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Gutenachtgeschichte

Lauschige Literatour im Hof der Pfäffinger Kelter

Christel Halm, Hans Hebart und die Band Ortef nahmen ihr Publikum im Hof von Pfäffingens Alter Kelter mit auf eine kleine Weltreise.

07.08.2019

Von Uschi Hahn

Mit Christel Halm im Lesesessel ging es am Montag bei der Gutenachtgeschichte im Hof der Alten Kelter in Pfäffingen auf Verbrecherjagd nach Portugal. Für Reiseproviant sorgten unterm blauen Pavillon der Förderverein Alte Kelter und Ammerbuchs Gemeindebücherei. Ulrich Metz

Da kommt kein Reiseveranstalter mit: Eine Tour von Portugals Algarve über Griechenland und Irland bis nach Vietnam, Abstecher auf dem Prenzlauer Berg und im jiddischen Schtetl inklusive. Und alles an einem einzigen Abend. Bei der TAGBLATT-Gutenachtgeschichte war das am Montagabend locker drin. Ammerbuchs Bürgermeisterin Christel Halm und der Schlossermeister Hans Hebart aus Pfäffingen im Lesesessel, sowie die Band Ortef übernahmen die Reiseleitung. Gut 150 Zuhörerinnen und Zuhörer ließen sich im lauschigen Ambiente hinter der Alten Kelter in Pfäffingen gerne auf diese literarisch-musikalische Tour mitnehmen.

Angesichts des zahlreichen Publikums war der stellvertretende TAGBLATT-Chefredakteur Ulrich Janßen beinahe ein wenig neidisch. Denn in Tübingen, für das er gemeinsam mit seiner TAGBLATT-Kollegin Ulla Steuernagel die Gutenachtgeschichte einst ersonnen hatte, ist das Interesse an den sommerlichen Leseabenden im Laufe der Jahre etwas erlahmt. „Die wirklichen Literaturliebhaber findet man auf den Dörfern“, musste Janßen mit Blick auf die Pfäffinger Resonanz feststellen.

„Glücklich mit dem Publikum hier“, war auch Christel Halm, die sich als erste „wie die Leseoma mit der Brille“ in den roten Ledersessel setzte. Sie lese viel und besonders gerne Krimis, bekannte die Bürgermeisterin, bevor sie das Publikum mit Leander Lost, der Hauptperson in den Portugal-Krimis von Gil Ribeiro, bekannt machte. Der Hamburger Kriminalkommissar kommt über ein Austauschprogramm von Europol nach Portugal, genauer gesagt nach Fuseta an der Ost-Algarve.

Mit seiner deutschen Korrektheit, seinem unbedingten Willen „niemals und nirgends aufzufallen“ sorgt der Autist bei seinen neuen Kollegen schnell für Verwunderung. Mit seiner Inselbegabung ist er aber auch nicht ganz verloren in Fuseta. Sie macht ihn, zumindest für die Schwester seiner Kollegin, auch ausgesprochen liebenswert. „Spannend, atmosphärisch dicht und mit feinem Humor“ sei der Krimi geschrieben, so Halm. Bisweilen bleibe einem dabei aber auch „das Lachen im Hals stecken“.

Passend zum Namen hatte Ortef zuvor bereits eine akustische Vorspeise serviert: Streicheinheiten von Siegfried Härers Violine, feine Gitarrenakkorde von Hans-Christoph Böhringer, und tiefe Klänge aus Siegfried Keppelers Kontrabass, garniert mit virtuosen Flötentönen von Werner Roth. Als Zwischengerichte folgten unter anderem ein griechisches Liebeslied und eine leise Barockweise, bevor zur Hauptspeise ein fideles Stück Irish-Folk gereicht wurde.

Zuvor aber nahm Hans Hebart das Publikum mit auf den Prenzlauer Berg im Osten Berlins, wo „Sungs Laden“ spielt. Das Buch von Karin Kalisa hat er mal geschenkt bekommen und „schön gefunden“. Für ihn sei die Geschichte von vietnamesischen Neuberlinern und erst griesgrämigen und dann immer fröhlicheren Urberlinern, „eine schöne Utopie von Völkerverständigung“ und damit genau das Richtige für einen „lauen Sommerabend“, hatte Hebart noch vor Beginn des Leseabends im Gespräch mit dem TAGBLATT seine Auswahl begründet.

Im Lesesessel ersparte er sich große Vorreden und legte gleich los mit der immer mehr Tempo aufnehmenden Story, in der es um Nickkatzen, Nudelsuppe, vietnamesisches Kulturgut, Wasserpuppen aus Feigenholz und Parkwächter geht, die plötzlich Kegelhüte tragen und Mangos essen. Irgendwann weht dann die Rote Fahne mit dem Konterfei von Ho Chi Minh über dem Prenzlauer Bezirksamt: „Echt jetzt?“ Das Publikum konnte nicht genug bekommen. Auf Hebarts Frage „Es langweilt doch nicht?“ folgte jedenfalls ein lautstarkes Nein. Seiner leserischen Zugabe folgte am Ende auch noch eine musikalische von Ortef: Klezmer zum Nachtisch am Reise-Buffet.

Am Ende spendete die Reisegruppe reichlich für die Mitveranstalter vom Förderverein Alte Kelter und der Ammerbucher Gemeindebücherei. Für die Vorleserin und den Vorleser gab’s Gutscheine von der Buchhandlung Osiander.

Die Bücher

Lost in Fuseta, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, ist der erste von drei Portugal- Krimis von Gil Ribeiro. Der Autor heißt eigentlich Holger Karsten Schmidt und arbeitet als Drehbuchautor für Film und Fernsehen. Lebhaft und mit viel Humor beschreibt Ribeiro die kriminellen und zwischenmenschlichen Schwierigkeiten, in die seine Hauptperson, der Hamburger Kommissar und Autist Leander Lost, an der Ost-Algarve gerät.

Sungs Laden, erschienen im Verlag Droemer, ist der erste Roman der Ethnologin und Sprachwissenschaftlerin Karin Kalisa, die nach Stationen in Bremerhaven, Hamburg, Tokio und Wien jetzt im Osten Berlins lebt. Dort spielt auch die Geschichte, die ihren Ausgang im vietnamesischen Laden des studierten Archäologen Sung nimmt. In leichtem, beschwingten Ton beschreibt die Autorin eine wundersame Alltagsrevolution, zu der sich Urberliner und Nachkommen der vietnamesischen Vertragsarbeiter im Bezirk Prenzlauer Berg verbünden.

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Erstellt:
7. August 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
7. August 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. August 2019, 01:00 Uhr

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