Spitzenkandidaten-Porträts

Landtagswahl: Lange Linie gegen Tempo

Der bodenständige Superrealo setzt auf Weitsicht, die resolute Kultusministerin inszeniert sich als Macherin. Wie ticken Winfried Kretschmann und Susanne Eisenmann?

13.03.2021

Von Roland Muschel

Wahlkampfgegner: Winfried Kretschmann (Grüne) und Susanne Eisenmann (CDU). Fotos: Staatsministerium Baden-Württemberg/Dennis Williamson / Thomas Kienzle/dpa / Montage Bock

Winfried Kretschmann: „Beim Klimaschutz muss richtig Zug rein.“

Winfried Kretschmann sitzt zwischen zwei Grünpflanzen auf einem Wohnzimmersessel und schaut in eine Kamera und auf den Monitor daneben. „Nur wenn ich mit Klimaschutz das Versprechen von Prosperität verbinde, werden andere Regionen folgen. Das ist meine Philosophie“, doziert Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident. Auf dem Monitor nicken die aus ihren Wohnzimmern zugeschalteten Gesprächspartner, Grünen-Bundeschefin Annalena Baerbock und der frühere Außenminister Joschka Fischer.

Fischer, 72, ist das Gesicht grüner Erfolge in der Vergangenheit; Baerbock, 40, die Aussicht auf künftige Wahlsiege. Kretschmann verkörpert beides, erfolgreiche Vergangenheit und Zukunftsversprechen zugleich. Der Oberschwabe ist seit 2011 der erste grüne Landeschef der Republik, er hat erst fünf Jahre mit der SPD regiert, seit 2016 führt er ein Bündnis mit der CDU. Mit 72 ist er genauso alt wie der Politikveteran Fischer. Am 14. März kandidiert der bodenständige Superrealo, bekennende Katholik und Fasnachtsfan zum dritten Mal für das Amt des Ministerpräsidenten – und alle Umfragen deuten auf einen weiteren Sieg hin.

Nur Kretschmann bleibt betont skeptisch. „Ich misstraue diesen Umfragen. Wie sich die Pandemie auf das Wählerverhalten auswirkt, weiß keiner“, sagt er im Gespräch. „Man tritt so vielen Menschen auf die Füße.“ Er merke das auch an den Zuschriften. Neulich habe ihm einer geschrieben: „Ich schäme mich, Sie zweimal gewählt zu haben.“ Kretschmann nippt an seinem Tee, bevor er seine Schlussfolgerung platziert: „Des isch koi gmäht’s Wiesle.“

Im „Team Umsicht und Vorsicht“ hat sich der Oberschwabe mit dem markanten Bürstenhaarschnitt auch in der Corona-Pandemie verortet – gemeinsam mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Wie in der Flüchtlingskrise vor fünf Jahren hat sich Kretschmann auch in dieser Krise lange an der Kanzlerin orientiert, auf Wahlplakaten wirbt er sogar mit dem Merkel-Spruch „Sie kennen mich“. In jüngster Zeit wirkt er aber ein bisschen wie ein Getriebener – vom Druck des Koalitionspartners und Wahlkampfgegners CDU, von den Erwartungen der Wirtschaft und immer größeren Teilen der Bevölkerung.

Winfried Kretschmann (Grüne). Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg/Dennis Williamson

„Ich bin ein langsamer Politiker“

Im 2012 erschienen Gesprächsbuch „Reiner Wein“ hat sich Kretschmann bewundernd über den früheren SPD-Kanzler Helmut Schmidt geäußert, der sich in Krisen „besonders bewährt“ habe, indem er „schnell, entschlossen und klar“ gehandelt habe. Sich selbst sah der gerade ins Amt gekommene Ministerpräsident nicht in dieser Rolle: „Krisenmanagement im Schmidt’schen Sinne ist nicht unbedingt meine Stärke. Ich bin ein langsamer Politiker. Die Leute sehen, dass ich in langen Linien zu denken versuche.“ Heute würde sein Presseteam solche Sätze wohl streichen.

Tatsächlich basiert Kretschmanns Popularität wesentlich auf der Fähigkeit, lange Linien aufzuzeigen – und gelegentlich eigene Schwächen einzugestehen. Indem er auch mal gegen die Linie der Bundes-Grünen Kaufprämien für Verbrenner fordert, präsentiert er sich nicht nur als wirtschaftsnah, sondern auch als über Parteiinteressen stehender Politiker der Mitte. Die Rolle des abwägenden Landesvaters hat er inzwischen perfektioniert. Dass er nicht in jeder Detailfrage ad hoc Antworten geben kann, spielt da eine untergeordnete Rolle. Mit seinem Management der Flüchtlingskrise waren die Bürger im Großen und Ganzen dennoch zufrieden, auch jetzt, in der Pandemie, ist die Zustimmung weiter hoch.

