühl der Menschen unverändert hoch?

Die Menschen sind allgemein verunsichert. Sie sorgen sich um die Versorgung im Alter, haben Angst vor Krankheiten, vor Kriegen, vor Katastrophen. Das allgemeine Gefühl der Verunsicherung kulminiert dann in der Furcht vor Straftaten, wobei auch übertriebene Darstellungen solcher Fälle in den Medien eine Rolle spielen.

Hängt der Frust damit zusammen, dass die Ansprüche der Bürger in Sicherheitsfragen gestiegen sind?

Ja. Und ich meine auch, dass die Ansprüche legitim sind. Der Staat wird den Menschen ihre allgemeine Furcht vor Kriminalität nicht nehmen können. Er soll aber beispielsweise sicherstellen, dass wir nachts in Ruhe durch den Park gehen können. Perfekte Sicherheit wird er aber nicht leisten können, denn dann befänden wir uns im Überwachungsstaat. Und das wollen wir nicht. Zugespitzt kann man es so ausdrücken: Kriminalität ist ein Preis unserer Freiheit.

Ein gewisses Maß an Kriminalität müssen wir also akzeptieren?

Ja, so ist es. Junge Leute gehen abends aus in Viertel, die gefährlich sind, wo getanzt und Alkohol getrunken wird. Das ist ihre Freiheit. Ein gewisses Maß an Abenteuer gehört zum Leben dazu. Nur muss dabei die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit stimmen.?Michael Gabel

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Erstellt:
10. Mai 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Mai 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2018, 01:00 Uhr

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