Nun will er, im Falle eines Wahlsiegs, aktiv eine andere Krise in den Mittelpunkt seiner Politik stellen. „Jeder mögliche Partner muss wissen, eine Koalition mit den Grünen heißt: Klimaschutz, Klimaschutz, Klimaschutz. Da muss richtig Zug rein in den Kompetenzen, die wir haben.“

Die Zerstörung der Natur hat Kretschmann dazu gebracht, bei der Gründung der Grünen mitzuwirken. Seit 1980 sitzt er mit Unterbrechungen für die Partei im Landtag. Das Artensterben ist ihm auch heute noch eine Sondersitzung der Fraktion wert, auf Wanderungen durch den Schwäbischen Wald kann der frühere Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Ethik fast jede Pflanze bestimmen. Der Fridays-For-Future-Bewegung oder der Klimaliste hält er aber entgegen, dass man nur mit radikalen Ansagen nichts erreichen werde, sondern Bündnispartner brauche. Den Wandel der baden-württembergischen Automobilindustrie, versucht er moderierend zu lenken, nicht durch Verbote.

Kretschmann hatte lange mit sich gerungen, bevor er im September 2019 seine erneute Kandidatur verkündet hat. „Mach‘ das nochmal“, hatte ihn seine Frau Gerlinde ermuntert, mit der er in Sigmaringen-Laiz in einem umgebauten ehemaligen Gasthaus wohnt. Nun, da sie an Brustkrebs erkrankt ist, tritt er im Wahlkampf kürzer. Gefühlt ist er dennoch omnipräsent: Auf allen grünen Wahlplakaten prangt die Aufforderung: „Grün wählen für Kretschmann“. Keine Partei treibt den Personenkult mehr auf die Spitze. Als er bekannt gab, dass er eine dritte Amtszeit anstrebe, wurde er gefragt, was denn das Neue sein werde, wenn er 2021 wiedergewählt werde. „Das Neue ist, dass das Alte endlich durchgesetzt wird“, erwiderte er. Nur mit wem oder gegen wen – die Antwort steht noch aus.

Susanne Eisenmann: „In diesen Zeiten kann man nichts sicher vorhersagen“

Susanne Eisenmann drückt mal wieder aufs Tempo. Sie ist an diesem Freitag Ende Februar beim Verband der Familienunternehmer zu Gast. In einem Saal der Werkzeugfabrik Paul Dümmel im prosperierenden 3000-Einwohner-Ort Hülben (Landkreis Reutlingen) stellt sie sich den Fragen eines Moderators, die Veranstaltung wird in die Chefetagen der Verbandsunternehmen gestreamt. Was sie von der Forderung des Unions-Fraktionschefs im Bundestag, Ralph Brinkhaus, nach einer „Jahrhundert-Reform“ der Verwaltung halte, fragt der Moderator. „Wenn wir 100 Jahre brauchen, dann gute Nacht“, erwidert die CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl. An anderer Stelle, als es um die Öffnung der Schulen geht, sagt sie: „Ich habe schon Ende Dezember gesagt, der reine Blick auf die Inzidenzen reicht nicht. Da war die Aufregung aber groß!“ Dann folgt ein Satz, der auch ihr politisches Credo sein könnte: „Es muss mehr sein als zu sagen, wir warten mal noch!“

Susanne Eisenmann, 56, seit 2016 Kultusministerin in der grün-schwarzen Koalition, soll der CDU den Weg zurück in die Villa Reitzenstein ebnen, den Stuttgarter Regierungssitz, auf den die Partei bis zum Einzug von Winfried Kretschmann vor zehn Jahren ein Dauerabonnement zu haben schien. Die gebürtige Stuttgarterin war von 1991 bis 2005 Büroleiterin des damaligen CDU-Fraktionschefs Günther Oettinger. Wie ihr ehemaliger Chef, der für die Südwest-CDU 2006 als bislang Letzter eine Landtagswahl gewonnen hat, und mit dessen früherem Regierungssprecher sie verheiratet ist, will Eisenmann viele Dinge anstoßen, Tempo machen. Mit ihrer resoluten Art hat sie erst die CDU-Fraktion für sich eingenommen und dann machtbewusst CDU-Vize-Regierungschef Thomas Strobl dazu gebracht, ihr die Spitzenkandidatur zu überlassen. Das hat die seit gemeinsamen Tagen in der Jungen Union bestehende Freundschaft zeitweise getrübt, die Partei aber in einer Phase der Unsicherheit befriedet.

Die promovierte Germanistin zählt eigentlich zum liberalen Spektrum der Südwest-CDU. Mit 16 Jahren trat sie in die Junge Union ein, kämpfte erfolgreich für die Sanierung eines Sportplatzes im Stuttgarter Ortsteil Heumaden. Mit 26 Bezirksbeirat, mit 30 Einzug in den Stadtrat, zweimal Stimmenkönigin bei Gemeinderatswahlen, Fraktionsvorsitz. 2005 wechselte sie auf die Bürgermeisterbank mit Zuständigkeit für die Stuttgarter Schulen. Sie eröffnete in ihrer elfjährigen Amtszeit Gemeinschaftsschulen, die nicht zu den Lieblingsprojekten der Landes-CDU zählen. Sie leistete sich 2010 im Streit um Stuttgart 21 auch eine Minderheitsmeinung innerhalb der CDU, als sie noch vor dem „Schwarzen Donnerstag“ einen befristeten Baustopp anregte, um den Konflikt zu entschärfen.

Susanne Eisenmann (CDU). Foto: Thomas Kienzle/dpa

Keine Wunschkandidatin der Fraktion

Als Strobl sie zur Kultusministerin berief, stieß das in der konservativen CDU-Fraktion auf Missfallen. Eisenmann schaffte es aber, die Abgeordneten nach und nach für sich einzunehmen, indem sie sie früh in Entscheidungen einband und auch kleine Gesten wie Anrufe zu Geburtstagen nicht vergaß. Den ersehnten Erfolg im Windschatten der Popularität der Kanzlerin vor Augen, schien es, als könne sie die parteiinternen Lager einen. Im November 2020 rangierte ihre CDU in einer Umfrage sogar vor den Grünen.

Vergangenen Freitag, Foyer des Landtags. Eine Etage weiter oben endet gerade die letzte Sondersitzung vor der Wahl, es geht um die neuesten Corona-Beschlüsse, auf den Fluren aber werden noch aufgeregter aktuelle Umfragen debattiert, die die CDU weit hinter den Grünen sehen. „Ach“, sagt Eisenmann, „in diesen unsicheren Zeiten kann man nichts verlässlich vorhersagen“. Die Partei sei geschlossen und zuversichtlich, lasse sich von den Zahlen nicht beeindrucken. Noch schneller als sie spricht, wippt sie mit dem rechten Bein. Ein paar Stunden später ploppt die Maskenaffäre des – inzwischen ehemaligen – CDU-Bundestagsabgeordneten Nikolas Löbel auf. Eisenmann verurteilt dessen Deal als unanständig und inakzeptabel. Solche Parteigänger kann sie nicht gebrauchen. Schon gar nicht jetzt, wo in den eigenen Reihen angesichts der drohenden Niederlage bereits aufgelistet wird, welche Fehler die Kandidatin gemacht haben soll.

Eisenmann hat sich früh bei erfolgreichen Wahlkämpfern im In- und Ausland informiert. Einen Ratschlag haben alle mitgegeben: Auf den letzten Metern zählt Geschlossenheit, ja kein Kurswechsel, kein Verzagen. Auf ihren Wahlplakaten stehen rhetorische Fragen, weil die Wähler angeblich keine Ausrufezeichen-Ansagen mehr lesen wollen. Zur Klartext-Politikerin Eisenmann, die sich als entscheidungsfreudige Macherin und damit als Gegenmodell zum aus CDU-Sicht wenig tatkräftigen Ministerpräsidenten präsentieren will, passt das nur bedingt. Die 56-Jährige hat sich von den Fesseln der Wahlkampfführung seit dem Jahreswechsel befreit. Sie wollte mehr Tempo reinbringen, in die Impfstrategie des Landes, die Öffnungsperspektiven, auch den Wahlkampf. Ob zum Nutzen der CDU, wird sich am Sonntag weisen. Wenn sie wider Erwarten im Endspurt die Grünen noch einholen sollte, wird ihr die Partei ein Denkmal bauen. Landet sie unter den 27 Prozent von 2016, steht ihre politische Zukunft in den Sternen. Dann bestimmen womöglich andere das Tempo.

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Erstellt:
13. März 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. März 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. März 2021, 06:00 Uhr

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